LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über virtuelle Nachrichten und „Ghosting“

Ich mag keine Katzenvideos und „Pokemon Go“ hatte ich schon nach zehn Minuten wieder desinstalliert. Eigentlich die besten Voraussetzungen, um vor einer Handysucht gefeit zu sein. Oder etwa nicht?

Ungewohnte Gesprächspausen

Es gibt eine Situation, in der ich ständig auf den Bildschirm meines Smartphones blicke und ich mich kaum auf etwas anderes konzentrieren kann. Und zwar passiert mir das immer dann, wenn ich einer Person, an der mir etwas liegt, eine Nachricht geschrieben habe und noch keine Antwort erhalten habe.

Dass uns eine solche Situation mit Unruhe und Ungeduld erfüllt, liegt auf der Hand, denn Unterbrechungen liegen nicht in der Natur eines mündlichen Vier-Augen-Gesprächs. Dort erhalten wir unmittelbar eine Reaktion des Gegenübers, sei es verbal oder in Form von Mimik und Gestik. Wir können nicht nicht kommunizieren und so können wir auch nicht nicht antworten.

Bei schriftlicher, virtueller Kommunikation ist das anders. Hier gibt es sehr wohl Gesprächspausen. Doch obschon das unseren Gewohnheiten nicht entspricht, ziemt es sich in dem Fall nicht, sich darüber zu beklagen. Wer sich dennoch beschwert, so die Unterstellung, zeigt kein Verständnis für den stressigen Alltag seines Gesprächspartners.

Es mag sein, dass an diesem Argument etwas dran ist, nichtsdestotrotz ist es schwer, eine ausbleibende Antwort nicht persönlich zu nehmen. Denn wer nicht daran denkt, zurückzuschreiben, der denkt auch nicht an den Menschen dahinter, sieht den Kontakt zu ihm nicht als prioritär an.

Plötzlicher Kontaktabbruch

Es sind zwei Fälle voneinander zu unterscheiden: der Fall, in dem auf eine bestimmte Nachricht nicht mehr geantwortet wird, und der Fall, in der eine Person überhaupt nicht mehr antwortet und den Kontakt abbricht, ohne dies explizit zu machen. Das zweite Phänomen hat heute sogar seine eigene Bezeichnung, nämlich „Ghosting“ (von Englisch „ghost“, also „Geist“).

Es entzieht sich gänzlich meinem Verständnis, warum jemand das als geeignete Strategie betrachten könnte, mit einer Konfliktsituation umzugehen. Erstens sind alle impliziten Botschaften, die damit vermittelt werden, in tiefster Weise respektlos. Wer den Kontakt zu einem Mitmenschen ohne Erklärung abbricht, teilt ihm damit indirekt mit, dass ihm die Kommunikation mit ihm nichts (mehr) wert ist. Mit dem Gespräch beendet er die gesamte Freundschaft. Er gibt die Hoffnung auf, mit diesem Menschen jemals wieder zusammenzufinden, zeigt, dass ihm daran auch nicht wirklich gelegen ist.

Zweitens glaubt er, im Sinne seines eigenen Wohls zu handeln, aber das ist wohl kaum der Fall. Denn er hat sich selbst die Möglichkeit genommen, anzusprechen und zu klären, was ihn bedrückt. Wer Konflikten aus dem Weg geht, der will sich nicht weiter damit beschäftigen, der möchte seine Ruhe haben, aber wie sollte man diese Ruhe finden, wenn es keine Lösung und Erlösung gibt, wenn das, was der Freundschaft im Wege stand, nie aus dem Weg geräumt werden kann?

Viele Zweifel, keine Vergebung

Jedenfalls wird der „Geghostete“ seine Ruhe mit Sicherheit nicht finden. Denn der Wunsch nach Klarheit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir können Dinge nur akzeptieren, wenn wir sie verstehen. Solange sie uns ein Rätsel bleiben, verfolgen sie uns. Wenn Menschen uns den Dialog verweigern, verweigern sie uns ebendiese Klarheit. Sie lassen uns mit quälenden Fragezeichen zurück, zwingen uns, uns mit den Erklärungen zufrieden zu geben, die wir uns selbst zurechtlegen, die aber stets nur die Hälfte eines Ganzen sind. An die Stelle der anderen Hälfte tritt die Ungewissheit darüber, was der genaue Grund für den Kontaktabbruch ist, die Unsicherheit, was wir falsch gemacht und an uns haben könnten, das der andere ablehnt. Wir beginnen, zu zweifeln, ein zermürbender Prozess, bei dem nicht nur die gesamte Freundschaft bis zu diesem Punkt, sondern auch das eigene Selbst zerpflückt wird.

Es ist kein leichter Schritt, sich in eine Situation zu begeben, in der wir verletzen und verletzt werden könnten. Aber meist gehen wir gestärkt daraus heraus, stellen fest, dass die ausgesprochenen Wahrheiten hart, aber konstruktiv gewesen sind, dass sie wehtun und doch verziehen werden können. Denn ja, bei Äußerungen gibt es etwas Substanzielles, das verziehen werden kann, im Schweigen hingegen bleibt nichts übrig und was nicht da ist, kann nicht vergeben werden.

Neue Kommunikationswege und ihre Tücken

Ich würde mir wünschen, dass wir wieder offener mit Konflikten umgehen würden und uns weniger vor wahren Worten fürchten würden. Denn manchmal genügt es schon, eine Sache bloß anzusprechen, um sie aus dem Weg zu schaffen oder einen Lösungsansatz zu finden.

Wir sollten außerdem bedenken, dass wir außerhalb des virtuellen Raumes oft völlig anders reagieren. Unsere heutigen Kommunikationsgewohnheiten sind, trotz neugeschaffener Möglichkeiten, nicht immer ein Segen. Denn sie öffnen die Tür für unnatürliche Verhaltensweisen und Erwartungshaltungen. Sie lösen eine Abhängigkeit vom Smartphone aus, die mit Handysucht im Grunde nichts zu tun hat. Vielmehr entlarvt die scheinbare Sucht sich als Indikator für Probleme im sozialen Umgang. Diese sollten wir beim Schopf fassen und mehr Mut zum Streit wagen! Und natürlich sollten wir das Handy öfter beiseitelegen und uns persönlich treffen. Es macht einen Unterschied, ob wir zu einem Bildschirm oder einem Paar Augen sprechen.