LUXEMBURGMARCUS STÖLB

Eine Hommage auf das Fahrrad

Jetzt endlich kommen sie wieder aus ihren dunklen Verließen, bevölkern Wege und Straßen. Nur hart gesottene Zeitgenossen schwangen sich im nimmer enden wollenden Winter aufs Velo - und solche, die schlicht keine Alternative hatten. Denn zuvorderst ist das Fahrrad ein Fortbewegungsmittel, ein Vehikel, um von A nach B zu kommen.

Ein Thema mit Tradition

Tatsächlich jedoch verbinden viele Menschen mit ihrem Velo mehr. „Mein bester Freund? Ob man es glaubt oder nicht: Das war mein Fahrrad“, schrieb schon Henry Miller. Und Kurt Tucholsky berichtete, wie er im Keller des Kopenhagener Polizeipräsidiums einst „1372 Fahrräder“ erblickte - aufgehängt und „alle mit dem Kopf nach unten, wenn das nicht ungesund ist! Alte und junge, fröhliche und traurige“, schilderte er seine bleibenden Eindrücke und befand schon zu seiner Zeit: „Kopenhagen, wie männiglich bekannt, ist die Stadt der Fahrräder; es soll Kopenhagener geben, die keines besitzen, aber das glaube ich nicht“.

Heiter bis nachdenklich

Insgesamt 29 Texte finden sich in dem nun im Schweizer Verlag Diogenes erschienenen Sammelband „Fahrradfreunde“. Die meist heiteren, bisweilen aber auch nachdenklich stimmenden Geschichten - etwa Andrea Camilleris „Von der Liebe zum Radfahren“ - formen eine Hommage auf wohl eine der genialsten weil friedlichsten und ökologischsten Erfindungen der Menschheitsgeschichte. Ob Pablo Nerudas „Ode an das Fahrrad“ oder Christian Morgensterns „Das treue Rad“ - das Lesebuch bietet lauter kurzweilige Liebesgeschichten und erzählt von der Zuneigung des Besitzers zu seinem Drahtesel. Wer hätte den Band schöner illustrieren können als der große Zeichner des kleinen Nick, Jean-Jacques Sempé? Seine anrührende Geschichte vom „Geheimnis des Fahrradhändlers“ fehlt in dem Band ebenso wenig wie René Goscinnys köstliche Episode „Der kleine Nick und sein Fahrrad“.

Ungebrochene Faszination

Dass Fahrrad ist von unseren Straßen nicht mehr wegzudenken - und hat doch seinen Zauber nie verloren. Die ungebrochene Faszination mag auch damit zusammenhängen, was Patrick Süskind über „Die unheimliche Kunst des Radfahrens“ und seine ersten Fahrversuche schreibt: „Diese schwankende Fortbewegungsweise kam mir zutiefst unsolide, ja unheimlich vor, denn es konnte mir niemand erklären, weshalb ein Fahrrad im Ruhezustand sofort umfiel, (…) nicht aber umfallen sollte, wenn sich ein zweiunddreißig Kilogramm schwerer Mensch darauf setzte und ohne jede Stütze oder Anlehnung damit herumfuhr“.

Man könnte nun mit Kreiselgesetzen und mechanischem Drehimpulserhaltungssatz kommen - oder sich einfach nur der Lektüre der wunderschönen Texte widmen.
Daniel Kampa (Herausgeber): Fahrradfreunde - Ein Lesebuch; mit Zeichnungen
von Jean-Jacques Sempé, Verlag Diogenes, Zürich 2013, 238 Seiten, 16,90 Euro.