TRIERMARCUS STÖLB

Die ehemalige Nachrichtensprecherin und „Stern“-Journalistin Wibke Bruhns im Interview

Als Deutschlands erste Nachrichtensprecherin ging Wibke Bruhns Anfang der Siebziger im ZDF auf Sendung. Doch anderer Leute Texte vorlesen, war nicht ihr Ding. Für das Magazin „Stern“ berichtete die heute 77-Jährige hernach als Korrespondentin aus Jerusalem und den USA. Wibke Bruhns gilt aber auch als Kennerin der „Bonner Republik“. Am 24. September liest sie im Trierer Karl-Marx-Haus aus ihrem Buch „Nachrichtenzeit.“ Im Gespräch mit „Journal“-Mitarbeiter Marcus Stölb erinnert sich die Journalistin an die Auseinandersetzungen zwischen Willy Brandt und Herbert Wehner und an Helmut Kohls Aufsehen erregenden Israel-Besuch. Außerdem äußert sie sich zu den Chancen des wahrscheinlichen SPD-Kanzlerkandidaten Sigmar Gabriel und sucht nach einer Erklärung für den Erfolg Angela Merkels.

Frau Bruhns, kürzlich kämpfte Claus Kleber im Heute-Journal mit den Tränen. Wie wäre es Ihnen ergangen, wenn Sie vor der Kamera Rührung gezeigt hätten?

WIBKE BRUHNS Wissen Sie, Karl Heinz Köpcke, der damalige Sprecher der ARD-Tagesschau, war der Meinung, ich müsse bei jeder schlimmen Nachricht entsetzt und gerührt sein. Das war ich natürlich nicht. Wäre ich es gewesen, dann hätte es wahrscheinlich böse Reaktionen gegeben. Die gab es ja schon, als ich Nachrichtensprecherin wurde.

In Ihren Erinnerungen beschreiben Sie, welchen Beleidigungen Sie ausgesetzt waren, weil man es gewagt hatte, mit Ihnen erstmals eine Frau die Nachrichten lesen zu lassen. Wie gingen Sie mit diesen Beschimpfungen um?

BRUHNS Das hat mich nicht interessiert. Das Komische war, dass ich zuvor schon jahrelang Redakteurin und Moderatorin beim ZDF gewesen war, das hat nur niemand so zur Kenntnis genommen. Das änderte sich erst, als ich Nachrichtensprecherin wurde. Über die Zuschriften habe ich mich meistens amüsiert. Schlimm fand ich nur, wenn mir jemand ein Stück Scheiße in einem Paket zusandte. Auch das kam vor.

Wenn Frank Plasberg Sie „die Helmut Schmidt des deutschen Journalismus“ nennt - fühlen Sie sich dann eher geehrt, oder muss Sie nicht gerade der Vergleich mit dem Altkanzler empören?

BRUHNS Nein, warum sollte es mich empören? Es stimmt schon: Schmidt und ich haben ein paar Fehden ausgetragen. Aber das ändert ja nichts an meiner Bewunderung für seine Leistung. Vergessen Sie nicht, er war Kanzler in Zeiten der RAF, von Stammheim, Mogadischu und der Schleyer-Ermordung. Das ist ja nichts, was man gerne machen möchte.

Von Hanns-Joachim Friedrichs stammt der Satz, ein guter Journalist solle sich mit nichts gemein machen, auch nicht mit dem Guten. Sie verhehlten nie Ihre Verbundenheit mit der SPD, waren Mitglied der Partei und machten für die Genossen auch in ihrer aktiven Zeit als Journalistin Wahlkampf. Warum war damals möglich, was heute nicht mehr akzeptiert würde?

BRUHNS Wer hätte mich denn hindern sollen? Meinem damaligen Vorgesetzten beim ZDF hatte ich gesagt, dass Nachrichten sprechen nicht den Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte bedeute. Was ich in meiner Freizeit machte, hatte die nicht zu interessieren, solange ich das ZDF nicht als Vehikel benutzte. Aber das tat ich natürlich, da ich durch das ZDF bekannt war wie ein bunter Hund.

Also war es nicht ok?

BRUHNS Natürlich nicht! Ich würde es auch heute nicht mehr machen. Aber die Zeiten waren anders. Für die jahrelang regierende Union war Brandt ein Irrtum der Geschichte. Der Mann musste weg. Die wollten die Ostpolitik weghaben und alles, wofür aufrechte Menschen damals einstanden. Da musste ich mich wie so viele andere Intellektuelle engagieren. Die Union hatte auch ein Gutachten in Auftrag gegeben, ob Fernsehleute Wahlkampf machen dürfen. Dürfen sie nicht, natürlich nicht. Aber das Gutachten war erst nach der Wahl fertig.

Dieser Tage wäre Franz Josef Strauß 100 Jahre geworden. Helmut Schmidt sagt, Strauß hätte das Zeug zum Kanzler gehabt. Sie konnten Strauß nicht leiden, Kohl auch nicht. Was wiegt für Sie schwerer: die Genugtuung, dass Strauß nie Kanzler wurde, oder das Bedauern darüber, dass Kohl es 16 Jahre war?

BRUHNS Beides! Dass Strauß es nicht geschafft hat, hat er sich selbst zuzuschreiben - die vielen Affären, seine Unehrlichkeit, seine Tricksereien. Aber er war ein politisches Schwergewicht, und er war ein begnadeter Redner. Schmidt hat schon Recht: Der hatte das Zeug zum Kanzler. Was Kohl angeht: Bei seinem Staatsbesuch in Israel im Januar 1984 sprach er als erstes von der „Gnade der späten Geburt“. Soll heißen: Ich war es nicht. Ich trage keine Verantwortung. Ich war damals Korrespondentin in Jerusalem. Kohls Regierungssprecher Peter Boenisch lief in einem dunkelgrünen langen Ledermantel herum, einem richtigen SS-Mantel, und verkündete auf einer Pressekonferenz, er könne das Gequatsche über Auschwitz nicht mehr hören. Ich fiel beinahe in Ohnmacht. Die Reaktionen in Israel waren eisig; diplomatisch verbrämt zwar, trotzdem heftig. Was man zu Kohl allerdings auch sagen muss: Als Ministerpräsident in Rheinland-Pfalz hatte er die damals besten Leute der CDU um sich. Denken Sie an Heiner Geißler oder Bernhard Vogel. Leute an sich binden, das konnte Kohl, außerdem gilt er ja als Kanzler der Einheit.

Über Willy Brandt schreiben Sie in Ihren Erinnerungen: „Brandt hat ein großes Herz für kleine Leute. Aber er will sie um Gottes willen nicht um sich herum haben.“ Trotzdem gelang es ihm, ausgerechnet die kleinen Leute für seine Politik zu begeistern…

BRUHNS Die haben ihn geliebt! Sie haben Brandt als Anwalt ihrer Anliegen gesehen, was ja nicht falsch war. Aber er musste sich nicht mit ihnen ins Hinterzimmer einer Gastwirtschaft setzen, das was nicht seine Sache. Brandts Partner waren eher Leute wie Olof Palme und Bruno Kreisky.

Sie beschreiben Brandt als unnahbaren Menschen.

BRUHNS „Spröde“ trifft es eher. Dortmund Westfallenhalle, 10.000 Menschen, das konnte der. Aber im persönlichen Umgang tat er sich schwer. Ich glaube, außer Egon Bahr hatte er keinen wirklichen Freund.

In Moskau sprach Fraktionschef Herbert Wehner abfällig über Brandt: „Der Kanzler badet gerne lau, so in einem Schaumbad.“ Können Sie erklären, warum ihm, der ja auch SPD-Chef war, die Kraft fehlte, Wehner aus dem Amt zu drängen?

BRUHNS Wehner hatte das Geschick, sich immer als geprügeltes Kind darzustellen. Seine Ächtung, weil er Kommunist gewesen war. Dagegen war schwer anzukommen. In der Fraktion gab es damals eine Abstimmung über seine Moskau-Reise. Wehner bekam eine Mehrheit. Außerdem ließ er sich nichts verbieten, von niemandem. Dass Wehner in Moskau Menschen ans Messer geliefert hatte, wusste zu der Zeit noch niemand.

Nach Lage der Dinge hat die SPD kaum Chancen, die nächste Bundestagswahl zu gewinnen. Selbst viele Genossen glauben nicht an einen Sieg. Trauen Sie Sigmar Gabriel und der SPD einen Erfolg zu?

BRUHNS Ich halte Sigmar Gabriel für befähigt, Kanzler zu werden. Aber wie soll er es werden bei 24 Prozent für die SPD? Und solange wir ein von Merkel eingelulltes Volk haben, wird sich daran nichts ändern!

Wie beurteilen Sie als politische Journalistin Angela Merkels Politikstil, der doch deutlich erfolgreich ist?

BRUHNS Sie kann nicht reden. Das ist schlecht. Sie ist langweilig. Das ist auch schlecht. Aber sie hat Stehvermögen, siehe Brüssel und Griechenland, oder jetzt die Flüchtlingsinvasion. Die Frau ist klug und hat Sachkenntnis. Und dass ihre engsten Berater im Kanzlerbüro Frauen sind, gefällt mir auch gut. Aber wählen werde ich sie nicht.


Die Lesung von Wibke Bruhns im Karl-Marx-Haus in Trier beginnt am 24. September um 19.30 Uhr.