LUXEMBURG
SVEN WOHL

„High Score“ beleuchtet die Videospielindustrie von neuen Seiten

Wer ein Medium verstehen möchte, muss sich mit dessen Geschichte auseinandersetzen. Während es mittlerweile eine Handvoll sehr guter Geschichtsbücher bezüglich von Videospielen gibt, tun sich viele schwierig, einen Blick auf die diverseren Hintergründe des Mediums zu werfen. Denn meistens werden die großen und wichtigen Personen genannt und beleuchtet und nur selten die vielen kleineren, persönlicheren Geschichten des Mediums erzählt. Die Netflix-Dokuserie „High Score“ versucht dies, wenigstens teilweise zu bereinigen.

Oft übersehene Persönlichkeiten

Bereits die erste Episode der Serie zeigt, wie man sich den ganzen Rest der Serie vorstellen kann. Im Fokus befindet sich hier „Space Invaders”, einer der ersten großen Kultklassiker des Mediums, welches auch außerhalb seiner Grenzen eine große Bekanntschaft haben sollte. Während hier ein Interview mit Tomohiro Nishikado, einer der wichtigsten Personen der frühen japanischen Videospielindustrie, vorgeschoben wird und ein Blick auf die damaligen Produktionsbedingungen geworfen wird, ist es das Segment mit Rebecca Heineman, welches der Episode eine persönliche Note gibt. Sie war nicht nur eine erfolgreiche Spielerin des Arcade-Klassikers – man würde sie heute als e-Sportlerin bezeichnen – sondern auch eine jener Transpersonen, die in der Technologie ihre Spuren hinterlassen haben, jedoch meistens verschwiegen werden. Dieser Fokus auf die verlorenen Legenden des jungen Mediums macht die Reihe auch für Insider so interessant. In der gleichen Episode werden die Nachkommen Jerry Lawsons interviewt, wobei es sich um den Erfinder der Cartridge, dem videospieleigenen Speichermedium handelte. Lawsons bahnbrechende Leistung wurde erst im März 2011 von der „International Game Developers Association“ (IGDA) anerkannt, nur wenige Wochen vor dessen Tod.
Narriert wird die Doku von niemand anderem als Charles Martinez, der neben Mario noch zahlreiche andere Figuren aus dem Hause Nintendo spricht. Die Darstellung kommt ohne große Sprünge aus, schafft jedoch viel Spannung in ihrer Steigerung der wesentlichen Eckpunkte der Videospielgeschichte. Jedoch merkt man auch schnell, dass gewisse Legenden schlicht fehlen. Die zweite Episode deckt beispielsweise den Aufstieg Nintendos ab, doch niemand, der aktuell noch bei Nintendo arbeitet, taucht hier auf. Das kann auch bis zur regelrechten Einseitigkeit führen. Wer über den Kult-PC-Klassiker „Doom“ richtig reden möchte, muss auf die komplexe Beziehung zwischen John Romero und John Carmack – auch als „die zwei Johns“ bekannt – eingehen. Das wird hier allerdings vollkommen ausgeklammert, vermutlich, weil nur Romero vor die Kamera gezerrt werden konnte.

Pluspunkte gibt es allerdings für ein langes Segment mit Roberta Williams, die interviewscheue, jedoch sehr wichtige Frau hinter Sierre On-Line, einer oft übersehenen Firma im Pantheon der Videospielentwickler. Ein guter Ausgleich ist auch ein Segment zu „Gayblade“, einem frühen Spiel mit LGBT-Thematik, das durch die Reihe mehr Aufmerksamkeit erhielt und das durch diese sogar wieder verfügbar gemacht wurde.

Begleitet durch regelmäßige Pixelanimationen, die kurz und charmant sind, unterhält und informiert die Serie durchaus effizient. Da nur sechs Episoden zur Verfügung stehen, wird erwartungsgemäß viel ausgespart und hört auch in seiner Abdeckung bereits in den 90ern auf. Mit mehr Episoden, mehr Zeit und Budget wäre mehr drin gewesen, aber da hier jenen eine Stimme geboten wird, die meistens ignoriert werden, kann die Serie trotzdem empfohlen werden. Man sollte jedoch die Erwartungen mäßigen, denn wer hier ein „The Last Dance“ der Videospiele erwartet, könnte enttäuscht werden. Dafür fehlt die durchgehend erzählte Geschichte samt interessanter Persönlichkeiten und Handlungsbögen. „High Score“ ist eine Spur einfacher gehalten, was es dementsprechend umso bekömmlicher macht.