LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wie sehr uns was am Herzen liegt und warum

Als Kind hatte ich einen ganz besonderen Freund und der ließ mich nie im Stich. Er war immer da, wenn ich draußen im Garten spielte. Er spendete mir Schatten, er schenkte uns seine Kirschen im Sommer, er ließ sich von mir umarmen und er ließ sich von meiner Playmobil-Armee erobern. Wenn die Ameisen an seiner Rinde emporstiegen, verteidigte ich ihn. Ich bespritzte die bösen Tierchen mit Wasser, damit sie meinen Freund in Ruhe ließen. Als meine Eltern mir sagten, dass er krank war und er umgelegt werden musste, begann ich ganz bitterlich zu weinen und niemand verstand genau, warum. Heute hätte ich das wohl auch nicht mehr nachvollziehen können. Ich hätte den Kopf über mich geschüttelt und gesagt: „Das ist doch nur ein blöder Baum.“

Kühle Interesselosigkeit

Aber heute weine ich ja auch nicht mehr, wenn mein Lieblingsstofftier nachts aus dem Bett fällt und ich es im Dunkeln nicht mehr wiederfinde. Ich bin froh, dass es nicht mehr da ist, so spare ich Platz und es wäre mir eh bloß peinlich. In meinem Alter gehört sich das nicht mehr. Ich weiß auch nicht, warum. Es ist einfach so, so wie vieles eben einfach so ist, wie es ist. Erwachsene lernen, das hinzunehmen. Ebenso wäre es mir heute auch sicherlich egal, wenn ich jetzt eine bestimmte Legofigur verloren hätte, obschon ich mir als Kind einen Namen für sie ausgedacht habe und noch viel mehr als das, eine ganze Lebensgeschichte, eine ganz eigene Persönlichkeit. Heute ist eine Legofigur für mich das, was sie ist und nicht mehr. Ein Stück Plastik, dem ich einmal Bedeutung beigemessen habe. Meine Barbiepuppe finde ich heute ja sogar regelrecht hässlich. Ich muss auch irgendwann einmal angefangen haben, sie zu hassen, denn ich habe ihr die Haare abgeschnitten. Und den Kopf abgerissen.

Dabei stellte ich mir als Kind einmal vor, sie wäre ich. Oder ich wäre sie. Aber heute träume ich nicht mehr. Ich nehme nicht mehr meine Puppe zur Hand und stelle mich vor, jemand zu sein, der ich gar nicht sein kann. Ich sehe den Grund dafür nicht ein und es würde mir auch keinen Spaß mehr bereiten. Ich bin eben keine Meerjungfrau und werde nicht vom reichen und schönen Ken auf einem Einhorn aus meinem Turm gerettet und sowieso weiß ich gar nicht, was daran überhaupt so toll sein soll. Ich habe vor allem keine Zeit, über solchen Unsinn nachzudenken. Heute stehe ich auch nicht in meinem Zimmer und habe plötzlich Angst, das Haus könnte abbrennen und ich wüsste dann nicht, welche Gegenstände ich aus dem Feuer retten würde, wenn ich mich entscheiden müsste. Alles lässt sich ersetzen und das meiste in diesem Raum wurde auch bereits ersetzt. Nicht, dass ich mich heute darüber freuen würde, wenn mein Zuhause in Flammen aufgehen würde. Nur könnte ich jetzt bestimmt besser damit umgehen, wenn dabei etwas verloren gehen würde. Eigentlich brauche ich ja auch nur mein Smartphone und mein Laptop. Darauf ist alles gespeichert; alles digitalisiert. Wer diese beiden Objekte findet und untersucht, erfährt womöglich mehr über mich, als wenn er sich in meinem Zimmer umsehen würde.

Starrsinn statt kindlicher Naivität

Doch was ist passiert, dass ich jetzt so anders denke? Dass mir das alles irgendwie gleichgültig geworden ist? Liegt es daran, dass man sich an Verluste gewöhnt hat und man dabei abgestumpft ist? Wer einmal erfahren hat, wie es ist, einen geliebten Menschen zu verlieren, aus welchen Gründen auch immer, wer schert sich da noch um ein belangloses Spielzeug, zu dem man keine Verbindung mehr hat? Außerdem waren Spielzeuge früher Teil unserer überschaubaren, verspielten Welt, zu denen im weitesten Sinne ja auch der Garten und die darin wachsenden Bäume und Pflanzen gehören. Wenn wir erwachsen werden, wird der Bereich unserer Welt ausgeweitet und das bringt mit sich, dass sie aus mehr Einzelteilen besteht, als zuvor, und das hat wiederum zur Folge, dass jedes einzelne uns automatisch weniger wichtig ist. Zu unserer Welt gehören nun auch Bekannte, Freunde und Feinde, Schule, Uni oder Arbeitsplatz, Beglückung und Enttäuschung. Wir haben ja auch ganz andere Lebensziele angenommen. Meistens jedenfalls. Ich denke, wir sind genügsamer geworden. Und weniger selbstbewusst. Wir trauen uns nicht mehr zu, Ballerina oder Astronaut zu werden und wollen das deshalb auch gar nicht mehr. Aber wollen wir das wirklich nicht mehr, oder wollen wir es nur nicht mehr begehren, weil wir wissen, dass wir es nicht haben können?

Früher dachten wir, alles erreichen zu können. Einfach eine Leiter irgendwo aufstellen zu können und den Mond vom Himmel pflücken zu können als wäre es ein Apfel. Jetzt haben wir nicht nur diesen Traum aufgegeben, sondern eine ganze Welt, eine utopische Welt der Wunder, und damit haben wir uns auch von unserer Vorstellungskraft ein Stück weit verabschiedet. Sie ist der Vernunft gewichen, dem Rationalen, dem Realitätsbezogenen. Das erklärt an sich auch, wieso wir nichts mehr mit unserem Spielzeug anfangen können und nicht mehr um Bäume weinen. Wir leben nicht mehr in diesem Universum und wir können uns nicht mehr vorstellen, wie es dort aussehen mag. Dabei müsste es doch erlaubt sein, sich hin und wieder Träumen hinzugeben, und seien sie auch noch so abwegig, denn das ist doch das wohl Schönste am Kindsein. Vielleicht ist es ja auch erlaubt und wir haben bloß vergessen, wie man Phantasiegebilde spinnt.