LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Zehn Jahre SnT: Direktor Prof. Dr. Björn Ottersten will Aktivitäten im Space- und Dienstleistungsbereich ausbauen - und hofft auf ein neues Gebäude

Was als erstes interdisziplinäre Forschungszentrum der Universität Luxemburg klein begann, zählt heute 300 Mitarbeiter mit mehr als 40 Nationalitäten. In seinen zehn Jahren war das „Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust“ (SnT) eigenen Angaben nach an mehr als 70 wichtigen europäischen Forschungsprojekten beteiligt, hat 43 Industriepartnerschaften geknüpft, vier Spin-Offs hervorgebracht und 35 Patente eingereicht. Und die Zeichen stehen auf Wachstum. Mit dem SnT-Direktor Prof. Dr. Björn Ottersten haben wir auf die Geschichte des SnT zurückgeblickt und uns über seine Zukunftspläne unterhalten.

Prof. Dr. Björn Ottersten, vor zehn Jahren haben Sie das „Interdisciplinary Centre for Security, Reliability and Trust“ gegründet und stehen seitdem an seiner Spitze. Sind sie ein zufriedener SnT-Direktor?

Prof. Dr. Björn Ottersten Ja. Zurückblickend würde ich sagen, dass die Entwicklung mit Sicherheit meine Erwartungen übertroffen hat. Wir haben es geschafft, viele talentierte Menschen anzuziehen, wir sind eine sehr internationale Organisation mit Menschen aus aller Welt, es ist ein dynamisches Umfeld. Wir haben zahlreiche kollaborative Projekte mit vielen Akteuren in Luxemburg aufgebaut. Viel mehr, als ich erwartet hatte, als ich hierher kam. Was mich überrascht ist, dass wir immer noch wachsen. Als ich herkam, war ich mir nicht sicher, ob es ein Interesse gebe, Forschung mit dem Privatsektor zu betreiben. Von Anfang an war es meine Vision, eng mit den Praktikern zusammenzuarbeiten, sodass wir einen großen Impakt mit unserer Forschung erzielen können. Wir wollen nicht nur wissenschaftliche Arbeiten schreiben, sondern unsere Ideen in Gebrauch bringen und dabei helfen, die Wirtschaft zu diversifizieren. Um das zu tun, muss es Akteure geben, die bereit sind, mitzumachen.

Wenn Sie drei Meilensteine in der zehnjährigen Geschichte des SnT nennen müssten, welche wären das?

Ottersten Als wir die ersten Partnerschaften mit internationalen Akteuren eingegangen sind, war das ein Meilenstein, weil es bedeutete, dass sie wegen der Technologie mit uns zusammenarbeiten wollen. Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, hatten wir keine Erfolgsbilanz und für die Zusammenarbeit mit Unternehmen waren wir bis zu einem gewissen Grad auf deren Wohlwollen angewiesen. Sie wollten die Universität und das SnT unterstützen und ich denke, sie wurden auch von der Regierung - ehrgeizig, in Forschung und Hochschulbildung zu investieren - stark ermutigt. Aber zu einem bestimmten Moment haben wir dann Vereinbarungen mit internationalen Akteuren gefunden, die zu uns kamen, weil sie etwas Interessantes sahen.

In Sachen wissenschaftliche Anerkennung würde ich die vom Europäischen Forschungsrat verliehenen drei ERC Advanced Grants nennen. Das ist ein Meilenstein, weil es zeigt, dass wir uns wirklich mit Top-Institutionen in Europa messen können. Es sind die einzigen Advanced Grants, die wir in Luxemburg haben.

Und vielleicht noch ein Meilenstein: Als ich herkam, wusste ich, dass Luxemburg ein Finanz- und Bankenzentrum ist. Also versuchte ich, mit dem Sektor zu arbeiten. Aber vor zehn Jahren gab es, um ehrlich zu sein, nicht sonderlich viel Interesse daran, über Digitalisierung und IT zu sprechen. Ich wurde oft an die jeweiligen IT-Abteilungen verwiesen, aber das ist nicht der Ort, um über Forschungsprojekte und anderes zu reden. Also haben wir angefangen, mit Technologieunternehmen wie SES, Post, Telindus, IEE, Hitec und so weiter zu arbeiten.

Vor etwa vier Jahren hat sich das verändert, als plötzlich die Digitalisierung anfing, den Banken- und Finanzsektor umzuwälzen - mit elektronischen Bezahlsystemen, neuen Akteuren und den Fintech, die dann zum Buzzword wurden. Als wir dann zum ersten Mal Fuß in diesem Sektor fassten, war das für mich ein weiterer großer Meilenstein. Heute haben wir 14 Partnerschaften in diesem Sektor und es ist der am schnellsten wachsende Bereich. Heute arbeiten wir mit dem Dienstleistungssektor. Im vergangenen Jahr haben wir das erste Forschungsprojekt mit einer Wirtschaftskanzlei unterzeichnet. Das hätte ich mir vor zehn Jahren nie vorgestellt. Auch mit dem Versicherungssektor. Und das alles, weil sich dieser Sektor auch verändert.

Gibt es auf der anderen Seite Aspekte, die Sie verbessern wollen?

Ottersten Eine unserer Herausforderungen ist die Rekrutierung. Es gibt einen harten Wettbewerb um Talente weltweit. Die Sache wird einfacher in dem Sinne, dass wir mehr Anerkennung erhalten und in den Rankings auftauchen, aber es ist etwas, an dem wir dauernd arbeiten. Ich hoffe, dass wir noch erfolgreicher werden, was die Rekrutierung anbelangt. Das hängt allerdings nicht nur von uns ab, sondern auch von der Attraktivität des Landes. Luxemburg ist klein, aber sehr international. Das ist ein sehr wichtiger Faktor. Menschen fühlen sich hier zuhause. Die Tatsache, dass es jetzt öffentliche englischsprachige Schulen gibt, ist für uns sehr wichtig. Der Wohnungsmarkt und der Verkehr bleiben natürlich Herausforderungen. Trotzdem ist Luxemburg sehr attraktiv.

Etwas anderes, das ich weiter ausbauen möchte, und das ist übrigens ein Meilenstein, den ich vergessen habe, das sind unsere Spin-Offs. Ich würde gerne viel mehr im Bereich des Unternehmertums sehen und dass mehr unserer Projekte zu Spin-Offs führen.

In Luxemburg hört man oft, dass es an Unternehmergeist mangelt. Teilen Sie diese Ansicht?

Ottersten Ja und Nein. Ich sehe eine große Bereitschaft, ein Ökosystem aufzubauen. Ich habe vergessen, wie viele Inkubatoren es inzwischen gibt. Es gibt mehr und mehr Investment-Instrumente, verschiedene privat, verschiedene öffentlich sowie Joint-Ventures. Wir waren Bestandteil der Schaffung des „Digital Tech Fund“, der auf Initiative des SnT und einiger seiner Hauptpartner entstanden ist, weil wir festgestellt haben, dass die Finanzierung in einem frühen Stadium Probleme bereitet. Aber wir könnten viel mehr machen. Von den vier Spin-Offs, die wir bisher hatten, war einer der Gründer Luxemburger, die anderen kamen aus anderen Ländern. Also man kann gewissermaßen auch Unternehmertum importieren, wenn man das richtige Umfeld schafft. Wenn wir uns Silicon Valley anschauen, dann ist das auch importiertes Unternehmertum. Sieht man sich die Start-Ups und Spin-Offs an, stellt man fest, dass sie von Asiaten geführt werden. Würde Silicon Valley keine Talente importieren, dann würde es nicht existieren. Ich denke, wir müssen in Luxemburg ebenfalls pragmatisch sein.

Gibt es noch andere Dinge, die in Zukunft besser werden könnten?

Ottersten Ich hätte gerne ein SnT-Gebäude, genau hier. Das ist ein großartiger Ort, aber ich glaube, die Gebäude gehören zu den ältesten auf Kirchberg. Es ist Zeit, sie abzureißen und eine wirklich moderne Forschungseinrichtung aufzubauen. Uns geht es sehr darum, privat und öffentlich zusammenzubringen und Synergien zu schaffen. Ich hätte gerne eine „Soft Landing Zone“. Einige unserer internationaler Partner sagen, sie würden gerne Forscher zu uns schicken und fragen, ob sie Räume mieten können. Dann sage ich, dass das nicht so einfach ist, weil unser Gebäude der Verwaltung für öffentliche Bauten gehört und eine Vermietung nicht möglich ist. Es gibt da einige Hürden. Wir würden uns ein Innovationszentrum wünschen, in dem wir öffentliche Forschung haben können und gleichzeitig ein „soft landing“ für Unternehmen ermöglicht, die investieren wollen und nah bei unseren Forschern sitzen wollen. Wir reden mit einigen Unternehmen in China, wir haben Ripple, Paypal, Nvidia... Ich denke, das wäre großartig für Luxemburg. Das ist etwas, von dem ich hoffe, dass es in den nächsten fünf Jahren möglich wäre.

Die strategischen Forschungsprioritäten des SnT wie etwa autonome Fahrzeuge, Cybersicherheit oder das Internet der Dinge kann man zweifelsohne als zukunftssicher bezeichnen. Allerdings gibt es andere Forschungsinstitutionen in Europa und weltweit, die ebenfalls in diesen Bereichen aktiv sind. Wie positioniert sich das SnT in diesem Umfeld?

Ottersten Geraden in einem größeren Kontext ist das etwas, für das wir uns öfter infrage stellen sollten. Wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Uni und wir sind ein kleines Forschungszentrum. Es ist offensichtlich, dass wir nicht alles machen können. Also muss man fokussiert sein. Wir haben versucht, unsere Strategie im Kontext des Landes zu formulieren. Wenn Sie sich unsere strategischen Forschungsbereiche ansehen, werden sie dieselben Bereiche auch im Rifkin-Bericht oder in der „Smart Specialization Strategy“ wiederfinden. Das ist Absicht. Wir müssen, aufgrund der Größe des Landes, angeglichene Strategien haben: von der Regierung über die Forschungsaktivitäten bis hin zum Privatsektor.

Dann versuchen wir auch hervorzustreichen, dass wir interdisziplinär sind. Das macht uns ein bisschen einzigartig. Das SnT ist kein IT-Sicherheitszentrum oder Zentrum für Cybersicherheit. Wir sind interdisziplinär. Wenn man sich auf den Weltraumbereich fokussiert ist, dann ist das natürlich interdisziplinär. Sobald man den Fokus auf praktische Probleme legt, dann ist klar, dass man Expertise aus vielen Bereichen braucht.

Wir betreiben aber auch Grundlagenforschung. Wir wollen die gesamte Bandbreite abdecken. Manchmal gibt es diese Denkweise in Europa, diese Tendenz zu sagen: Eine Universität sollte grundlegende Forschung betreiben, dann haben wir Forschungsinstitute für angewandte Forschung, dann eine Innovationsagentur. Wir institutionalisieren diesen Prozess und das schafft jedesmal Barrieren. Also versuchen wir, das zusammenzubringen. Ich sage gerne: Der Forscher verbringt den halben Tag damit, langfristig zu denken und die andere Hälfte damit, kurzfristig zu denken, also praktische Probleme zu lösen. Wir betreiben Grundlagenforschung, aber sie ist inspiriert durch die Praxis.

Da es für das SnT Teil seines Konzeptes ist, mit Unternehmen zu arbeiten?

Ottersten Ich sage: Es ist Teil unserer DNA. Von Anfang haben wir gesagt, dass wir Wirkung erzeugen wollen. Da ich das Glück hatte, von Anfang dabei zu sein, konnte ich Leute einstellen, die diese Vision teilen. Was wir versuchen und das ist die Herausforderung: Wir machen beides. Ich behaupte, dass wir, wenn es um wissenschaftliche Exzellenz geht, keine Kompromisse machen. Man muss sich nur unsere Erfolgsbilanz ansehen, die ERC Grants oder auch Grants aus den USA, die auf einer globalen Ebene wettbewerbsfähig sind. Und bewirken gleichzeitig etwas. Man kann beides tun, aber es ist herausfordernd.

Sie haben vorhin erwähnt, dass immer mehr Unternehmen aus verschiedenen Bereichen an das SnT herantreten. Gleichzeitig wird oft gesagt, dass Unternehmen in Luxemburg nicht genug in Forschung und Entwicklung (R&D) investieren. Macht sich das beim SnT bemerkbar?

Ottersten Ich verfolge die Statistiken und es stimmt, dass die privaten R&D-Ausgaben zumindest in relativen Zahlen zurückgehen. Das beunruhigt mich. Luxemburg ist eine wissensbasierte Gesellschaft. Um diesen Lebensstandard aufrechtzuerhalten, muss man Dienstleistungen mit einem sehr hohen Mehrwert haben. Es ist meine Überzeugung, dass Forschung in gewisser Hinsicht eine der Dienstleistungen mit dem höchsten Mehrwert ist. Deshalb würde ich es gerne sehen, wenn der Anteil der Unternehmen an den Investitionen in Forschung und Entwicklung steigen würde.

Gleichzeitig haben wir in unserer Arbeit mit dem Dienstleistungssektor festgestellt, dass die Unternehmen über kein spezifisches R&D-Budget verfügen, sodass diese Investitionen in den Statistiken wahrscheinlich nicht als Budget für Forschung und Entwicklung auftauchen.
Also: Von einem statistischen Blickpunkt gesehen ist das Bild etwas enttäuschend. Ich denke aber, dass es nicht so schlimm ist, wie es aussieht.

Sie leiten das SnT seit zehn Jahren. Wie lange planen Sie, an seiner Spitze bleiben?



Ottersten Das hier waren wahrscheinlich zehn der aufregendsten Jahre meiner Karriere. Ich bin stolz auf das, was wir erreicht haben und wie ich bereits sagte, gab es keine Stagnation in dem Sinne, dass wir weiter wachsen. Das überrascht mich etwas.

70 Prozent unserer Finanzierung stammt aus externen Wettbewerbsquellen. Das ist nicht zu vergleichen mit einer anderen Forschungseinrichtung in Luxemburg. Das bedeutet, dass unser Wachstum auf die Nachfrage für neue Projekte vonseiten unserer Partner, von europäischen Quellen und so weiter zurückgeht. Der Weltraumbereich beispielsweise, rund um die Space Resources-Initiative der Regierung, kann meiner Meinung nach ein Wachstumsbereich sein. Es gibt dort viele kleine Unternehmen, mit denen wir gerne enger zusammenarbeiten wollen. Ich hoffe, dass wir in diesem Bereich in fünf Jahren eine größere Aktivität haben.

Ja, ich bin sehr interessiert daran, das SnT weiter zu entwickeln, zumindest für die nächsten fünf Jahre. (lacht). Ich arbeite in Fünf-Jahres-Verträgen.

Wo sehen sie das SnT in fünf Jahren?

Ottersten Ich würde sagen, dass wir neue Bereiche wie den Space-Bereich erschließen. Dass wir noch mehr im Dienstleistungssektor machen. Vielleicht nicht nur im Banken- und Finanzwesen, sondern auch mit Versicherungsunternehmen mit rechtlichen Aktivitäten. Ich sehe uns auch internationaler. Vielleicht lassen wir uns sogar anderswo nieder. Das Fraunhofer Institut macht das. Warum sollten wir das nicht auch tun? Und über eine wirklich moderne Einrichtung zu verfügen, die Forscher zusammenbringt.