LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Astronomisch gesehen ist noch ist Frühling. Es wurde also höchste Zeit, dass ich das tat, was diese Jahreszeit von mir verlangt: Den alljährlichen Frühjahrsputz. Diesmal wollte ich mir meinen Kleiderschrank vorknöpfen und alles aussortieren, womit ich mich nicht mehr identifizieren kann. 

Alles muss raus

Es hört sich so leicht an, alte Kleidung wegzuwerfen. Warum sollte man sie auch behalten, wenn sie nur Platz wegnimmt, man sie nicht mehr anzieht und man sowieso nicht mehr hineinpassen würde? Doch schnell wurde mir klar, dass ein solcher Kleiderschrank etwas recht Intimes und Privates ist. Und das behaupte ich nicht, weil wir unsere Unterwäsche dort verstauen, Briefe unserer Verflossenen oder unsere heimliche Affäre sowie all das, was wir sonst noch vor den Blicken anderer verstecken wollen. Nein, ich behaupte es, weil jemand, der einen Blick in meinen Schrank wirft, sehr viel mehr über mich erfahren kann als meine Kleidergröße oder meine Lieblingsfarbe. 

Treuer Begleiter

Jedes einzelne Kleidungsstück kann potenziell eine ganze Geschichte über mich erzählen. Ihm haften Erinnerungen an, die ich mit ihm in die Altkleidersammlung werfe. Da gibt es beispielsweise eine Tasche, die ich vor mehr als zehn Jahren gekauft habe und die damals nur zehn Euro gekostet hat. Sie hat mich fast überall hin begleitet: auf Auslandsreisen, Schulausflüge, zum „Premièresexamen“ - um nur einige Beispiele zu nennen. Auch wäre da das T-Shirt, das meine damalige beste Freundin für mich ausgesucht hatte und das ich immer im Schrank aufbewahrt hatte, solange ich die Hoffnung hatte, das wir irgendwann wieder zusammenfinden könnten. Ebenfalls hängt da das Kleid, das ich an meinem 18. Geburtstag getragen habe und die Schuhe, mit denen ich meine Führerscheinprüfung absolviert habe - jedes Stück Stoff ein Puzzleteil, mit dem ich mein bisheriges Leben rekonstruieren kann. 

Ruhe in Frieden!

Heute habe ich alles in Tüten verpackt. Jetzt ist mein Kleiderschrank so leer, so ekelhaft aufgeräumt. Das bin nicht ich. Mein Kleiderschrank lügt jetzt. Er sagt etwas Falsches über mich aus. Er behauptet, ich sei ordentlich.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist, dass ich ein Paar Blümchensocken aus dem untersten Regal genommen habe und sie über meine vom Ballett gezeichneten Füße gestreift habe (die Spitzenschuhe liegen übrigens auch noch sorgfältig verpackt im Schrank). Doch irgendetwas fühlte sich komisch an. An meinem dicken Zeh. Ich ließ meinen Blick an meinen Körper hinunter zu den Füßen wandern - und erschrak. Mein dicker Zeh ragte aus meiner schönen Blümchensocke hervor und starrte mich ungeniert an. Ich muss sie wegschmeißen. Und irgendwie ist das alles verdammt traurig, weil ich meine Socken eigentlich mag und an ihnen hänge, als seien sie menschliche Wesen mit Gefühlen, Gedanken und Erinnerungen. 

Wie kommt es, dass wir uns an etwas so Banalem erfreuen können, wie ein paar Blümchen auf einer Socke? Wie kommt es, dass wir scheinbar Mut brauchen und aus der Reihe tanzen, nur weil wir keine einfarbigen, schwarzen Socken tragen? Und wie kommt es, dass wir manchmal mehr an unbelebten Gegenständen hängen als an unseren Mitmenschen? 

Fortsetzung folgt

Es ist ungerecht, dass meine Socke so früh hat von uns gehen müssen. Sie war doch noch so jung. Und ihr Tod kam so plötzlich, so unerwartet. Ich hätte gerne mehr Zeit mit ihr verbracht, hätte gerne mehr mit ihr erlebt, wäre gerne mehr Kilometer mit ihr an meinem Fuß gelaufen. Damit ich sie irgendwann, in ein paar Jahren, im Frühling, in meinem Schrank gefunden hätte und mich an all die Geschichten erinnert hätte, die uns verbunden hätten. 

Urplötzlich denke ich daran, was mit den Sachen passieren wird, die ich heute weggeworfen habe. Manche sind fast wie neu, wurden selten getragen und werden vielleicht in der Dritten Welt landen. Ich weiß nicht, ob ich mich schämen soll, dass jemand meine alten Sachen tragen muss oder ob ich mich eher darüber freuen soll, dass sie auf diese Weise Verwendung finden.

Ich stelle mir jedenfalls vor, wie jemand ein T-Shirt von mir trägt und nicht weiß, wie viele Erinnerungen in dessen Fasern verwoben sind. Wird er darüber nachdenken, dass es eine Geschichte, eine Person dahinter gibt? Auf alle Fälle würde ich gerne wissen, in welchen Momenten er das T-Shirt trägt, ich würde gerne die Fortsetzung der Geschichte hören, die in meinem Kleiderschrank begonnen hat und in seinem enden wird. 

Vielleicht wird er es auch gar nicht tragen wollen, weil er Ekel empfindet, gegen uns, die Konsumgesellschaft. Womöglich findet er es absurd, dass wir hier unnütze Dinge wie Blümchensocken tragen und seine Kritik, sein Unverständnis, seine Abneigung übertragen sich auf das Kleidungsstück, als treffe nicht uns die Schuld, sondern ein T-Shirt. Denn Kleiderschränke zeugen nicht zuletzt von Konventionen, von Statussymbolen unserer Gesellschaft und von Ungleichheit. 

Der eigene Kleiderschrank verrät, wie sehr wir uns davon beeinflussen lassen.