MAMER
CORDELIA CHATON

In Mamer eröffnet Ende des Monats ein neues Angebot, das eine gemeinsame Zeit für Kinder und Erwachsene, Beratung, Spielgruppen, Therapie und Weiterbildung vereint

Die Handwerker sind noch fleißig in dem rot gestrichenen Haus, in dem am 30. Januar der „Mamerhaff“ eröffnet. Hier in Mamer soll ein ganz neues Angebot für Eltern und Kinder entstehen, etwas, was es so in dieser Form in Luxemburg noch nicht gibt. Hinter der Idee stehen fünf Frauen aus dem psycho-pädagogischen Bereich, die selbst alle berufstätige Mütter sind.

MAMERHAFF

Eröffnungsaktionen

Das Mamerhaff eröffnet am 30.01.2017 um 20.00 mit einer Konferenz zum Thema „Die Kindheit ist unantastbar“, auf der Herbert Renz-Polster spricht. Am Dienstag, dem 31.01.2017 findet von 9.00 - 12.00 und von 13.00 - 17.00 ein Seminar mit ihm zum gleichen Thema statt. Am Samstag, dem 04.02.2017, ist von 10.00 - 18.00 Tag der offenen Tür mit ganztägiger Kinderanimation. Mamerhaff, 14, Rue Henri Kirpach, L-8237 Mamer, Tel. 691 53 91 93
http://www.mamerhaff.lu

„Wir wollten ein zeitgemäßes Angebot. Wir haben uns alles in Luxemburg angesehen, aber so etwas gibt es bislang nicht, versichert Lizzie Seven. Die Diplompsychologin und Psychotherapeutin ist Präsidentin des Vereins Mamerhaff a.s.b.l., den sie gemeinsam mit ihrer Schwester, der Kunst- und Sonderpädagogin Susi Seven, der Diplompsychologin Jacqueline Di Ronco, der Diplompsychologin und Sozialpädagogin Monique Brachtenbach sowie der Erzieherin und Waldorfschullehrerin Muriel Scharffenorth gegründet hat. Bis auf letztere sind alle Frauen auch Seminarleiterinnen und Familienberaterinnen. Seit 2013 feilen sie an ihrer Idee.

„Wir wollten etwas gegen die Einsamkeit der Eltern tun und bestehende Angebote ergänzen. In Luxemburg kann man die Kinder oft abgeben, aber es gibt wenig Möglichkeiten, mit ihnen etwas zu gestalten“, erklärt Susi Seven. Inspiriert haben sich die Gründerinnen bei Initiativen in München, Hamburg oder Leipzig. „Dort gibt es Projekte, bei denen Eltern sich abwechseln bei der Betreuung der Kinder, so dass einige arbeiten können, während ein Elternteil sich um alle Kinder kümmert. Dann rotiert das System“, erklärt Di Ronco. Wichtig ist den Frauen die Vermittlung der Werte. „Wir wollen eine Beziehung zwischen Eltern und Kindern, wie sie früher vielleicht auf dem Dorf üblich war“, erklärt Lizzie Seven. Dahinter steckt das afrikanische Sprichwort: „Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“

Breites Angebot

Der Mamerhaff bietet verschiedene Initiativen an: Unter dem Stichwort „Um Läpp“ geht es um Austausch, beispielsweise im „FamilienKFE“ oder der Spielgruppe oder auch einem Raum, in dem einige Eltern arbeiten, während ein Erwachsener sich um ihre Kinder kümmert und das Ganze rotiert. Im Rahmen von „Familylab“ können Familien und Eltern sich austauschen. „Das Angebot reicht bis hin zu Familienberatungen“, erklärt Brachtenbach. Die Gründerinnen sehen ihre Angebote sehr pragmatisch. „Wir haben beispielsweise das Konzept Um Läpp selbst ausprobiert“, unterstreicht Di Ronco.

Personen, die sich in schwierigen Lernsituationen befinden, können psychologische Beratung und Therapie vorfinden. Dabei ist es hilfreich, dass die Gründerinnen bereits Berufserfahrung in ganz unterschiedlichen Bereichen von Dreiborn über das Krankenhaus bis zur Grundschuldiagnostik von Kindern haben.

Für Fachpersonal bieten die Gründerinnen Vorträge und Workshops an, auch im Rahmen von familylab.lu. Aber auch für Eltern und werdende Eltern gibt es Kurse, beispielsweise Kompetenzstärkung für Eltern. „Auch dabei sind die Grundlage immer vier Werte: Integrität, Gleichwürdigkeit, Authentizität und Verantwortung“, erklärt Lizzie Seven. Die Freizeit soll nicht zu kurz kommen. Kulturelle Aktivitäten, Yogakurse und Veranstaltungen können in einer Halle stattfinden, die der Mamerhaff vermietet. Sie ist ebenso wie das Gebäude frisch renoviert und nach ökologischen Maßstäben umgebaut. Das Gebäude ist ein ehemaliger Bauernhof, der dem Vater von Susi und Lizzie Seven gehört.

Aber werden wirklich jene Menschen den Weg nach Mamer finden, die ein solches Angebot brauchen? „Wir wollen allen die Möglichkeit bieten. Deshalb haben wir eigens einen Verein gegründet, der im Zweifel Kosten übernehmen kann“, erklärt Di Ronco den Solidarfonds.

Kompetente Kinder brauchen kompetente Erwachsene

Braucht Luxemburg trotz aller Krippen, Maison Relais und anderer Angebote einen Mamerhaff? Ja, sagen die Frauen. Denn der Bedarf sei groß. Darüber hinaus gäbe es eine Tendenz bei öffentlichen Einrichtungen, lieber preiswerte Erzieher einzustellen als Psychologen, die teuerer sind.

Die Macherinnen orientieren sich vor allem an zwei Persönlichkeiten: Zum einen am dänischen Pädagogen und Familientherapeut Jesper Juul. Dieser hat auch „familylab“ gegründet, dessen Inhalte in der Mamerhaff angeboten werden. Zum anderen stützen sie sich auf die Thesen des Kinderarztes, Wissenschaftlers und Autors Herbert Renz-Polster, der durch sein Buch „Kindheit ist unantastbar“ bekannt wurde. Darin tritt er dafür ein, dass Kinder selbst ihre Erfahrungen machen, um vor allem in den Bereichen Kreativität, soziale Kompetenz und Resilienz zu lernen. Damit sie das können, bedarf es allerdings stabiler Bindungen zu Erwachsenen. Renz selbst ist zur Eröffnung eingeladen.