LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Staatsanwaltschaft fordert 25 Jahre Haft für irakischen Angeklagten

Am 22. März 2016 eskalierte in Mersch ein Streit zwischen drei Männern. Gegen 23.00 traf der Kebab-Restaurant- und Shisha Bar-Besitzer Ali M. auf zwei Männer in der Rue G.D. Charlotte. Schnell kam es zu einem hitzigen Streit. Zuerst schlug einer der beiden Männer den Restaurantbesitzer mit der Faust ins Gesicht. Dann soll der andere Mann ein Messer gezogen und Ali M. drei Mal in den Rücken gestochen haben. Der andere Täter schlug ihn noch mit einer Holzlatte auf den Kopf. „C’est une aggression d’une grande brutalité“, wird der Vertreter der Staatsanwaltschaft Laurent Seck später den Überfall in seinem Plädoyer ausführen. Es bestand Lebensgefahr, berichtete der Rechtsmediziner und Leiter des „Département de médecine légale“ des „Laboratoire National de Santé“ in Düdelingen, Dr. Andreas Schuff, vor Gericht. „Die Messerstiche hätten tödlich sein können. Mit Glück konnte das Opfer gerettet werden“, gibt Schuff zu Protokoll.

Während der Schwerverletzte in ein Krankenhaus gebracht wurde, fahndete die Polizei nach den Männern.

Zweiter mutmaßlicher Täter setzte sich ab

Ein Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet. Etwa eine Woche später kam die wegen Mordversuchs ermittelnde Staatsanwaltschaft durch einen DNA-Treffer einem irakischen Migranten auf die Spur, der am Mordversuch in Mersch beteiligt gewesen sein soll. Es wurde Haftantrag gegen den 38-jährigen Iraker Ammar A. beantragt, der sich in Luxemburg als irakischer Journalist ausgibt, hier Asyl beantragt hat und im Flüchtlingsheim Foyer Don Bosco in Limpertsberg wohnt.

Die Kripo konnte den 38-jährigen verdächtigen Iraker auch festnehmen und ein Messer sicherstellen. Die Staatsanwaltschaft Luxemburg warf dem Iraker Ammar A. in der Hauptsache versuchte vorsätzliche Tötung und Gefährdung des Lebens sowie versuchte schwere Körperverletzung vor. Das Opfer leidet heute noch körperlich und psychisch unter den Folgen der Attacke. Der andere mutmaßliche Täter soll Berichten zufolge von Luxemburg nach Kanada geflüchtet sein.

Vertuschen der Wahrheit?

Warum es zu der Auseinandersetzung kam, bleib auch vor Gericht schleierhaft. Die Vorsitzende Richterin sprach von einem eventuellen „règlement de compte.“ Doch niemand weiß genau, warum der irakische Kebab-Restaurantbesitzer Ali M. überfallen wurde.

Auf die Fragen der Gerichtspräsidentin Sylvie Conter neigte der Iraker dazu, weit auszuholen. Es folgten oft minutenlange Antworten auf simple Fragen, Mantra-artige Wiederholungen der Aussagen. Über eine Stunde sprach der Mann. Doch auch nach den langen Ausführungen blieben die Darstellungen des Tathergangs und der Hintergründe weiter verschwommen.

Da der Iraker ein korrekt registriertes Mobiltelefon verwendete, konnte er von den Ermittlern zwischen 23.01 und 23.14 in der Nähe des Tatortes geortet worden.

„Warum waren Sie in Mersch?“, so eine Frage. „Ich gehe in Mersch in die Shisha Bar. Dies ist der einzige Ort, an dem ich mich verständlich machen kann. Ich habe nie ein Problem mit diesem Herrn gehabt“, gab der Iraker zu Protokoll.

Die verwendete Latte war mit Blut beschmiert und wurde sofort nach DNS- Spuren untersucht. „Bei der DNS-Spur, die auf dem Stück Holz gefunden wurde, handelt es sich laut molekulargenetischer Untersuchung definitiv um eine Mischspur von zwei Personen, die in großen Teilen zu ihrer DNS und zur DNS des Opfers passt“, so ein Vorhalt. „So kommen wir zu dem klaren Ergebnis, dass Ihnen die Tat definitiv nachzuweisen ist“, stellte die Vorsitzende fest.

Der Angeklagte gab zu Protokoll, die Latte gehöre zu einem Lattenrost. Er glaubte, diesen während eines Umzugs vor drei Wochen berührt zu haben. Die Richterin hakte sofort ein und sprach den Iraker erneut auf die starken Widersprüche an. „Das ist für uns überhaupt nicht nachvollziehbar“, sagte die Richterin und zog aus einer Tüte das Stück Holz. Was der Iraker als „Latte“ eines Lattenrosts bezeichnete, entpuppte sich als ein etwa 60-70 Zentimeter großes Stück Holz. Aufgrund der klimatischen Bedingungen im Monat März halte sich DNA an einem Stück Holz in Luxemburg nicht lange, so das Gericht - höchstens ein paar Stunden. „Darum kann Ihr DNA-Märchen keine drei Wochen alt sein.“

Keine logische Erklärung

Der Angeklagte könne nach wie vor keine logische Erklärung liefern, warum er am Tattag in Mersch war. Er gelte aufgrund seiner Taten als besonders gefährlich, sagte der Vertreter der Staatsanwaltschaft in seinem Plädoyer. Versuchter, vorsätzlicher Totschlag sollte abgeurteilt werden, so die Staatsanwaltschaft und forderte eine Freiheitsstrafe von 25 Jahren ohne Bewährung.

„Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um zu sagen, dass ich damit nichts zu tun habe. Ich bin unschuldig, ich habe sicher nichts verbrochen“, sagte der Iraker in seinem Schlusswort.


Das Urteil wird am 20. Februar gesprochen