LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Bewusst anders: Künstler Wim Delvoye über seine Kunst und seine Absichten

Verstörend und schamlos. Provokativ und unverschämt. Dreist und subversiv. Wenn es darum geht, die Kunst von Wim Delvoye zu beschreiben, geht die Wortwahl in eine ganz bestimmte Richtung. An dem Belgier scheiden sich die Geister. Die Kritiker sind sich uneins. Das Publikum auch. Manche seiner Werke sind stark umstritten, dabei bilden sie nur einen Teil seiner Arbeit, die in der Tat von Gegensätzen geprägt ist. Der Konzeptkünstler bewegt sich bewusst zwischen Grenzen. Spürbar werden diese in seiner aktuellen Ausstellung im Mudam, die einen umfassenden Überblick über sein bisheriges künstlerisches Schaffen bietet. Den Begriff „Retrospektive“ mag Delvoye in diesem Kontext aber nicht. „Retrospektive klingt so definitiv“, meint er im Gespräch mit dem „Journal“.

Langweilt es Sie eigentlich nicht, immer die gleichen Fragen beantworten zu müssen?

Wim Delvoye (lacht) Nein, auf keinen Fall, überhaupt nicht. Es ist Teil meiner Arbeit.

Na dann, Stichwort „Cloaca“: Welche Idee steckt dahinter? Ist das wirklich Kunst?

Delvoye „Cloaca“ sehe ich persönlich als meine wichtigste Arbeit. Ich bin inzwischen 50 Jahre alt und denke sehr viel über das nach, was ich bislang gemacht habe. Ich bin heute viel reflexiver. Und mit diesem Projekt bin ich immer noch sehr zufrieden. Die Verdauungsmaschine entstand seinerzeit zusammen mit vielen anderen umstrittenen Werken, etwa den Röntgenbildern von Paaren beim Liebesakt, den Mosaiken aus Schinken und Wurst sowie den tätowierten Schweinen. „Mon travail un peu méchant et dingue“, war das. Auch wenn mich heute besonders Architektur interessiert und ich derzeit mehr in Bronze und Stahl arbeite, sehe jene Periode als meine beste, deshalb habe ich das Projekt „Cloaca“ auch wieder aufleben lassen. Die Maschine ist das Resultat einer weniger ästhetischen Beschäftigung. Es ging darum, zusammen mit meinen Ingenieuren eine Maschine zu bauen, die funktioniert. Das hatte Priorität, demnach die wissenschaftliche und technische Seite, und davon hing schließlich auch die Form ab. Wir konnten nicht machen, was wir wollten, weil die Maschine logisch sein musste. Oft bewege ich mich in Welten, die sehr weit von der Kunst entfernt sind. „Cloaca“ ist aber gleichzeitig eine große Metapher für die Kreation. Jeder Künstler, jeder Maler, jeder Bildhauer nimmt Dinge in sich auf, verschlingt Picasso oder Matisse und erschafft mit seinem Stil und seinen Visionen etwas Eigenes. „Cloaca“ symbolisiert diesen Schaffensprozess.

Also ist es Kunst und nicht nur, ganz plump ausgedrückt, eine „Kackmaschine“?

Delvoye Es ist zum Teil natürlich eine wissenschaftliche Arbeit. Das Publikum versteht die Maschine. Kinder und Jugendliche lieben sie. Es ist interessant, den Verdauungsvorgang zu beobachten und zu riechen. Ist es Kunst? Wahrscheinlich ist es eher an den Kunstkennern und Spezialisten, darüber zu entscheiden. Leute, die das Objekt nicht mögen, sagen, es wäre keine Kunst. Das will nichts heißen. Jeder hat seine Meinung und seinen Geschmack.

Die von „Cloaca“ produzierten Exkremente als Kunstwerke zu verkaufen, geht manchen dann doch zu weit. Machen Sie sich über den Kunstmarkt lustig?

Delvoye Ich mache mich auch oder vor allem über mich selbst lustig. Ich möchte den Blick dafür ändern, was man von Kunst erwartet. Der Unterhaltungsaspekt spielt übrigens auch eine Rolle. Ich habe keine Angst davor, die Menschen zu amüsieren. Meiner Meinung nach ist auch das Teil des Jobs eines Künstlers. Es geht nicht darum, nur zu moralisieren. Die Maschine regt sogar zum Philosophieren an. Man kann sie auf ganz verschiedene Art verstehen. Manche fassen sie als Kritik an den Institutionen auf, etwa an der Welt der Kunst.

Wie sind Sie eigentlich zu dem Künstler geworden, der Sie heute sind?

Delvoye Möglicherweise weil es andere Zeiten waren, als ich damals angefangen habe, freiere Zeiten. Heute darf nicht mehr so viel gelacht werden, die Ironie hat nicht mehr den gleichen Platz. Damals war es leichter, Kunst ohne Zugeständnisse zu machen. Heute muss man in der Tat vielleicht etwas kommerzieller denken. Als ich 20 war und auch später noch, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene. „Nach mir die Sintflut“ war meine Haltung. Das hat mir sehr viele Freiheiten verschafft. Ich war damals sehr arm. Es war aber in Mode, ein armer Künstler zu sein, es war schick. Die jungen Leute stehen heute unter einem größeren Druck, sie müssen erfolgreich sein, sie müssen es schaffen. Wie sollen sie noch experimentieren? Wie sollen sie noch in gewisser Weise versehentlich Kunst schaffen können, also zufällig etwas Geniales schaffen? Von jungen Künstlern wird andererseits aber kaum noch eine neue Bewegung oder eine neue Richtung in der Kunst erwartet...

Sie selbst lassen sich schwer etikettieren, Sie wechseln oft und vermischen viel…

Delvoye Das mache ich mit Absicht, ich liebe es. Ich will nicht Teil einer Gruppe oder einer Künstlergeneration sein. Das wollte ich nie. Sich zu verkaufen, wird dadurch aber auch erschwert. Es ist nicht leicht, etwas zu vermarkten, wenn es keinen bestimmten Stempel hat. Ein Künstler mit Wiedererkennungswert verkauft sich oft besser. Ich habe mich bewusst aus dieser Taxonomie befreit. Eingrenzung lähmt die Kreativität. Wenn man ständig in eine Richtung denkt, blockiert das den Schaffensprozess und die tatsächliche Kreation.

Wo kommen diese vielen verschiedenen Ideen her? Was geht in Ihrem Kopf vor?

Delvoye Dazu gibt es zwei Versionen: eine prätentiöse und eine bescheidene. Die prahlerische Version lautet: Wim Delvoye ist äußerst kreativ, er hört nie auf, er ist immer auf der Suche, er hat eine Idee nach der anderen. Das ist in gewisser Weise die offizielle Version, die ich aber niemals in Umlauf gebracht habe. So ist es nämlich überhaupt nicht. Eigentlich zweifele ich nämlich an allem. Dass ich übermäßig kreativ bin, ist nicht der Grund, warum ich so viele verschiedene Sachen mache. Ich zweifele immer, außer an „Cloaca“. Wer jeden Tag das Gleiche macht, leidet nicht so wie ich. Manchmal bin ich deshalb eifersüchtig. Sehr oft frage ich meine Assistenten, was sie von einem Objekt halten, ob sie es wirklich gut finden. Sie müssen ehrlich sein und dürfen auch mal nicht nett mit dem Chef sein, das habe ich ihnen von Anfang an klar gemacht. Alles zu hinterfragen, hilft mir einfach dabei, sehr verschiedene Sachen zu machen und neue Ideen zu entwickeln.

Kommentar

Schweinerei

Ist das noch Kunst oder grenzt es doch vielmehr an Tierquälerei? Wie weit darf ein Künstler überhaupt gehen? Diese Fragen werden seit wenigen Tagen heftig in den sozialen Netzwerken diskutiert. Im Fokus der wilden Diskussion - „Sauerei“ ist in diesem Zusammenhang noch ein relativ harmloses Schimpfwort - steht die derzeit im Mudam laufende Ausstellung des belgischen Künstlers Wim Delvoye, oder vielmehr eines Teils davon, nämlich seine tätowierten Schweine. Die Ausstellung kann übrigens seit dem 1. Juli besichtigt werden. Die Vereinigung „Give Us A Voice“, die den Stein nun in Luxemburg ins Rollen brachte, hat sie offensichtlich erst jetzt entdeckt und eine Welle der Empörung ausgelöst. Es ist durchaus verständlich, dass diese „Kunstwerke“ für Aufregung sorgen. Das tun sie übrigens seit über zehn Jahren. „Geschaffen“ hat sie der Meister der Provokation nämlich im Jahr 2004, nachdem er sie eigenen Aussagen nach vor dem Schlachter gerettet hatte. Die Tiere wurden über einen Zeitraum von einem Jahr tätowiert, zwei Stunden pro Woche, unter Anästhesie und unter Beobachtung von Tierärzten. Das kann man alles nachlesen, hat der Künstler eben diese Frage doch bereits unzählige Male beantworten müssen. Nun kann man natürlich immer noch davon halten, was man will, und das Ganze als „Sauerei“ und nicht als Kunst empfinden. Und es stimmt, Lebewesen sollten tatsächlich nicht zu Kunstzwecken missbraucht werden. Die Aufregung kommt dennoch etwas spät. (Simone Molitor)