COLETTE MART

Im Vorfeld der Zelebrierung des 100. Geburtstags des Frauenwahlrechts in Luxemburg erschien eine durchaus interessante Anthologie zum Thema Frauen und Gender seit 1940. „Mit den Haien streiten“ ist der symbolträchtige Titel des Werkes, zu dem heute Abend eine Lesung in der Gemeindebibliothek der Stadt Luxemburg stattfindet. Das Buch erlaubt u.a. einen Einblick in die Position der Frau in der Luxemburger Politik seit dem Jahre 1919, und mit einigen symbolträchtigen Porträts, nämlich jenen von Madeleine Frieden-Kinnen, Colette Flesch und Astrid Lulling wird der Werdegang der ersten bekannten Luxemburger Politikerinnen dargestellt.

Während die traurige Geschichte von Ministerin Frieden-Kinnen in der Tat dokumentiert, wie in Luxemburg 1969 eine Frau fertiggemacht werden konnte, offenbaren die Lebenswege von Colette Flesch und Astrid Lulling, wie Frauen sich bemühten, etwas zu bewegen in einer Zeit, in der sie überhaupt noch nicht auf führenden Positionen in der Gesellschaft vorgesehen waren.

Der Leser erfährt, dass Madeleine Frieden-Kinnen, die mit weißem Bikini in der sogenannten Burgfried-Affäre in aller Munde geriet, tatsächlich einen Doktortitel hatte und sich aktiv in CSV-Gremien an der Ausarbeitung von Ideen beteiligte. Sie wurde trotz alldem mit Dreck beworfen, was schlussendlich mehr über die sexualmoralische Atmosphäre in Luxemburg als über die Ministerin selbst aussagte. Frieden-Kinnen erfuhr im Laufe der Jahrzehnte eine Art Rehabilitation, weil sich die Frauenszene für ihr Schicksal interessierte und aufzeigte, dass sie Opfer einer frauen- und sexualfeindlichen Gesellschaft geworden war.

Bei Colette Flesch bleibt bemerkenswert, dass sie mit einer akademischen Ausbildung aus Amerika eine Luxemburger Heimat vorfand, in der nirgendwo Frauen mit akademischen Grad vorgesehen waren. Sie musste sich also in diesem Umfeld zurechtfinden und versuchen, ihre Fähigkeiten und ihre Ausbildung dort einzubringen, wo man ihr den Zugang zur Verantwortung öffnete. Einer ihrer Förderer war ohne Zweifel Gaston Thorn, der glücklicherweise die Notwendigkeit der Emanzipation der Frau erkannt hatte und den ersten Frauen im Staatsdienst Chancen gab.

Astrid Lullings politische Laufbahn bleibt eng mit dem Kampf um Emanzipation durch
die Gesetze von 1972 und 1974 verbunden. Lulling war seit Margret Thoma-Clement die zweite Abgeordnete im Luxemburger Parlament, und sie verschrieb sich von Anfang an den Rechten der Frauen.

Jenen also, die ohne Zweifel die Pionierinnen in der Luxemburger Politik gewesen sind, sind wir Respekt schuldig. Sie stritten mit den Haien und die Lektüre der Anthologie offenbart, dass wir in der Luxemburger Gesellschaft weitergekommen sind, dass wir Scheinheiligkeit und Doppelmoral entlarvt haben, als das was sie sind, dass die sexuelle Emanzipation der Frauen fortgeschritten ist und auch Homosexualität nicht mehr in einer dunklen Ecke der Gesellschaft steht.

Dies alles verdanken wir jenen Frauen und Männern, die sich vor 50 Jahren für ein anderes Gesellschaftsmodell eingesetzt haben und gegen den Strom geschwommen sind.