LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Telearbeit, Recht auf Abschalten, Autonomie am Arbeitsplatz: im Gespräch mit David Büchel, Koordinator des „Quality of Work Index“

Wie bewerten Arbeitnehmer die Balance zwischen ihrem Job und ihrem Privatleben? Welche Auswirkungen hat die Arbeit auf ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit? Wie stellen sie sich ihre Wochenarbeitszeit vor? All diesen Fragen geht der seit 2013 im Jahresrhythmus von der Arbeitnehmerkammer in Zusammenarbeit mit der Universität Luxemburg erarbeitete „Quality of Work“-Index nach. Das infas-Institut in Bonn mit einer Zweigstelle in Contern führt die Umfrage seit 2014 durch.

„Es geht uns darum, die Arbeitsqualität zu messen. Nicht im Sinne der Produktivität, sondern wie gut die Arbeit ist“, sagt der Projektkoordinator David Büchel im Interview. Der Arbeitspsychologe steckt derzeit mitten in den Vorbereitungen für die diesjährige Erhebung, die gegenüber der europäischen Erhebung über die Arbeitsbedingungen zwei Vorteile habe: Die Eurofound-Umfrage wird alle fünf Jahre durchgeführt, die repräsentative „Quality of Work“-Erhebung im Jahresrhythmus. Zudem bezieht das Projekt von „Chambre des salariés“ und Universität Luxemburg auch die Stimmen von Grenzgängern ein. Seit vergangenem Jahr arbeitet Büchel mit der Generalinspektion der Sozialversicherung (IGSS) zusammen, um Grenzgänger aber auch junge Menschen besser kontaktieren zu können und so die Stichprobe noch repräsentativer zu gestalten.

Mentale Belastung nimmt zu

Fragt man David Büchel nach drei Hauptentwicklungen, die sich in den vergangenen Jahren aus der Umfrage herauskristallisiert haben, hebt er etwa einen Rückgang der physischen Belastung und infolgedessen auch einen tendenziellen Rückgang des Risikos von Arbeitsunfällen hervor. „Kompensiert wird dieser Trend aber durch eine steigende psychosoziale Belastung“, sagt Büchel. Die mentale Belastung oder das Arbeiten unter Zeitdruck sowie die emotionale Belastung haben demnach in den vergangenen Jahren zugenommen.

Einen dritten Trend sieht Büchel in den Konflikten zwischen Berufs- und Privatleben, die in den vergangenen Jahren „drastisch“ zugenommen haben. Ein Indikator dafür sind die Erwartungen von Berufstätigen mit Blick auf die Trennung zwischen der Jobtätigkeit und dem Privatleben und welche Freiräume oder Möglichkeiten der Arbeitsplatz bietet. Quer durch alle Berufssparten liegt der Grad der individuellen Präferenzen in Bezug auf die Trennung zwischen Berufs- und Privatleben weit über dem Grad der im Unternehmen erlebten Situation. Besonders ausgeprägt sind die Reibungen zwischen persönlichen Erwartungen und dem Grad der Entgrenzung der Arbeit in akademischen Berufen. Andere Faktoren sind die auch in den vergangenen Jahren immer stärker thematisierte „Work-Life-Balance“ und das Recht auf Nicht-Erreichbarkeit. Wohl aufgrund der höheren Hemmschwelle erhalten nur elf Prozent der Umfrageteilnehmer häufig zuhause Telefonate von Arbeitskollegen oder dem Vorgesetzten. Deutlich ausgeprägter ist hingegen der E-Mail-Verkehr. 22 Prozent sagen, oft oder fast immer von zu Hause aus berufliche Mails auf dem heimischen Computer oder auf dem Smartphone abzurufen. Für Büchel steht im Zuge der Digitalisierung fest: „Die Grenzen werden immer durchlässiger“, was Folgen auf die Arbeitsmotivation und-leistung, aber auch auf das Wohlbefinden haben kann. „Wer schlecht abschalten kann, ist meist unzufriedener auf der Arbeit“. Auch das Risiko eines Burnouts steigt. Eine klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit werde deshalb immer wichtiger. Büchel nennt beispielsweise die Serverkonfigurierung bei VW in Deutschland, die keine Mails zwischen sieben Uhr abends und halb sieben morgens rauslässt. Das gerne von Arbeitgeberseite vorgebrachte Argument, die Arbeitnehmer selber entscheiden zu lassen, wie sie ihre Arbeit organisieren, sieht der Arbeitspsychologe kritisch. „Psychologisch gesehen ist ein Druck da, auf berufliche Mails zu antworten“, sagt Büchel. Um ein Recht auf Abschalten umzusetzen gebe es einerseits technische Lösungen, es sei allerdings auch eine Frage der Unternehmenskultur und der Sensibilisierung.

„Telearbeit kann für den Arbeitnehmer von Vorteil sein“

Wie sieht es allerdings dann aus, wenn ein Beschäftigter seine Arbeit zuhause verrichtet? „Telearbeit kann von Vorteil für den Arbeitnehmer sein“, sagt David Büchel. Entscheidend sei aber, dass die Arbeitszeiten oder auch die Pausen klar geregelt sind. Er verweist etwa auf das Rahmenabkommen von 2002 zwischen Sozialpartnern auf EU-Ebene. Darauf beruft sich eine 2006 zwischen den Sozialpartnern unterzeichnete Vereinbarung. Laut Angaben Büchels wurde das Abkommen und seine Verlängerung durch eine großherzogliche Verordnung von 2016 für allgemein verbindlich erklärt.

Eine konkrete Lösung dafür, wie man mit Telearbeit flexibler umgehen kann - etwa als spontane Antwort, wenn auf den Straßen mal wieder gar nichts geht - gebe es heute aber nicht. Heute lautet eine Voraussetzung für Telearbeit auch, über ein Büro in den eigenen vier Wänden zu verfügen. Zu bedenken gibt Büchel ebenfalls andere Fragen, die sich im Zusammenhang mit der im Koalitionsabkommen beabsichtigten Förderung von Telearbeit stellen. „In Deutschland darf man beispielsweise nicht mehr als 19 Tage pro Jahr zuhause arbeiten, ansonsten wird man in Deutschland besteuert“. In Belgien sind es maximal 24 Tage in einem Besteuerungsjahr, in Frankreich 29. Eine ähnliche Fragestellung stellt sich ebenfalls bei den Sozialversicherungsbeiträgen.

„Ich befürworte einen Tag Telearbeit pro Woche, nicht mehr“, sagt Büchel. Das hat auch einen arbeitspsychologischen Grund. „Der Arbeitsplatz soll ein sozialer Ort bleiben“, also ein Ort der Zusammenkunft. „Das ist am förderlichsten für den Sozialdialog“.

Die CSL stellt sich dann auch gegen eine Liberalisierung der Öffnungszeiten im Handel. „Jetzt geht es erst einmal darum, den Arbeitnehmern flexiblere Arbeitszeiten zu ermöglichen“, sagt Büchel mit Verweis auf Instrumente wie die Telearbeit oder die Zeitsparkonten. Er macht darauf aufmerksam, dass je mehr ein Unternehmen zugunsten der Work-Life-Balance anbietet, umso höher die Zufriedenheit und Motivation am Arbeitsplatz ausfällt. Sich seine Arbeitszeiten und Pausen frei einteilen können, unbezahlten Urlaub nehmen zu können, Teilzeit arbeiten zu können: Mehr Flexibilität stößt auf ein sehr positives Echo bei den Umfrageteilnehmern. Die Autonomie am Arbeitsplatz sei derweil seit Jahren rückläufig.

Weniger als 40 Stunden Wochenarbeitszeit

Ein anderer Hebel, um Konflikte zwischen Arbeits- und Privatleben abzuschwächen, ergibt sich in Sachen Arbeitszeiten. Die tatsächliche Arbeitszeit von Vollbeschäftigten liegt den Umfrageteilnehmern zufolge über den vereinbarten 40 Stunden pro Woche. Die meisten Arbeitnehmer würden sich hingegen weniger Wochenarbeitszeit wünschen - 38,7 Stunden bei Männern, 36,3 Stunden bei Frauen.

Im nächsten „Quality of Work“-Index, für die die Erhebung voraussichtlich im Mai durchgeführt wird, wird es übrigens einen thematischen Schwerpunkt auf Management- und Führungsstil sowie Arbeitszeit geben. „Es geht etwa darum, ob ein Unternehmen eher partizipativ geführt wird, oder Leistungen gebenchmarked werden“. Im Bereich Arbeitszeit wird die Untersuchung der Frage nachgehen, wie flexibel Arbeitnehmer Urlaub beantragen können, ob sie ihn in das darauf folgende Jahr übertragen können oder ob er gar verloren geht. Vor dem Hintergrund der beabsichtigten Erhöhung der gesetzlichen Mindesturlaubstage um einen Tag eine sehr aktuelle Frage. Die Arbeitnehmerkammer ist dann auch an einer Studie von IMS Luxemburg beteiligt, um die Auswirkungen der Quantität von Informationen, denen Arbeitnehmer in vielen Sparten heute ausgesetzt sind, zu ermitteln.

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