Eine philosophische Übung

Spätestens seit der #metoo Bewegung ist der Begriff der Perversion wieder in aller Munde. Selbstverständlich sind sexuelle Übergriffe und ähnliche Verhaltensweisen zu verurteilen und stellen grobe Verletzungen der psychischen und physischen Integrität des Opfers dar. Dennoch ist der Begriff der Perversion philosophisch interessant. Wann ist etwas pervers? Zwar tritt Perversion nicht ausschließlich im sexuellen Kontext auf, scheint aber in dieser Hinsicht deutlich mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, als die Perversion anderer Neigungen. Versuchen wir heute, den Begriff der Perversion aufzuschlüsseln und zu analysieren, wann das Verlangen nach sexuellem Interesse zwischen zwei Personen als pervertiert angesehen werden kann. Eine Orientierung hierzu gibt Thomas Nagels (*1937) Essay „Sexual Perversion“ von 1969.

Die wesentlichen Merkmale der Perversion (lat. perversus: verdreht, verkehrt) scheinen folgende zu sein: die Abweichung vom natürlichen Verhalten, das Umsetzen ganz bestimmter Praktika, und das Erfolgen des pervertierten Handelns aus psychologischer Neigung. Es geht demnach nicht um die bloße Befriedigung eines Triebes, wie beispielsweise das Essen eines Sandwiches bei Hunger und auch nicht um bloß ungewöhnliche Vorlieben. Wenn jemand beispielsweise liebend gerne Holz isst, würden wir nicht von Perversion sprechen, schließlich wird das Verlangen „Hunger“ mit der Vertilgung von etwas gestillt. Wird dieses Verlangen jedoch damit zu befriedigen versucht, die Serviette aus dem Lieblingsrestaurant zu streicheln, kommen wir einer verdrehten Verhaltensweise schon näher. Halten wir erstmal fest: Die Perversion beschreibt sich durch das eigentümliche, unnatürliche Verhalten zur Befriedigung eines Verlangens.

Der nächste Schritt unserer Analyse besteht nun darin, herauszufinden, was im Sinne des sexuellen Verhaltens für uns als natürlich gilt. Selbstverständlich ist es nahezu unmöglich, eine menschliche Interaktion, die von unnennbar vielen psychologischen Komplexitäten abhängt, zu schematisieren. Nagel hat sich allerdings um eine solche Darstellung bemüht, die, meines bescheinenden Erachtens nach, äußerst gelungen ist: Sexuelles Verlangen findet die Befriedigung in der wechselseitigen intersubjektiven Attraktion. Wir gehen davon aus, dass diesem ein anziehendes Gefühl auf ein, im gängigen Fall, menschliches Wesen einhergeht. Ein Jemand, der sich nicht nur durch objektive Merkmale wie Haarfarbe oder Größe auszeichnet, sondern gleichsam als fühlendes Subjekt lebt und liebt, agiert und reagiert. Vereinfacht rekonstruieren ließe sich die Entstehung der sexualisierten Anziehung zwischen zwei Menschen schrittweise. Person X sieht Person Y, und spürt in sich sein Verlangen nach Y. In einem darauffolgenden Moment erblickt Y X, ohne dass X jedoch merkt, dass auch Y sie gesehen hat. Y findet X auch überaus attraktiv, und würde ihr gerne näher kommen. Weder X noch Y wissen zu diesem Moment, dass der Anblick des jeweiligen Anderen eine Erregung bei dem Anderen auslöst. Wenn nun X aber merkt, dass Y sich anders verhält, steigert das vermehrt das Interesse von X. Wenn X nun auch noch bemerkt, dass Y sich eigentlich wegen X so verhält, merkt X selbst, dass sie selbst zum Objekt der Begierde wird. Gleiches gilt für Y, wenn Y bemerkt, dass X wegen Y nervös wird. Das Verlangen nach dem anderen hebt sich erneut. Das Gefühl, Einfluss auf den Zustand eines anderen zu haben, ist für etliche menschliche Interaktionen typisch. Wenn ich mich z. B. über jemanden ärgere, will ich, dass er merkt, dass sein Verhalten Schuld an meinem Zorn ist. Die Wirkung, die von einer Person auf die andere ausgeht – sexuelles Interesse – soll demnach von der zweiten Person erwidert werden und fällt somit wieder auf erstere zurück. So schaukelt sich das gleichsam hoch, die physische Erweiterung liegt nahe. Die Befriedigung des sexuellen Verlangens geht demnach mit der Wechselwirkung der Attraktion zwischen dem Gegenüber und dem Selbst einher, dies als zweiter zentraler Punkt unserer Untersuchung.

Eine Abart dieses Verhaltens wird nun als Perversion benannt. Agieren mit leblosen Gegenständen gründet z.B. nur auf der Selbstwahrnehmung der eigenen Sexualität, jegliches Inter-Agieren bleibt außen vor. Zwangsläufig negativ muss dies aber dennoch nicht sein. Bei Pädophilie und Zoophilie allerdings kommt es wohl schon zur Wahrnehmung der Verkörperung des anderen, allerdings bleibt die reziproke sexuelle Selbstwahrnehmung des Gegenübers aus. Voyeurismus und Exhibitionismus stellen ebenfalls Störungen des oben beschriebenen Prozesses der psychologischen Wechselwirkung der natürlichen sexuellen Wahrnehmung dar. Bei eben Erwähntem verlangt der Agierende nicht einmal ein reziprokes Verhalten des Gegenübers, oftmals ist ja sogar die eigene Anonymität das Ausschlaggebende.

Sexuelle Bedrängung und Belästigung fällt nun ebenfalls unter den Begriff der Perversion, da sie mit dem oben erwähnten Reziprozität der intersubjektiven Attraktion bricht. Sobald pervertierte Sexualität die Freiheit des Gegenübers beeinträchtigt, ist ihre Rechtfertigung ohnehin nicht mehr möglich.