LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Gedanken zu Veränderung und Sein

Thomas Hobbes (1588–1679) ist nicht nur bekannt für seine politischen Reflexionen. Seine deterministische Erkenntnistheorie sowie seine Fragestellungen zu Materialismus und Mechanismus – und auch sein unterschwelliger Hang zum Empirismus – liefern interessante Ansatzpunkte zum Nachsinnen über philosophische Problemstellungen, wie sie aktueller nicht sein könnten. Eines seiner Gedankenexperimente, bekannt als das Schiff des Theseus, lässt Fragen aufkommen, denen durch die Tragödie um den Brand der Kathedrale Notre Dame erneut Raum geboten werden kann.

Materialistische und mechanistische Theorien gehen davon aus, dass Objekterkenntnis in der sinnlichen Wahrnehmung ihren Anstoß findet. Realität kommt somit nur dem zu, das materiell anwesend ist und sich, im Sinne des Mechanismus, in Bewegung befindet. Mit der Erfahrung, der Empirie, des sinnlich Zugegenen, konstituiert sich somit unser Wissen um die Außenwelt. Nun stellt sich die Frage, ist das, was ist, nur durch seine materielle Beschaffenheit das, was es ist? Oder ist etwas über das Physische Hinausgehende Grundstein des Seins von Gegebenheiten? Willkommen in der Metaphysik, bitte schnallen Sie sich an.

Theseus, Held der griechischen Mythologie, war stolzer Besitzer eines beachtlichen Schiffes. Nach und nach fielen natürlich Reparaturen an. Jedes Mal, wenn eines der Bretter morsch wurde, ersetzte es ein Handwerker durch ein neues. So ging das über Jahre, bis auf einmal alle Bretter des Schiffs ersetzt waren und das Schiff ausschließlich aus Brettern bestand, die nicht von der Originalversion stammten. Ist das Schiff, das aus einer gänzlich anderen Materie besteht, dennoch ‚das‘ Schiff des Theseus? Oder ist es ein neues Schiff, weil kein einziges Brett mehr von der Urversion vorhanden ist? Wäre es denn noch das Gleiche, wenn auch nur noch ein Original-Brett übrig wäre? Wie viel Neues ist tolerierbar, damit man noch von Reparieren anstelle von Ersetzen reden kann? Wenn von 100 Brettern 49 ersetzt wurden und 51 noch ursprünglich sind, ist es dann noch das alte Schiff? Zwei Bretter mehr, und wir haben ein Neues?

Ist es das gleiche Schiff, weil es nur nach und nach Veränderungen durchlebte, die immer in Relation zum Original standen? Oder ist bereits ein einziges ersetztes Stück Grund einer Wesensveränderung des Objekts? Vielleicht sind es doch Form und Name, die dem Schiff die Identität geben, sodass das materielle Kriterium dann doch nicht das ausschlaggebende wäre?

Die Frage nach dem Wert der Veränderung der Materie ist zentral – geht mit ihr eine Veränderung des Wesens des Urobjektes einher? Stellen Sie sich vor, Sie verlieren einen Zahn und erhalten eine künstliche Prothese. Sind Sie dann noch der gleiche Mensch, obwohl ihr Original verändert wurde? Gehen wir weiter; alle Zellen unseres Körpers verändern sich mit der Zeit, es wird gar von einem siebenjährigen Zyklus gesprochen, in dem sich eine Grunderneuerung unserer Zellstruktur ergibt. Wie verhält es sich dann? Oder vergleichen Sie etwa die Fotos einer Person im Alter von drei Jahren und eines, das sie in ihrem 80-jährigen Dasein zeigt. Ist dies ein und dieselbe Person, obwohl ihr materielles Gerüst und ihre Form ganz andere zu sein scheinen? Natürlich, sagen Sie jetzt und denken an Ihre Kindheit, Ihre Jugend, all die Erfahrungen die Sie als Ihr Selbst durchlebt haben, und die Sie jetzt zu dem Menschen machen, der Sie heute sind. In dem Sinne wäre eine nicht-materielle Zutat ausschlaggebend für die Seinskonstitution. Doch welche? Unsere Seele? Unser Geist? Das Register aus Erinnerungen, Prägungen, Kontexten, das unser mentales Ich ausmacht? Wäre ein Gedächtnisverlust dann Grund für den Verlust des Seins? Der Personalität?

Wie sieht es nun mit Notre Dame aus, wird die Kathedrale die gleiche sein, auch wenn neueres Material das alte, abgebrannte ersetzt? Wird das Gebäude, dessen Wahrnehmung sicherlich auch durch den „Geist“ von Notre Dame, als kulturelles und spirituelles Symbol der Geschichte Frankreichs, das zahlreiche bedeutungsschwere historische und politische Begebenheiten miterlebt und geprägt hat, man denke etwa an die Krönung Napoleons zum Kaiser, durch die Geschehnisse auf ewig verändert?

Vielleicht wird mit dem Wiederaufbau der Kathedrale ein Notre Dame 2.0 geschaffen, wodurch es eine Konnotation erhält, die es für uns bis auf immer die wiederaufgebaute Notre Dame sein lassen wird? Dann wäre nicht nur die materielle Abweichung Grund für eine divergente Wahrnehmung des Gebäudes, sondern auch das sich rezent Ereignete. Werden wir Notre Dame noch mit den gleichen Augen sehen, oder werden die Bilder des Brandes stete Begleiter sein? Wird aber nun jemand, der von diesem Ereignis nichts mitbekommen hat und Notre Dame 2.0 zum ersten Mal sieht, das gleiche Notre Dame sehen, wie derjenige, der um Kontext und Veränderung Bescheid weiß? Eine wirkliche Antwort kann hierzu nicht gegeben werden, Vagheit und Paradoxa des Themas laden jedoch zum Reflektieren ein: über das, was ist, wie es ist, warum es ist, und über die Seinsstruktur dessen, was ist. In dem Sinne, wann und was denken Sie, sind Sie?