PATRICK WELTER

Bei Gutachten stellt sich nicht nur die Frage der Echtheit, sondern die Frage des Blickwinkels. Nicht nur unter Juristen gibt es die Konstellation zwei Experten gleich drei Meinungen. Neben dem Blickwinkel zählt vor allem der Auftraggeber. Wenn das Umweltministerium ausgerechnet den Wissenschaftler mit der Überprüfung des Tanktourismus beauftragt, der Luxemburg seit vielen Jahren auf einem falschen Weg sieht, dann deutet sich das Ergebnis bereits an. Professor Ewringmann - an dessen wissenschaftlicher Qualifikation niemand zweifelt - hat sich im Laufe vieler Gutachten, insbesondere für den Umweltverband „Mouvement écologique“ ein Bild von Luxemburg gemacht.

Der unbedarfte Leser stellt sich die eine oder andere simple Frage: Wie wurde bitte die Ökobilanz, die so verdammt viel kosten soll, berechnet? Wo kommen diese Zahlen her? In letzter Zeit war viel von Meinungsblasen die Rede - im Zusammenhang von liberalen und reaktionären Meinungen, die sich im Internet perpetuieren.

Ähnliches gibt es auch in der Wissenschaft. So potenziert sich die Todesgefahr von Feinstaub von Untersuchung zu Untersuchung. Anders lautende oder zurückhaltende Stimmen finden kein Gehör.

Der politische und unsoziale Schnellschuss wird prompt zur Tugend. Beispiel gefällig? In Paris dürfen zwar neue SUVs mit 400 PS in die Innenstadt, aber keine alten Kleinwagen vom Schlage eines R4 oder eines Citroën AX. Der Stadtluft zuliebe.

Wasser auf die Mühlen aller Rechtspopulisten. Zurück zur Ökobilanz. Stellt man diese nur auf wenn es einem in den Kram passt? Gegen Elektromobilität ist nichts zu sagen, nur der Heiligenschein, den man der Technologie flicht, kann einem den letzten Nerv rauben.

In einem überschaubaren Land mag es funktionieren, dass E-Autos nur mit „grünem“ Strom betrieben werden. Auch Strom aus Müllverbrennungsanlagen gilt per Definition als „grün“ . Wie sieht es mit der Energieversorgung von E-Autos im Atomland-Frankreich oder im Deutschland des ungebremsten Braunkohletagebaus aus?

Schon gar nicht mehr so grün - da ist bestenfalls noch vom „lokal emissionsfreien Fahren“ die Rede. Ceterum censeo: Wie sieht es mit der Ökobilanz der Batterien aus, mit Rohstoff- und Energie bei der Herstellung?

Ist eine fachgerechte Entsorgung ohne Umweltbelastung überhaupt möglich? Hier fehlen Antworten, Studien oder Untersuchungen. Für die Politik ist dennoch alles Paletti.

Es geht hier übrigens nicht um den Erhalt des Tanktourismus und schon gar nicht um das Gesummse der christlich-sozialen Opposition, die sich in ihrer Regierungszeit den Allerwertesten platt gesessen hat ohne Ideen zu entwickeln.

Es geht um das enervierende Abfeuern von Schlagworten wie „Entdieselung“ oder „Dekarbonisierung“, die entweder technisch oder politisch an der Realität vorbeigehen. Wie soll ein 40-Tonnen-Lastzug, der heute 95 Prozent weniger Emission ausstößt als 1980, „entdieselt“ werden? Was nützt das Schlagwort von der „Dekarbonisierung“, wenn bei Aachen die Braunkohlegruben immer noch ganze Dörfer auffressen? Den Kohlefreund Trump nicht zu vergessen.

Ein bisschen mehr Realitätssinn würde das tumbe Volk durchaus goutieren.