LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Nachhilfe für Bolsonaro

Der Beweis dafür, dass etwas sichtbar ist, ist, dass man es sieht. Der Beweis dafür, dass etwas hörbar ist ist, dass man es hört. Der Beweis dafür, dass etwas gewollt wird ist: man will es. Was laut John Stuart Mill (1806–1873) ein jeder will, ist das größte Glück. Da jeder das größte Glück will, ist bewiesen, dass es gewollt wird. Dieser Beweis stellt in Mills utilitaristischer Theorie die Grundlage für sein ethisches Prinzip dar: „The creed which accepts as the foundation of morals, Utility, or the Greatest-Happiness Principle, holds that actions are right in proportion as they tend to promote happiness, wrong as they tend to produce the reverse of happiness. By happiness is intended pleasure, and the absence of pain; by unhappiness, pain, and the privation of pleasure.“ Demnach besagt Mills ethische Maxime, – getreu dem Nützlichkeitsprinzip – dass diejenige Handlung gut ist, die das fördert, was jeder will: Glück und Schmerzlosigkeit. Das allgemeine Ziel des menschlichen Handelns ist somit, das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl von Menschen zu erreichen. Nun mag der Einwand erhoben werden, dass für einige, viele, Menschen das persönliche Glück weitaus höher im Kurs steht als etwa das Glück der abstrakten Allgemeinheit. Hierzu sagt Mill, dass auch der Einzelne einsehen muss, dass es ihm am meisten zu Gute kommt, wenn er sich am Streben nach dem allgemeinen Glück beteiligt. Es lebt sich besser in einer glücklichen Welt. In diesem Sinne ist das Glück des Individuums mit dem Glück der Allgemeinheit vereinbar. Die sittliche Handlung, nach der das gut ist, das jedem in seinem Glücke und somit auch das allgemeine Glück fördert, gründet demnach auf dem menschlichen Streben nach Glück.

Was kann auch sonst gewollt werden? Auch das Streben nach Macht, Geld oder Ruhm bestätigen laut Mill, dass im Nachhinein alles auf der Realisierung des Glücks beruht. Geld ist nicht wegen des Geldes an sich gewollt, sondern nur weil es notwendige Zutat in der persönlichen Glücksrezeptur des Individuums ist: Es wird als Mittel zum Zweck angesehen, glücklich zu sein. Auch Macht oder Ruhm werden nur gewollt, um das eigene Glück zu fördern, sodass ihr Anteil an dem übergreifenden Prinzip des größten Glücks all dies überwiegt, für das sie als primäres Mittel gelten, wie etwa Ausübung der eigenen Autorität oder im Ansehen anderer zu steigen. „What was once desired as an instrument for the attainment of happiness, has come to be desired for its own sake. In being desired for its own sake it is, however, desired as part of happiness“, liest sich dazu bei Mill. Nun geht dem aber nicht etwa der Freifahrtschein einher, dass man nun tun und lassen kann, was der persönlichen Glückskonzeption entspricht. Nun beschreibt Mill in „On Liberty“, dass die Freiheit des Denkens und der Lebensführung grundlegend sind, denn nur in einer freiheitlichen Umgebung kann der Einzelne sein eigenes Glück suchen und finden – welches, als Glück nur um des Glückes wegen, Anteil an der Förderung des allgemeinen Glücks hat. Nur wer die eigenen Fähigkeiten und Begabungen voll entfalten kann, kann mit Erfolg seinen Vorstellungen im Leben nachgehen. Diese Freiheit muss allerdings geschützt werden: Niemandes Freiheit darf eingeschränkt werden, es sei denn, dass seine Handlungen die Interessen anderer schädigen – „The only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others“. Für Mill steht hier die Freiheit gegen repressive Eindrücke des Staates im Vordergrund. Etwa 9.000 Kilometer Richtung Westen von Luxemburg sind Verletzungen dieser beiden Prinzipien zu beobachten, wie sie haarsträubender nicht sein könnten und deren Konsequenzen ausnahmslos jeden von uns betreffen. In Brasilien ist Jair Bolsonaro, 2018 zum Staatspräsident gewählt, gerade dabei, alle bestehenden Rekorde bezüglich der Abholzung des Regenwaldes zu brechen. Es wurden bereits 60 Prozent der Fläche mehr gerodet als noch vor einem Jahr. Das Ökosystem Regenwald wird auch als „grüne Lunge“ des Planeten bezeichnet, da er als Kohlenstoffspeicher für das Gleichgewicht im Weltklima sorgt. Also dafür, dass wir alle noch nicht röchelnd auf der Straße liegen. Indem Bolsonaro nun munter zur Kettensäge greift und Baum um Baum fällt, vergeht er sich zum einen an der Freiheit jedes Einzelnen, da er mit der Gefährdung des Weltklimas einen direkten Eingriff in die Freiheit jedermanns vornimmt. Wem die Lebensgrundlage geraubt wird, sodass nicht mehr nur das Streben nach Glück verhindert wird, sondern das Überleben überhaupt, der hat von Freiheit so ungefähr gar nichts mehr. Die Freiheit des Individuums darf aber dem Prinzip zufolge nur eingeschränkt werden, wenn dessen Handlung eine Schädigung der Mitmenschen darstellt. Und das tut Bolsonaros Geschacher ohne Frage. Wer meint, dass Bolsonaro vielleicht seinem eigenen Glück nachgeht, indem er sich behauptet und seine Macht unter Beweis stellt, sodass das Streben nach seinem Glück als Anteil am allgemeinen Streben nach Glück gedeutet werden könnte, der irrt. Gott sei Dank. Denn das Mittel, das hier zum Zweck „(fragwürdiges) Glück“ führen soll, beschert über kurz oder lang eine Konsequenz, die mit der Erfüllung des Glücks in absolutem Gegensatz steht: die Schaffung feindseliger und gefährlicher Lebensbedingungen. Auch wenn diese Reflexionen Bolsonaro schlichtweg egal sein dürften, so müssten sie jedoch Anlass dafür geben, dem Verhalten des Brasilianers entschiedener gegenüberzutreten und sich zu wehren, denn es geht uns alle etwas an: Unsere Freiheit, ja unser Leben steht auf dem Spiel!