LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Über verborgene Emotionen

Mein Name ist Hase. Ich lebe versteckt, in meiner kleinen, warmen Sasse und lasse mir dickes Fell über Ohren und Augen wachsen. Sollen die anderen Hasen doch wie blöde durch die Gegend hoppeln. Als würde das irgendetwas ändern! Ich bin Stoiker und lasse mich durch nichts und niemandem aus meinem schützenden Unterschlupf hervorlocken. Bin ich nicht ein Vorbild?

Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen

Es gab Tage, da war mein Name nicht Hase. Da saß ich zufällig vor dem Fenster und sah, dass Feuerwehr und Polizei in meine Straße einbogen. Sofort überkamen mich Sorge und Angst. Ich fragte die anderen Bewohner, was denn passiert sei und ob es allen gut ginge. Da erklärte man mir, dass ich nicht aus dem Fester schauen dürfe. Ich müsse die Jalousien herunterlassen, so weit, wie es nur ging, den ganzen Tag über. Um meinen Nachbarn Freiraum und Privatsphäre zu gewähren.

Das klappte ganz gut. So war man erst nach über einem Monat dem seltsamen Geruch im Flur nachgegangen und hatte die Wohnungstür des Bewohners aufbrechen lassen, der sich die Pulsadern aufgeschnitten hatte. Die Hasen kommentierten den Vorfall mit einem Achselzucken, weil gleich zwei verriegelte Türen und heruntergelassene Jalousien verhindert hatten, dass sie je Bekanntschaft miteinander gemacht hatten. Wer so viel Privatsphäre hat, bleibt ein Fremder. Und um dessen Wohl kümmert man sich nicht. Abgesehen davon, kann Hase „jo souwisou näischt man“. Hase arbeitet viel. Hase hat keine Zeit und ist zu professionell für Tränen. Hase mischt sich nicht ein. Hase sagt: „Et ass net u mir“. Hase rät mir: „Reeg dech net op!“

Zwei Extreme

Verständlich, dass Hase das sagt. Anteilnahme kann, wenn sie sich mit Sensationsgier verbindet, negative Folgen haben. Wer hat nicht von den vielen Schlagzeilen gehört, dass Zeugen eines Autounfalls das Geschehen filmen und damit den Rettungsdienst behindern? Hase tut das nicht. Hase weiß, was sich gehört. Hase dreht die Musik ganz laut auf. Hase trägt eine dunkle Sonnenbrille. Hase hat getönte Fensterscheiben. Hase rast vorbei. Hase lebt vorbei. An der Realität. Und an den anderen Hasen. Deshalb ist Hase auch so beliebt. Ihm gilt das goldene Kompliment: „Hien ass déck gechillt“. Hase ist „cool“ und Hase bleibt „cool“.

Das Ideal der Verhaltenheit

Schon in der Antike war „Gechillt-Sein“ eine von vier Kardinaltugenden. Man nannte es nur anders, nämlich „Weisheit“. Der Zusammenhang wird klar, wenn man sich die Definition ansieht. Weisheit ist die „auf […] Distanz gegenüber den Dingen beruhende, einsichtsvolle Klugheit“, heißt es im Duden. „Distanz“ also sollte man wahren. Nun mag eine stoische Haltung in einer Ausnahmesituation nützlich sein und dafür sorgen, dass man den Tag überhaupt übersteht. Als generelle Grundeinstellung scheint sie mir jedoch nicht geeignet. Denn ist sie nicht bloß ein Schritt von der Gleichgültigkeit entfernt? Raubt sie uns nicht auch positive Empfindungen und die Fähigkeit, etwas in vollen Zügen zu genießen und auszuleben?

Dieser Verdacht bestätigt sich mir, wenn Hase im Nachhinein eine Aktivität, ein Event oder ein Treffen mit einem Hasenfreund beschreiben soll. „Et war flott“, sagt heute niemand mehr. „Flott“ ist veraltet. Das benutzen nur noch Hasenoma und Hasenopa. Auch „immens“ ist kein gängiges Adjektiv mehr für Beschreibungen. Nein, ein gelungener Abend ist bestenfalls wie wir: Er ist „gechillt“, „relax“. oder „cool“. „Cool“ hat zwar einen Bedeutungswandel erfahren und hat heute den Anklang einer positiven Bewertung, der ursprüngliche semantische Kern „kalt“ schwingt aber immer noch mit, wenn es von einem Achselzucken statt einer näheren Ausführung und Begründung begleitet wird. Mein Bruder pflegt auch zu sagen: „Et war nawell“. Ich habe ihm bereits versucht, zu erklären, „nawell“ sei ein Adverb, damals, als ich nicht Hase war. Man könne ja auch nicht sagen: „Es war ziemlich“, „c‘était relativement“ oder: „it was quite“. Da fehle doch etwas, ein Adjektiv. Heute verstehe ich endlich: Hase ist nicht euphorisch. Hase ist nicht enttäuscht. Und wenn, dann gibt Hase das nicht zu. Denn es könnte Hase verletzbar machen. Jemand könnte Hase auslachen. Und das wäre ziemlich.

Über den Umgang mit Angst

Die propagierte Rationalität, die in Wahrheit nichts anderes ist, als unterdrückte Emotion, ist nicht authentisch. Sie ist nur eine Maske, die Gefühle, insbesondere Ängste, nicht abschirmt, sondern uns im Gegenteil, und das ist die verkannte Gefahr, für sie empfänglich macht. Und dann ist nur noch unser Name Hase. Wir selbst sind nicht mehr Hase. Wir sind allenfalls Angsthase. Und Angsthase neigt dazu, die Marionette seiner eigenen Angst zu werden. Er trifft Entscheidungen und vertritt Positionen, mit denen er sich, wenn er frei von Angst wäre, niemals identifizieren würde.

Warum also hören wir nicht einfach auf, Hase zu sein? Warum kommen wir nicht aus unserer bequemen Mulde hervor? Wann stehen wir endlich dazu, dass wir auch einen gesunden Anteil Angsthase in uns tragen? Wann öffnen wir uns wieder, suchen den Dialog, sprechen über Glück und Enttäuschung und lassen die der falschen Scham entsprungene Blindheit und Gleichgültigkeit wieder dem Mut zur Emotion und der Anteilnahme weichen?