LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Valery Gergiev und das Mariinsky Orchestra in der Philharmonie

Nachdem wir eine Woche vorher in den Genuss relativ selten im Repertoire großer Orchester vorkommender Meisterwerke von Sergej Rachmaninow gekommen waren, konnte man sich am vergangenen Montag auf bedeutende Kompositionen, die eher häufig auf den Programmen der großen Konzerthäuser zu finden sind, einstellen.

Dass Valery Gergiev ein erfahrener Rachmaninowkenner und ein begnadeter Inszenierer seiner großen sinfonischen Werke ist, davon konnten wir uns anlässlich einer fünfteiligen Reihe auf ARD-Alpha während der letzten Monate überzeugen. Mit eben diesem großartigen Orchester, das am Montag in der Philharmonie gastierte, standen die drei Sinfonien und die vier Klavierkonzerte des russischen Komponisten auf dem Programm des Kultursenders. Infolgedessen waren die Erwartungen bezüglich der vielversprechenden TV-Aufzeichnungen diesmal besonders hochgeschraubt.

Nehmen wir es gleich vorweg. Schon bei den ersten Klängen des herausragenden russischen Orchesters war klar, dass wir dank der präzis gebündelten Kraft der einzelnen Sektionen und den konzentrierten, unmissverständlich zu deutenden Anweisungen des legendären Maestros ein atemberaubendes Konzerterlebnis erwarten durften.

Unverständlich ist heute, dass das abwechslungsreiche, wohlklingende, sinfonische Erstlingswerk 1897 bei der Uraufführung ein totales Desaster auslöste, das zu schweren Depressionen des Komponisten führte. Anscheinend lag aber die Hauptschuld des Debakels damals bei dem Orchesterleiter Alexander Glasunow, der nach ungenügender Probenarbeit und laut Zeugenaussagen sowie späterem eigenen Zugeständnis, an diesem Abend auch noch stockbetrunken gewesen sein soll. „Wie kann ein so großer Musiker so schlecht dirigieren?“, sagte Rachmaninov, der daraufhin weitere Aufführungen des Werkes verbot und die Partitur, die lange Zeit als verschollen galt, sogar bei seiner Emigration in den Westen in Russland zurückließ.

Tiefgründige Wiedergabe

Am Montag erlebten wir allerdings eine tiefgründige Wiedergabe dieser zwischen der Tradition eines Tschaikowsky und der Experimentierfreudigkeit Schostakowitschs schwankenden Sinfonie mit allen Finessen und einer einleuchtenden Illustration der Konsequenzen der neuen musikalischen Sprache des originellen Frühwerks. Sowohl die spärlich verarbeiteten Fragmente russischer Folklore im ersten Satz, die intensive, aber noch zaghafte, impressionistische Abhandlung der Instrumentation und die meditativen, schwermütigen Liebeserklärungen an eine mystisch inspirierte Musik, die zeitlebens Rachmaninows Markenzeichen blieben, wurden hier in einer äußerst spannenden, atemberaubenden Version umgesetzt.

Eine taktisch fruchtbare Idee war es, dem verschmähten „Frühwerk“ des später nach Amerika emigrierten Komponisten und bestbezahlten Pianisten seiner Zeit, seine letzte, rund 50 Jahre später entstandene, sinfonische Schöpfung aus dem Jahr 1940 gegenüberzustellen.

Einzigartig war die Klangabstimmung der Bläserregister, besonders im ersten Satz, bei dem, wie in sinfonischen Werken nicht üblich, das Altsaxofon die Satzführung übernimmt. Auch die Balance zwischen den klanglichen Extremitäten der Bläsersektion war unvergleichlich vorbildlich. Die markante Präsenz der Bassklarinette und des Kontrabassfagotts im Kontrast zu den brillanten Tönen der Flöten und Oboen umrahmten den warmen, satten Klang von Klarinetten und Englishhorn in nie gehörter Art und Weise voller konzentrierter Energie.

Fesselndes Ambiente

Valery Gergiev erwies sich erneut als Magier, nicht nur der Orchesterstimmungen sondern auch der hochgradigen, dynamischen Kostbarkeiten, die, neben der stilistischen Diversität, das fesselnde Ambiente der sinfonischen Poesie ausmachen. Wie aus dem Nichts entwickelte sich ein gezupftes oder gehauchtes Pianissimo ohne gekünstelte Effekthascherei zu einer brausenden sonoren Kaskade ohne nervöses Ringen um instrumentale Gleichberechtigung. Ein Orchester so selbstverständlich und ausgeglichen klingen zu lassen und trotzdem die individuellen Soloparts so kompakt homogen in die Tutti zu integrieren, dazu gehören eben die künstlerischen Erfahrungen des berühmten Moskauer Dirigenten. Besonderes Lob gebührt der restlos überzeugenden Konzertmeisterin, die nicht nur mit betörenden Soloeinlagen glänzte, sondern die Streichersektion mit bescheidener, aber kraftvoller Eleganz leitete.

Eine zauberhafte, verzaubernde Soiree, die dank des prächtig ausgestatteten Orchesters und der sensiblen, gefälligen, bestimmt auch selbstgefälligen, Leitung ihres renommierten Leiters, dessen feinfühlige Inszenierung schon rein optisch einen optimalen Genuss sicherte, ein Höhepunkt des ersten Saisonsemesters darstellte, was vom Publikum mit minutenlangen Ovationen honoriert wurde.

Gäbe es einen „philharmonischen“ Wunschzettel, würden die Aufführungen der beiden anderen Sinfonien des Meisterkomponisten mit diesen Interpreten sicherlich in den obersten Reihen fungieren.