LUXEMBURG
LJ

Ob Verhaltensauffälligkeit oder mentale Beeinträchtigung: Allzu gern lautet die bequeme Ausrede, der Mensch sei eben „anders“ und müsse deshalb auch „anders“ behandelt werden. Dabei ist das Konzept von „anders sein“  höchst problematisch, wenn es auf diese Weise verwendet wird. „Anders“ heißt nicht automatisch „schlechter“, und darf keinesfalls mit Krankheiten oder Störungen gleichgestellt werden  - dafür braucht es aber mehr Sensibilisierung der Öffentlichkeit, um Vorurteilen vorzubeugen, bevor sie überhaupt entstehen, betont Gesundheitsministerin Lydia Mutsch.

„Der Begriff ‚Anders sein‘ hat viele Gesichter und Geschichten. Während die einen sich um jeden Preis bemühen, nicht ‚anders zu sein‘ oder nicht ‚sonderbar‘ oder sogar ‚anormal‘ zu wirken, vermitteln andere ein Bild von ‚bloß nicht auffallen‘. So galt früher, wer sich nicht an die ‚Norm‘ hielt als widernatürlich, also ‚anormal‘, oder sogar krank. Ich erinnere nur daran, dass homosexuelle Menschen bis 1991 warten mussten, um im ICD-10 nicht mehr als geisteskrank betrachtet zu werden! Das gilt auch für Verhaltensauffälligkeiten. Es ist heute immer noch wichtig, dafür einzutreten, dass das Verhalten oder Empfinden im Rahmen eines ‚Anders sein‘ nicht mit Krankheit oder Störung gleichgesetzt wird.

Die Psychiatrie-Studie (Haefner, 1992) ist deshalb ein Meilenstein der psychiatrischen Versorgung. Menschen mit jeglichen Formen von ‚anders sein‘ fanden ihren Platz im früheren CHNP. So auch die Menschen mit (geistigen) Beeinträchtigungen. Damit gingen mehr als notwendige Veränderungen einher, denn es waren tatsächlich brutale, nicht vertretbare Zustände, in denen viele psychisch Kranke, (geistig) beeinträchtigte Menschen, marginalisierte oder unbequeme Randgruppen regelrecht weggesperrt wurden.

Wie konnten sich solche Verhältnisse entwickeln? Ein Grund ist sicher, dass psychische Erkrankung häufig mit einem Verhalten einhergeht, das von der Norm des Üblichen abweicht. Dieses Fremde irritiert die Meisten auch heute, und wir begegnen diesen Menschen oft mit gemischten Gefühlen, vielleicht Neugier, jedenfalls oft mit einer Mischung aus Unverständnis, Furcht, Abwehr und Ausgrenzung. Bei Kindern oder Jugendlichen kann Ohnmacht gegenüber Verhaltensauffälligkeiten zu extremen Situationen wie emotionaler Ablehnung oder Ausgrenzung führen.

Über die Psychiatriereform wurde sich massiv für die Verbesserung der Situation psychisch Kranker und Behinderter eingesetzt. Neue Strukturen wie das COSP-HR, welches sich für die Eingliederung behinderter Menschen am Arbeitsplatz einsetzt, oder öffentliche Veranstaltungen wie der ‚A l Normal‘-Kongress vor zwei Jahren wären da zu nennen.

Persönlich glaube ich, dass der Hauptgrund unserer schlechten Behandlung von ‚anderen‘ darin liegt, dass wir uns hier mit Menschen auseinandersetzen, deren Verhalten oder Auftreten uns bisweilen undurchschaubar und fremd erscheint. Erst wenn wir versuchen, zu erkennen, welche Einflüsse – soziale, politische, gesellschaftliche und natürlich persönliche Erfahrungen – unsere Regungen und Gefühle bestimmen, wird es uns auch gelingen, zu verstehen, warum wir uns dem Fremden gegenüber so ablehnend verhalten. Nur dadurch wird es möglich werden, die Verschiedenheit anderer Menschen und Kulturen zu verstehen. Ganz besonders im Hinblick auf das aktuelle und weiter fortwährende Flüchtlingsthema, welches vor unseren Landesgrenzen nicht Halt macht, denke ich, dass erst, wenn wir die Verschiedenheit oder Fremdheit verstehen, wir sie auch akzeptieren und achten können.“