LUXEMBURG
SAMUEL HAMEN

Seit Ende letzten Jahres ist der „Lëtzebuerger Schrëftstellerverband“ Geschichte - Haben wir ihm nachzutrauern?

Nach mehr als dreißig Jahren ist der „Lëtzebuerger Schrëftstellerverband“, kurz LSV, Geschichte. Sein Ende nahm sich auf eine Art aus, wie eigentlich Geschichten von Glück und Förderung beginnen: mit der Überreichung eines überdimensionierten Schecks. Als finale Handlung im Dienste der Literatur überreichten einige LSVler im Dezember 2016 der „Fondation Servais“ das Restvermögen des Verbands. Es folgten ein letztes Foto für die Presse, ein letztes betonhartes Lächeln, eine letzte Rede. Das war’s.

Aber wie steht es um die Aufgaben, die der LSV seit seiner Gründung 1986 übernommen hatte? Hinterlässt der Verband eine Lücke? Oder ist er unnötig geworden in einer sich wandelnden Literaturlandschaft? Der Verleger der jungen „Hydre Éditions“, Ian de Toffoli, ist der Meinung, dass eine Schriftstellervertretung wie der LSV ausgedient habe: „À l‘époque, une initiative était tout à fait bienvenue. Mais ce temps est révolu.“ Am Ende seines Beitrags, der letzten Sommer in „Livres - Bücher“ erschien, konstatiert er: „Un auteur qui a trouvé sa maison d‘édition n’a plus besoin de vague club de littérature“. #

Es mag stimmen, dass dem LSV viele Funktionen von den Verlagen abgenommen wurden: Werbemaßnahmen, vertragliche Rahmungen, Pressearbeit, Beschaffung von Lesungen. Die allmähliche Professionalisierung der Buchbranche war bis zuletzt ein Hauptanliegen des LSV, und in gewissem Sinne hat sich der Verband selbst abgeschafft, indem er dazu beitrug, dass die eigenen Forderungen nach und nach von Dritten eingelöst wurden. Bleibt trotz alledem nicht ein Rest, der sich nicht durch fleißige und ökonomisch motivierte Verlagsarbeit erübrigt? Ein Aufgabenbereich, den nur eine Schriftstellervereinigung übernehmen kann?

Lesung gegen den Krieg

Als die USA im Frühling 2003 in den Irak einmarschierten, organisierte der LSV am 25. März in der „Maison du Peuple“ in Esch eine „Liesung géint de Krich“. Insgesamt lasen dreizehn Autoren aus ihrem Werk vor, darunter Roger Manderscheid, Georges Hausemer und Jhemp Hoscheit. Auch dies war und ist ein wichtiger Aufgabenbereich von Schriftstellervereinigungen: die Stimmen einzelner Autoren und Autorinnen zu bündeln, die disparaten schriftstellerischen Anliegen in bestimmten Situationen einander anzunähern, um resoluter und schlagfertiger am öffentlichen Diskurs teilzunehmen.

In turbulenten Zeiten ist eine fokussierte Teilnahme an Debatten unerlässlich - und gerade Literaten mit ihrem Ethos der freien Rede sind hierbei gefragt. So hat etwa einer der renommiertesten Autoren der USA, Paul Auster, kürzlich in einem Interview mit „The Guardian“ gesagt, er würde als Reaktion auf die Trump-Präsidentschaft 2018 den Vorsitz des amerikanischen PEN-Verbands übernehmen. O-Ton: „I’m going to speak out as often as I can, otherwise I can’t live with myself.“ Und Anfang August verfasste die österreichische Autorin und Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek einen Aufruf in der Zeitung „Der Standard“, in dem sie die Freilassung zweier in der Türkei inhaftierter Intellektueller forderte. Bezüglich des Schweigens von Autorenverbänden schrieb Jelinek: „Ich höre nichts von meinen (Schriftsteller-)Vereinigungen. Vielleicht stecken sie derzeit ja im Gefängnis ihrer Badehosen oder Bikinis an irgendeinem Strand fest. Da ich nichts höre, (vielleicht höre ich aber doch noch was, vielleicht morgen, trotzdem), muß halt ich etwas sagen“.

Mehr als eine Gewerkschaft

Ob zu diesem Zweck der kritischen Redepartizipation ein eigenständiger luxemburgischer Autorenverband vonnöten ist, steht auf einem anderen Blatt. Eine poröse Literaturszene wie die luxemburgische ermöglicht es jenen, die gewillt sind, mithin leichter, im nahen Ausland unterzukommen. Bloß: Zurzeit gehören nur Guy Rewenig, Guy Helminger und Margret Steckel der deutschen PEN-Sektion an; in der französischen PEN-Sektion begegnen uns mit Anise Koltz und Jean Portante nur zwei Autoren aus Luxemburg; in der belgischen PEN-Sektion ist nur Anise Koltz vertreten. Hinzu kommt, dass man erst auf Vorschlag eines PEN-Mitglieds selbst in die Vereinigung hineingewählt werden kann.

Die ernüchternde Erkenntnis, wie unwichtig der LSV zuletzt war, wurde bei der Schecküberreichung ein letztes Mal deutlich. Die Presse berichtete auf routiniert-uninteressierte Weise davon, so, wie man über die Spende einer lokalen Pfadfindergruppe an einen Gartenbauverein spricht. Mit der Abwicklung des „Lëtzebuerger Schrëftstellerverband“ hat die Szene aber mehr verloren als eine Gewerkschaft, die auf Autorenrechte pocht. Mit dem LSV ist auch eine Verbandsplattform von der Bildfläche verschwunden, die es ihren Mitgliedern wenigstens theoretisch erlaubte, gemeinsam mit einer Stimme an politisch brisanten Debatten teilzunehmen.