HOLLYWOOD
ALIKI NASSOUFIS (DPA)/LJ

Wichtigster Oscar an Rassismusdrama - Zähe Show mit wenig Highlights

Die Chance lässt sich Spike Lee nicht nehmen. Der afro-amerikanische Regisseur hat mit seiner Politsatire „BlacKkKlansman“ gerade einen Oscar für das beste adaptierte Drehbuch gewonnen, nun setzt er zu einer kämpferischen Dankesrede an. „Vor der ganzen Welt erweise ich unseren Vorfahren, die dieses Land aufgebaut haben, meine Ehre“, sagt der 61-Jährige und erinnert an die Versklavung von Afrikanern und den „Völkermord an unseren Ureinwohnern“. Als er dann noch eine Spitze an die derzeitige US-Regierung hinterherschiebt, sind die vielen Galagäste im Dolby Theatre längst von ihren Stühlen aufgesprungen und applaudieren. „Die Präsidentschaftswahlen von 2020 sind nicht mehr weit weg“, ruft Lee entschlossen. Es sei eine moralische Wahl zwischen Liebe und Hass. „Lasst uns das Richtige tun!“

Drei Trophäen für „Green Book“

Es sollte der einzige Oscar für „BlacKkKlansman“ über den rassistischen Ku-Klux-Klan bleiben. Doch auch die anderen Gewinner des Abends zeigen, dass Minderheiten und deren Geschichten nun zumindest in Hollywood verstärkt Gehör finden. Dazu passt auch die wichtigste Auszeichnung für den besten Film, die an „Green Book“ geht: In dem Drama von Peter Farrelly reist ein schwarzer Musiker mit einem weißen Chauffeur in den 60er Jahren in die US-Südstaaten. Der Afro-Amerikaner Mahershala Ali wird als bester Nebendarsteller geehrt, hinzu kommt die Trophäe für das beste Original-Drehbuch.

Doch so fortschrittlich diese Auszeichnungen zunächst klingen - so irritierend sind sie gleichzeitig. Denn „Green Book“ ist kein Werk, das Rassismus in der Gesellschaft seziert oder gar Parallelen zur Gegenwart aufzeigt - da wäre etwa der Preis für „BlacKkKlansman“ ein eindeutigeres Signal gewesen. Stattdessen greift „Green Book“ als Film über Rassismus zu kurz, blendet er die Brutalität und menschenverachtende Politik der damaligen Zeit doch fast ganz aus. Auch wegen seiner Sichtweise war das Drama bereits stark kritisiert worden. Immerhin erzählt es aus der Perspektive von Weißen vom Leid der Afro-Amerikaner, und der Schwarze lernt hier erst dank des weißen Chauffeurs, seine eigene Identität zu finden.

Der heimliche Gewinner der diesjährigen Oscarnacht war dann auch ein anderer: der Mexikaner Alfonso Cuarón mit seinem in Schwarz-Weiß gedrehten Drama „Roma“. Er heimste nicht nur den Auslands-Oscar ein - der erste dieser Kategorie für Mexiko -, sondern nahm auch noch die Preise für die beste Regie und die beste Kamera entgegen und sorgte damit zugleich für einen der bisher größten Erfolge des Streaming-Anbieters Netflix, der das still erzählte und mit kunstvollen Bildern eingefangene Drama herausgebracht hatte. Schon zuvor hatte Cuarón betont, der Film sei eine Hommage an seine früheren Kindermädchen. Seine Oscars widmete er nun den „70 Millionen Haushaltshilfen in der Welt ohne Arbeitserlaubnis“. „Es ist unser Job hinzuschauen, wo andere wegschauen“, gerade in Zeiten, in denen man ermuntert werde wegzugucken.

Pointierte Reden wie diese blieben bei der 91. Oscargala die Ausnahme. Überhaupt wirkte die Show insgesamt seltsam blass und zäh. Denn nachdem es im Vorfeld jede Menge Chaos um die Organisation gegeben hatte, fehlte zum ersten Mal seit 30 Jahren ein Moderator, der durch die Gala führte. Stattdessen sorgten die vielen, vielen Präsentatoren für ein ständiges Kommen und Gehen, immer neue Gesichter erschienen auf der Bühne, während zugleich wirkliche Highlights fehlten - aus früheren Oscarverleihungen sind hingegen ein Gruppen-Selfie zahlreicher Stars oder der zur Gala bestellte und völlig verdutzte Pizza-Lieferant noch lebendig in Erinnerung.

Leblose Show

Dieses Mal wurden die einzelnen Kategorien und Gewinner hingegen fast nahtlos hintereinander weg verkündet, so dass die Show leblos wirkte und manche Zuschauer sicher nicht nur aus Müdigkeit gähnten. Ob eine Oscar-Show ohne Moderator, ohne Einspiel-Filmchen und mit nur wenigen bissigen Kommentaren das richtige Mittel gegen die sinkenden Einschaltquoten ist, bleibt fraglich.

Kurz vor dem Ende der Gala sorgte dann aber noch die Britin Olivia Colman für die emotionalsten Momente des Abends. Die 45-Jährige wurde für ihre herausragende Darstellung von Queen Anne in „The Favourite - Intrigen und Irrsinn“ als beste Schauspielerin geehrt und kam sichtlich gerührt auf die Bühne. „Das ist Wahnsinn“, stammelte sie unter Tränen. „Ich habe einen Oscar!“ Als sie früher als Putzfrau gearbeitet habe, habe sie oft von genau dieser Situation geträumt.

Dann sandte sie Musikerin Lady Gaga, die zuvor einen Oscar für den besten Filmsong gewonnen hatte, einen Handkuss und dankte ihrem Ehemann, „meinem besten Freund“. Ihre Kinder seien zu Hause und schauten wahrscheinlich zu - „oder wenn ihr’s nicht tut: brav gemacht. Aber ich hoffe irgendwie, dass ihr es doch tut. Das hier passiert nicht noch einmal!“