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Spielfokus: Tomb Raider (1996)

Die größte Ikone der Videospielindustrie war bis in die 1990er Jahre hinein ein kleiner, dicker Klempner. 1996 änderte sich dies auf einen Schlag: Lara Croft machte ihr Debüt mit Tomb Raider und plötzlich waren Videospiele mächtig im Rampenlicht. Marketing und Berichterstattung konzentrierten sich auf die Reise der Frau Croft, aber das eigentliche Spiel ist mindestens genauso bemerkenswert.

Umbruch mit Folgen

Um Tomb Raider zu verstehen, muss man es in seiner Zeit betrachten. Die dritte Dimension war, was die Grafik angeht, 1996 gerade einmal in der Spielwelt angekommen. So richtig damit umgehen konnten damals nur einige wenige Visionäre. Shigeru Miyamoto gelang es bei Nintendo mit Mario 64 zwar, unter großen Mühen der neuen Dimension neue spielerische Facetten abzugewinnen, aber zahlreiche altbekannte Serien schafften eben diesen Sprung nicht. Sonic weiß heute immer noch nicht, wohin und einige Maskottchen der 90er, wie etwa Bubsy, verschwanden binnen kürzester Zeit im Polygonsumpf. Bei Eidos entschloss man sich jedoch dazu, etwas Neues und ganz eigenes zu versuchen. Keine anthropomorphen Tierchen oder comichaft überzeichnete Süd-Europäer sollten hier den Erfolg schaffen. Nein, ein anderer, gewagter, gänzlich revolutionärer Schritt wurde gemacht: Eine Frau sollte als Protagonist her. In einer damals gänzlich von Männern dominierten Industrie war das geradezu unerhört.

Tiefgründiges Gameplay

Die Irritation wurde noch größer, sobald man das Spiel tatsächlich mal spielte. Zwar hat die akademisch-akrobatische Lara gleich zwei Pistolen, nur kamen die recht selten zum Einsatz. Stattdessen sollten die Gebiete, die mal mehr, mal weniger nahe an der Definition eines Grabes dran sind, vorsichtig erkundet werden. Was Lara klettertechnisch drauf hat, lässt so manche Bergziege erstaunt aufblicken, und so machen sich die Spieler auf, um das Terrain zu entdecken und der Umgebung ein Geheimnis nach dem anderen zu entlocken. Musik wird spärlich eingesetzt, meistens sind es die Hintergrundgeräusche der Tiefen, die zur Atmosphäre beitragen. Wie bei vielen Spielen dieser Zeit, läuft vieles ausschließlich im Kopf ab. Ein Tutorial, das einem beibringt, wie alles funktioniert und wie die Ebenen anzugehen sind, gab es damals nicht. Das Leveldesign ist organisch und verlangt von den Spielern, dass sie entsprechend viel Zeit in die Erkundung stecken. Genau hier setzt Tomb Raider dank seiner Perspektive Akzente: Da man sich frei umblicken kann, ist es der weiblichen Indiana Jones möglich, eventuelle Gefahren zu sehen, bevor man einfach in diese reinläuft. Denn während ein Bär sich lautstark ankündigt, sind Pfeilfallen und tödliche Abgründe bemerkenswert still. Die unzähligen Spießfallen tragen natürlich Ihriges dazu bei, dass die Spieler eher vorsichtig werden. Dass die Gräber immer größer und tiefer werden schafft auch den Eindruck der Isolation und abgeschotteter Stille, fernab der Kakophonie aktueller Spiele.

Alternde Schönheit

Leider ist es dann auch wieder die Grafik, bei der das Spiel sein Alter preisgibt. So wie bei vielen frühen polygonalen Spielen, sehen die Texturen matschig aus und generell fehlt es einfach an Vielecken (Polygone). Die oft beschriebene Oberweite der Frau Croft bestand im Erstling noch aus zwei überdimensionierten Dreiecken mit herzhaft wenig erotischem Potenzial. Auch ihr Gesicht wirkt sehr flach.

Auch spielerisch gibt es aus heutiger Sicht einige Probleme. So steuert sich die Frau Croft ähnlich wie ein Kleinlaster, was bei einigen Sprungpassagen nervenraubend sein kann. Auch gibt es einige stilistische Brüche, etwa wenn urplötzlich Dinosaurier auftauchen, ohne dass ein Grund angegeben wird, wieso die Viecher eigentlich da sind. Wer über diese Schwächen hinweg sehen kann, dem bietet sich hier ein solides und spannendes Abenteuer. Das Spiel ist aktuell erhältlich auf Steam (10€) und GoG.com (im Dreierpack mit dem zweiten und dritten Teil für 10€).