LUXEMBURG
NIC. DICKEN

Staatsverschuldung im Fokus der BGL-Konferenzreihe „Meet the Experts“

Wenn die Menschheit, allen voran die Staatenlenker, aus Fehlern der Vergangenheit wirklich lernen könnten, dann wäre die Verschuldungskrise, die den Wirtschaftsraum der Eurozone bis ins Mark getroffen hat, sicherlich von Nutzen. Weil aber die Unfähigkeit von Staaten, ihre Schulden frist- und zinsgerecht zurückzuzahlen, keine Erscheinung des 21. Jahrhunderts ist, sondern auch schon vorher mehrere hundert Male in der Geschichte passiert ist, muss die periodische Selbstüberschätzung wohl zu den immanenten Fehlfunktionen der menschlichen Gesellschaft gerechnet werden.

Kein Phänomen der Moderne

Nur die Methoden haben sich etwas verfeinert. Wo in der ferneren Vergangenheit in der Regel noch Kriege geführt wurden, um missliebige Gläubiger zurechtzustutzen, werden seit einigen Jahrzehnten subtilere Mittel der Finanzmärkte eingesetzt, die im Endeffekt aber immer die gleiche Konsequenz zeigen: die Gläubiger sind am Ende immer die Dummen, auch wenn ihnen in der Regel immer noch die eine oder andere Möglichkeit bleibt, wenigstens einen Teil der von ihnen eingesetzten Darlehen zu kompensieren.

Allein im Zeitraum 1800 bis 2009 gab es rund 250 staatliche Zahlungsausfälle gegenüber vornehmlich ausländischen Anlegern oder Währungen, dazu kommen noch einmal 68 „interne“ Ausfälle, wo in der jeweiligen Landeswährung in der Regel inländische Anleger in die Röhre gucken mussten. Das erläuterte gestern Yves Nosbusch, der neue Chefvolkswirt von BGL BNP Paribas Wealth Management, vor der Presse, der zum Thema Staatsverschuldung am 18. Juni vor einem ausgewählten Publikum auch noch eine separate Konferenz halten wird.

Die frappierende Erkenntnis, wie oft Staaten in der Vergangenheit ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachgekommen sind, basiert auf einer eingehenden Studie, die von den Wirtschaftswissenschaftlern Carmen Reinhard und Ken Rogoff veröffentlicht wurde, während sich Yves Nosbusch im Laufe seiner Studien und auch in seinem Berufsleben sehr eingehend mit der Thematik der Staatsverschuldung auseinandergesetzt hatte und dementsprechend auch eigene Erkenntnisse in die derzeit hochaktuelle Debatte mit einbringen kann.

Situation ist nicht hoffnungslos

Die Lage der Eurozone an sich ist für Yves Nosbusch keineswegs katastrophal: hier beträgt die Verschuldung 91% des BIP bei einem Defizitdurchschnitt der Haushalte von 3,7%, in den USA sind es 111% bei 8,1% Defizit, in Japan gar 213% bei 10% Defizit. Wichtig ist die langfristige Fähigkeit der Staaten, ihren Verpflichtungen nachzukommen, was wiederum von der Orientierung und Leistungsfähigkeit der Wirtschaft abhängt. Hier spielen Art der Rohstoffe und Entwicklungsstand eine wichtige Rolle.

Die Chance der Eurozone, der durch die EZB eine verlängerte Entschuldungsfrist eingeräumt wurde, sieht Nosbusch so utopisch nicht. Zwei wichtige Bedingungen seien bereits erfüllt, nämlich eine weiterhin niedrige Zinsperspektive, sowie die Wirkung erster struktureller Reformen hinsichtlich einer Reduzierung der Verschuldung. Die dritte wesentliche Voraussetzung bleibt allerdings noch zu erfüllen: die Rückkehr zu Wachstum, das die „conditio sine qua non“ darstellt.