LUXEMBURG
GERHARDT KLUTH

Pianistin Hélène Grimaud überzeugte in der Philharmonie

Es gibt viele Pianisten, bei denen es ein Vergnügen ist, ihr Spiel zu erleben. Sie legen dann eine besondere Virtuosität an den Tag, spielen mit ganz speziellem Ausdruck, handhaben das Instrument auf eine besondere Weise. Alles Kennzeichen, die für einen gelungenen Konzertabend sprechen und den die meisten Zuhörer wohl befriedigt verlassen.

Bei Hélène Grimaud ist das anders. Freilich zeichnet sich ihr Spiel auch durch all die oben erwähnten Attribute aus. Und wer sie einfach nur erlebt, weil er Karten für ihr Rezital hatte, der mag vielleicht anschließend auch mit einem befriedigtem Gefühl wieder gehen. Wer aber mit offenen Sinnen und vor allem mit einem offenen Herzen einen Abend mit Grimaud erlebt, der geht anschließend still seiner Wege und hat das Bewusstsein, etwas Besonderes erlebt zu haben. So geschehen auf dem Luxemburger Kirchberg am Dienstagabend.

Die 1969 geborene Französin durchmaß mit ihrem Programm einen Zeitraum von fast 140 Jahren, in dem sie mit Mozarts Klaviersonate a-Moll, KV 310 (1778), begann und mit Béla Bartóks „Rumänischen Volkstänzen“, Sz 56 (1915), endete. Dazwischen platzierte sie Alban Bergs Klaviersonate, die sein Opus 1 ist, und die gewaltige Sonate h-Moll von Franz Liszt.

Gefühl der Trauer

Mozarts Sonate wird oft nachgesagt, sie sei durchwoben von einem Gefühl der Trauer, der Ausweglosigkeit. In ihr stecke keinerlei Hoffnung. Ist das wirklich so? Nicht, wenn man Grimaud mit diesem Werk des 22-Jährigen hört. Bei ihr wird die ganze Sonate zu einem Dialog. Die Stimmen unterhalten sich. Es gibt Rede und Gegenrede. Ja - es sind viele trauervolle Passagen vertreten. Aber es gibt auch die tröstenden Momente. Bei Grimaud wird die Hoffnungslosigkeit aufgefangen. Sie öffnet die Türen, hinter denen es weiter geht, hinter denen die Sonne wieder scheint.

Von Leidenschaft geprägt war Grimauds Interpretation der Berg’schen Sonate. Mit ihrem Spiel präsentierte sie schwärmerisch, wie sehr sie von dieser Komposition begeistert ist. Berg wäre, hätte er die Gelegenheit gehabt, auf die Bühne gestürmt und hätte ihr gesagt: Sie haben mich verstanden. Bartoks rumänische Tänze, sechs Miniaturen von je einer Minute Dauer, sind kaum repräsentativ für das große Schaffen des Komponisten. Gleichwohl sind sie sehr bekannt und zeigten unter den Händen der Grimaud, dass sie zwar nur ein kleiner, jedoch sehr wichtiger und wertvoller Mosaikstein im Gesamtbild Bartoks darstellen.

Liszts Edelstein

Die h-Moll Sonate von Liszt ist im Gesamtschaffen ein Solitär. Ein Edelstein von seltener Größe und edlem Schliff. Ihn zu ergründen, sein Wesen zu erforschen und die Feinheiten sichtbar zu machen, ist für jeden Pianisten eine Herausforderung. In der Philharmonie wurde Grimaud, das Bild sei erlaubt, zu einer Fassung für diesen Edelstein und beides zusammen zu einem meisterlichen Schmuckstück. Wie viele Farben ließ sie aufleuchten. Wie viele Gemütsregungen löste sie aus. Düsternis und Sonnenaufgang, Verzweiflung und Verzückung, Angst und Hoffnung. Alles in einem Werk. Gegensätze, die auch am Ende sichtbar wurden. Als die Sonate mit einem extrem leisen und doch gut hörbaren H in der tiefsten Lage des Flügels endete, hätte es eigentlich der Ruhe und der Besinnung bedurft. Das Publikum aber brach in jubelndem Applaus aus. Verständlich. Wie schon erwähnt: es war ein besonderer Abend.