LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Ein Schnitt ins eigene Fleisch

Wir schreiben das Jahr 2018. Ein irisches Gericht spricht einen wegen Vergewaltigung angeklagten Täter frei, weil das mutmaßliche Opfer einen String-Tanga mit Spitze getragen hatte und sich somit, so lautet die haarsträubende Erläuterung, als offen für sexuellen Kontakt gezeigt hatte. Dass dem Anliegen der Anwältin des Mannes Rechnung getragen wurde, die Kleidung der Frau in Erwägung zu ziehen, grenzt an Wahnsinn. Sind Männer mit freiem Oberkörper denn nun auch willige Lustobjekte, deren man sich, ob mit oder ohne Zustimmung, frei bedienen kann? Mit einer solchen Argumentation sehe ich die Allgemeingültigkeit nahezu aller Artikel der Erklärung der Menschenrechte als gefährdet an. Wie kann die Exekutive in unserem ach so fortschrittlichen 21st-century Westen derart haarsträubend agieren?

Die Diskrepanz bezüglich Fortschrittlichkeit und Gerechtigkeit ist natürlich nicht neu. Bezüglich der diskriminierenden Situation der Frauen gibt es eine interessante Parallele zum Zeitalter der europäischen Aufklärung, das etwa um 1700 einsetzte. Die Aufklärer machten sich zum Ziel, die Vorherrschaft von Religion und Glauben durch das Fördern des rationalen Denkens zu ersetzen. Dies galt nicht nur für die Bereiche Wissenschaft und Technik, sondern auch für Moral und Gerechtigkeit. Die stets gleichbleibende Leitidee war die eines autonomen, mündigen Bürgers, der seinen Intellekt schulte und sich aus den Fesseln dogmatischer Tradition befreien konnte, um dem Fortschritt der Menschheit durch sein Wissen und Engagement zuzutragen. Auch die Moral sollte von der Rationalität geprägt sein: Das moralische Gesetz respektieren ist das einzige, was von uns vernünftigen Menschen allgemein gewollt werden kann. Nur so kann Moral für jeden allgemein geltend werden. Ziel ist ein Weltbürgertum, in dem jedes Mitglied in seiner Eigenständigkeit und Person geehrt wird. So weit, so edel. Die gelebte Realität war diesem Ideal jedoch diametral entgegenstehend. Im Zeitalter der Aufklärung gab es weder für Frauen noch für Sklaven geltendes Recht. Frauen waren unmündig, durften natürlich nicht wählen und konnten nicht von einer adäquaten Ausbildung profitieren. Mädchen aus besserem Hause hatten vielleicht noch das Glück eine Bildungsanstalt besuchen zu können, wurden jedoch meist lediglich in Hausarbeit unterrichtet. Lesen und schreiben konnten nur die Wenigsten. Manche Frauen schafften es dennoch, sich wissenschaftlich und politisch aktiv zu zeigen, trotz der gewaltigen Hindernisse, mit denen sie zu kämpfen hatten, wie etwa die Marquise du Châtelet, Madame Dacier, Maria von Herbst oder Olympe de Gouges, um nur einige unter ihnen zu preisen. Dies konnte ihnen aber nicht im Alleingang gelingen, die gesellschaftliche Konstellation machte es unmöglich, anders als unter einer männlichen Vormundschaft a wissenschaftlichen oder politischen Stoff zu kommen.

Der berühmte Aufruf Kants, der Bürger müsse sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit durch die Nutzung seines eigenen Verstandes befreien, wirkt nahezu hämisch. Selbstverschuldet war eine solche Unmündigkeit vielleicht zu der Zeit bei Männern, die Potenzial dazu hatten, Gelehrte zu werden und sich nur der Träg- und Faulheit wegen lieber vom Alltag tragen ließen, als diesen aktiv mitzugestalten und zu verbessern. Frauen und Sklaven jedoch rutschten in die Fesseln historischer Tradition hinein und mussten ihr Leiden stumm ertragen.

Für die Aufklärer war es schier normal, Frauen keine wissenschaftlichen Fähigkeiten zuzutrauen. Dass dies im absoluten Paradox mit ihrer eigentlichen Leitidee stand, schien keinem aufzufallen… oder doch?

Das große „Problem“ der Frauen war es scheinbar, dass diese so emotionsgesteuert agierten. Es war klar, dass Gefühle nur von einer unparteiischen und produktiven Vernunft ablenkten, sodass Frauen dadurch niemals Großes leisten könnten. Auch war es die Idee, dass persönliche Empfindungen einen schwach machten, sodass es einem an Rückhalt nur so mangeln konnte, wenn man doch eigentlich eisern dem moralischen Gesetze Folge leisten sollte. Das Versteifen auf die blinde Rationalität schien jegliche Rücksicht auf eventuell auch der Moral zuträglichen Gefühle, wie etwa Güte, Einfühlsamkeit oder Empathie zu verhindern.

Mary Wollstonecraft (1759-1797), englische Schriftstellerin und Philosophin der Aufklärungszeit, prangerte in ihrem Text „A Vindication of the Rights of Woman“ diese Missstände an. Sie wies darauf hin, dass sich das Zulassen von Frauen zur Wissenschaft vorwiegend positiv bewähren würde. Wenn alle Geschlechter gleichermaßen an einem Gebiet forschten, wäre das dem Verständnis von Wissenschaften und Künsten ohnehin nur zuträglich. Wie kann es bloß sein, dass der Staat die Diskriminierung der Frauen auch noch förderte, schrieb sie, wenn eigentlich nichts als Gerechtigkeit und Gleichheit die Gesetze bestimmen sollten, wie es doch die Weisen lehren sollten? Pflicht und Moral, so war sie sich sicher, waren im momentanen Zustand nichts weiter als korrumpierte Ideen.

Doch warf sie noch ein Argument ein, das vielleicht auch den gestandenen Patriarchen zum Überlegen bringen konnte. Gewährte man den Frauen die Ausbildung ihrer mentalen Fähigkeiten, würde das ihnen doch den Weg zur Mündigkeit, zu starken, eigenständigen Bürgern bereiten. Selbstbewusstsein und ein einfühlsamer, mütterlicher Charakter, waren dies denn nicht die absolut besten Eigenschaften von guten Müttern und Ehefrauen? Frauen, die um die Wichtigkeit von Moral und Fortbildung wüssten? Wer sonst als die Mutter kann ihrem Nachwuchs dies förmlich mit in die Wiege legen? Misogyne Männer, die Frauen als minderwertig ansehen und ihre Freiheiten unterdrücken, schneiden sich lediglich ins eigene Fleisch und verhindern genau das, was sie eigentlich als ihr Motiv preisen: den Fortschritt der Menschheit!