MAMER
SIMONE MOLITOR

„Kinneksbond“-Direktor Jérôme Konen über Kontinuität, Nischenprojekte und Zahlenfetischismus

Jérôme Konen startet als Direktor des „Kinneksbond“ in Mamer gerade erst in seine zweite Saison, weiß aber genau, was er will und was nicht. Als kulturelle Begegnungsstätte, Produktionsstätte und als Ort für die Verbreitung der Künste öffnete das regionale Kulturhaus im Jahr 2010 seine Tore. An dieser Identität will auch Konen nicht rütteln, trotzdem aber seine persönliche Note einbringen. Qualität hat dabei oberste Priorität.

Mit welcher Vorstellung haben Sie Ihre Arbeit damals als Direktor aufgenommen? Und inwiefern konnten Sie bislang Ihre persönliche Note einbringen?

Jérôme Konen Natürlich hatte ich von Anfang an eine gewisse Vision. Ein regionales Kulturzentrum ist ein Ort, an dem Begegnungen und Austausch stattfinden, an dem eine breite Vielfalt an Kunstformen geboten wird, an dem eine zugängliche Kunst im Vordergrund steht, die aber natürlich qualitativ ist. Besonders der Begriff „qualitativ“ ist mir wichtig, ihn hatte ich in meiner Bewerbung auch fett unterstrichen. Eine persönliche Note gehört dazu, wenn man ein Haus wie dieses leitet und für das Programm verantwortlich zeichnet. Der persönliche Kontakt mit dem Publikum ist in einem regionalen Kulturhaus besonders wichtig. So schafft man es ein Vertrauen in die Programmauswahl aufzubauen und möglicherweise auch, die Zuschauer für Sachen zu begeistern, die sie sich normalerweise eher nicht anschauen würden.

Haben Sie das ganze Programm auf den Kopf gestellt oder gibt es eine gewisse Kontinuität?

Konen Kontinuität ist selbstverständlich wichtig. Man kann nicht von einem Tag auf den anderen alles anders machen. Das war auch überhaupt nicht mein Ziel. Dennoch trägt das Programm meine Handschrift. Das „Kinneksbond“ war vor meiner Zeit vielleicht etwas musikalischer ausgerichtet, während jetzt Theater und Tanz einen größeren Platz einnehmen. Musik wird aber keineswegs vergessen. „Showtainment“ - Abende, wo es um das Vergnügen geht - spielt ebenfalls eine Rolle. Formeln wie „Hannert dem Rido“ mit kleinen intimen Konzerten, die immer gutbesucht sind, werden selbstverständlich weitergeführt. Auch die stets ausverkaufte „Gala de la chanson française“ wird beibehalten. Auch wenn das nicht unbedingt meine Welt ist, stellen wir solche Sachen natürlich nicht in Frage. Meine persönliche Note, demnach Entdeckungen anbieten, ist die eine Sache, auf das Publikum hören, die andere.

Eine Spezialisierung ist also nach wie vor nicht
das Ziel?

Konen Nein, das „Kinneksbond“ soll weiterhin mit Geselligkeit, Austauschort und qualitativen Projekten in Verbindung gebracht werden. Oft wird tatsächlich gefordert, dass sich dezentrale Kulturhäuser spezialisieren, diese Meinung teile ich keineswegs. Obwohl Mamer im Zentrum liegt, sind wir Teil der kulturellen Dezentralisierung. Auch hier spielt Proximität also eine Rolle. Personen, die vielleicht nicht ganz so kulturaffin sind, sind 15 Kilometer vielleicht zu weit, während sie aber eine kulturelle Veranstaltung in ihrer direkten Nachbarschaft besuchen. Das „Kinneksbond“ hat demnach seine Berechtigung, als Ort, wo man den Leuten Kultur und ihrer Vielfalt näherbringen soll. Gerade wegen unserer zentralen Lage können wir es uns wiederum erlauben, auch Projekte mit einem anderen Umfang zu bieten, mit dem wir sogar ein Publikum aus dem Süden, aus der Stadt und aus der Region anziehen.

Wie groß ist das „Kinneksbond“-Team eigentlich?

Konen Wir sind sechs Personen, die technischen Mitarbeiter mitgezählt. Da wir immerhin rund 50 Produktionen pro Jahr im Programm haben - das sind etwa 60 Abende pro Saison -, wäre eine weitere Person in der Technik und eine in der Verwaltung nicht schlecht. Wir sind eine junge, engagierte Mannschaft und alle ziemliche Perfektionisten, weshalb wir manchmal aus personellen Gründen eben doch an unsere Grenzen stoßen und nicht alles so gut machen können, wie wir es eigentlich machen wollen, beispielsweise auf Ebene der Kommunikation.

60 Abende pro Jahr, manch einer wird das als nicht so viel empfinden, immerhin hat das Jahr 365 Tage…

Konen Angesichts des kulturellen Angebots im Allgemeinen würde es wenig Sinn machen, noch mehr zu bieten. Aus personellen Gründen wäre es ohnehin nicht möglich. Andererseits darf man auch nicht vergessen, wie viele Stunden und Tage an Vorbereitung bereits hinter uns liegen, wenn ein Stück schlussendlich gezeigt wird. Es gibt da ein gewisses Problem der Wahrnehmung. Viele sind nämlich der Ansicht, dass die Kulturschaffenden ein Lotterleben führen. Das entspricht aber nicht der Realität. Es ist ein Beruf, der einem extrem viel gibt, der einem aber auch viel abverlangt, der viel Zeit und viel persönliches Engagement erfordert. Zudem arbeitet man oft, wenn andere frei haben. Der Künstler steht auch nicht einfach auf der Bühne und sagt seinen Text. Dahinter steckt ein ganz emotionaler Prozess, der nicht zu unterschätzen ist. Nicht zu vergessen die monatelangen Proben, die der Vorstellung vorausgehen. Die Arbeit und die Stunden, die in eine Theaterproduktion investiert werden, erscheinen in Luxemburg vielleicht disproportional angesichts der begrenzten Aufführungsmöglichkeiten, das stimmt. Wir versuchen so oft wie möglich, Begegnungen mit den Künstlern zu organisieren, um einen Einblick in ihre Arbeit und im Allgemeinen in diese Szene zu geben. In Luxemburg gibt es keine Lobby für die Kultur. Das ist ein Problem. In jedem Sektor ist es ja so: Je stärker die Lobby, umso eher unternimmt die Politik etwas.

Wie zufrieden sind Sie mit den Besucherzahlen?

Konen In der vergangenen Saison hatten wir 19.000 Besucher. Das ist extrem gut, obwohl es natürlich immer Potenzial nach oben gibt. Ich bin zwar kein Zahlenfetischist, dennoch hängt ein Drittel unseres Budgets von den Einnahmen ab, weshalb ich mir auch selbst Druck mache. Das Angebot soll trotzdem breitgefächert bleiben. Ausverkaufte Vorstellungen sind zwar toll, dennoch lege ich ebenfalls Wert auf Nischenprojekte, die möglicherweise nur 100 Zuschauer anlocken, Hauptsache die Qualität stimmt. Wenn man nur noch an Zahlen denkt, schlägt man womöglich zu sehr eine kommerzielle Richtung ein, die ich strikt ablehne. Kulturelle Vielfalt ist unsere Mission. Risiken einzugehen, gehört dazu. Manches erfordert Geduld, deshalb darf man auch nicht sofort aufgeben oder sich entmutigen lassen, wenn mal etwas nicht so funktioniert oder ankommt, wie man es sich vorgestellt hat.


Details zum Programm unter www.kinneksbond.lu