LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Neue Mudam-Schau „Tomorrow’s Sculpture“: Katinka Bock bringt Physik in die Kunst

Weiträumig, fein und radikal“. So beschreibt die neue Mudam-Direktorin Suzanne Cotter die Kunstwerke von Katinka Bock. Die deutsche Künstlerin stellt derzeit unter dem Titel „Smog/Tomorrow’s Sculpture“ 65 Werke aus, darunter auch 15 neue und extra für das Mudam konzipierte Kreationen.

Bei den ausgestellten Werken der Künstlerin sieht der Besucher meistens direkt, woraus sie gemacht sind und aus welchem Umfeld sie stammen: Bock verwendet Kupfer, Stein, Holz, Ton und auch mal eine Handvoll Zitronen für ihre Skulpturen, die mit ihren Bestandteilen wie Pflastersteinen, Gussformen oder Herdplatten auch auf die Stadt, das Atelier oder die Wohnung verweisen. Eine Sammlung aus Ästen fügt sich an der Wand in eine wellige, theoretisch unendliche Linie: Der Ast, eigentlich allgegenwärtige und austauschbare Massenerscheinung, wird so doch noch einzigartig und wertvoll.

Sichtbarer Entstehungsprozess

Wie aber die Skulpturen funktionieren, ist nicht direkt auf den ersten Blick sichtbar, denn die Künstlerin unterwirft den Fortbestand und die Vollständigkeit einiger ihrer Werke bestimmten physikalischen Prozessen. So müssen die Augen erst einmal an einem Drahtseil nach oben wandern, dann eine waagerechte Latte entlang, bis sich das Gebilde als übermannshohe Waage zu erkennen gibt - auf deren einem Arm drei Zitronen gebunden sind und in dessen Mitte ein kleiner Sandsack hängt. Je mehr die Zitronen austrocknen, desto mehr wird der Sandsack justiert werden müssen, damit die Arme der Waage im Gleichgewicht bleiben. Kunst mit täglichem Anspruch auf Wartung: Weil die Zeit, ihr Vergehen und die Endlichkeit von Stoffen hier nicht einfach ausgeblendet, sondern in das gelingende Sein der Skulpturen eingebunden werden.

Wartung aufgrund des Einflusses von Zeit und des Wirkens physikalischer Prozesse braucht auch die Bodeninstallation „Seelandschaft im Nebel“. Zwischen großen quadratischen Kupferscheiben stehen einige einzelne Camping-Herdplatten, auf ihnen leicht nach oben gebogene Tonschüsseln. Die Platten sind eingeschaltet, dass die Tonschüsseln unter der Hitze zerspringen, verhindern allein die kleinen Wasserlachen darin. Wegen der Verdunstung muss jeden Morgen nachgegossen werden. Bock ließ sich hier vom künstlichen und flachen Maschsee bei Hannover inspirieren - 1936 von den Nazis eingeweiht und von Verdunstung und Versickerung betroffen. „Es geht um identitäre Fragen der Stadt und darum, wie bestimmte Ereignisse der Geschichte prägen und wie man sich ein Stück weit davon lösen kann“, erklärt Bock.

Mit dem Element Wasser beschäftigt sich die Künstlerin noch in anderen Werken, etwa einem Brunnenbecken, das leckt, aber dennoch von der aufgedrehten Wasserleitung darin unterstützt wird. Die Entstehung des Kunstwerkes ist also bei Bock nicht nur nachvollziehbar, sondern deutlich sichtbar, das Einfache in seinem Entstehungsprozess und das Mechanische seines Funktionierens stehen im Fokus.

Hingegen kehrt sie mit einem anderen Werk die Verhältnisse um. Aus ihrer Wahlheimat Paris hat sie insgesamt 311 Pflastersteine aneinandergelegt, allerdings ohne jenen Unterbau, der sonst Höhenunterschiede und Unebenheiten ausgleicht: Herausgekommen ist eine einzige Stolperfalle, die Bock „Le sol d‘incertitude“ genannt hat.

Zur Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm mit Workshops, Lesung, Führungen und einem Künstlergespräch am 15. Mai, 16.00. Des Weiteren erscheinen zur dieser Ausstellung das Künstlerbuch „Intenso“ und im Dezember eine Monografie.

Die Ausstellung „Tomorrow’s Sculpture“ läuft bis noch bis zum 2. September, die Vernissage findet am 17. Mai, 18.00, statt. Die ebenfalls neue Schau „No Man’s Land“ läuft bis noch bis zum 9. September. Weitere Informationen unter www.mudam.lu