LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Suizid-Fälle erschüttern uns immer wieder, ganz gleich, ob es Menschen aus unserem eigenen Bekanntenkreis betrifft oder Unbekannte, von denen wir nur die Geschichte, nicht jedoch die Betroffenen kennen. Der Tod von Linkin Park-Frontsänger Chester Bennington ist da keine Ausnahme. 

Unsichtbare Unzufriedenheit

Ich persönlich liebe die Musik dieser Band. Besonders stark finde ich die Momente, in denen ruhigere Töne angeschlagen werden, die gefühlvollen Melodien und Texte, das außergewöhnliche und berührende Timbre Benningtons. Mit dieser Nachricht hätte ich niemals gerechnet. Falls man das je tut. So plötzlich. So unerwartet. Sie lässt die Fans verständnislos, fassungslos zurück. Wir alle dachten wohl, dass Chester Bennington wahnsinnig nah dran am Glück gewesen sein muss. Er hatte Erfolg, er hatte Geld, eine Frau und viele Kinder. Auf Konzerten stand er stets in engem Kontakt zu seinen Fans und ließ sich von ihnen berühren, was darauf hindeutet, dass er mit dem Rummel um seine Person offenbar gut umgehen konnte und ihn genoss. Wir kann er trotz alledem unglücklich gewesen sein, stellten wir uns sein Leben doch als ein nahezu perfektes vor? Wie viele Menschen wünschen sich all das, was er unlängst hatte?

Der Wunsch, verstehen zu wollen

Es zeigt sich: Das „Warum“ wird zur dominanten Fragestellung. Genau deshalb wird im Netz auch schon wild spekuliert, nach Ursachen gesucht und vorausdeutenden Zeichen. Tatsächlich verleihen einem die Lyrics von den Songs des neuen Albums im Nachhinein ein mulmiges Gefühl, wenn es zum Beispiel heißt: Why is everything so heavy?/ Holding on/So much more than I can carry […] If I just let go, I’d be set free (Heavy). Ob wir wollen oder nicht: Wir setzen diese Zeilen damit in Zusammenhang.

Wir wollen verstehen, wollen wissen, was wir übersehen haben, denn wir fühlen uns mitverantwortlich. Und deshalb sind wir umso mehr auf das „Warum“ fixiert, weil wir seinen Tod letztlich mehr auf uns selbst beziehen als auf ihn. Zu erfahren, dass er als Minderjähriger misshandelt wurde, dass er mit Alkohol- und Drogenproblemen sowie Depressionen zu kämpfen hatte, beruhigt uns ungemein. Da können wir uns ja entspannt zurücklehnen. Uff, eine klärende Antwort, uff, es hat nichts mit uns zu tun und da wir diese Probleme selbst nicht haben, sind wir sicher. 

Hm, fragt sich nur, wieso wir uns dann immer noch schuldig fühlen und trotzdem erschüttert sind… Es sieht so aus, als wären uns die Antworten, die wir uns selbst gegeben haben, doch nicht genug!

Serie über Suizid

Von solchen Schuldgefühlen jedenfalls handelt die umstrittene Netflix-Serie „13 reasons why“, bei der es um die 16-jährige Hannah Baker geht, die sich das Leben nimmt und kurz davor 13 Kassetten aufnimmt, die sie jeweils an eine Person aus ihrem Umfeld richtet und ihr darlegt, warum sie ihr die Mitschuld an ihrem Tod zuschreibt. Die Schuldfrage zieht sich wie ein roter Faden durch die einzelnen Folgen und zeigt auf, was passiert, wenn genau das eintritt, was soeben beschrieben wurde: Dass Menschen den Selbstmord eines Bekannten gänzlich auf sich selbst beziehen. 

Dabei wird die Schuldfrage ausgeweitet und auch auf Hannah selbst bezogen. Welche Schuld lädt sie eigentlich auf sich, was tut sie den Hinterbliebenen, ihren Eltern, ihrem Schwarm Clay an, indem sie alle auf diese Weise mit nach wie vor unbeantworteten Fragen und vielen Vorwürfen zurückzulässt? 

Es ist ein Thema, das uns Unbehagen bereitet. Aus Angst vor Nachahmern, dem Werther-Effekt, sollte die Serie sogar verboten werden. Ich kann nicht beurteilen, ob eine Serie allein jemanden wirklich zu solch einer Tat inspirieren könnte. Sollte dem so sein, kann ich das natürlich nicht befürworten. 

Who cares if one more light goes out / Well I do

Wenn ich diese Problematik ausklammere, finde ich aber, dass die Serie in der Schule besprochen werden müsste. Mir persönlich liegt das Thema jedenfalls am Herzen, vor allem deshalb, weil es in meiner Schulzeit ebenfalls einen Fall von Suizid gegeben hat und der Umgang damit furchtbar falsch gewesen ist. An dem Tag, nachdem es passiert war, kam eine Lehrerin zu uns herein und fragte, als ginge es um ein neues Gericht in der Mensa: „Habt ihr schon gehört? Dieser Junge da hat sich das Leben genommen. Wie hieß er denn nochmal?“. Und dann ging das Rätselraten los, ewig lange suchte sie nach dem Namen - und fand ihn nicht. „Von euch hat doch niemand ihn gekannt, gell“, sagte sie, meinte die Frage rhetorisch und es folgte der nahtlose Übergang zum normalen Schulalltag. Der Junge war nicht Schüler unserer Klasse gewesen, muss ich hinzufügen, woraus wohl alle geschlossen haben, dass wir ihn nicht gekannt haben können. Doch ich hatte zwei Tage vor seinem Tod mit ihm gesprochen, ich stellte mir die Frage nach dem „Warum“ und für mich hatte er einen Namen. Ich machte mir Vorwürfe, mir die „Warum“-Frage zu stellen und seinen Tod auch wieder in der einen oder anderen Weise auf mich selbst zu beziehen aber noch schlimmer als das finde ich, wenn einen das unberührt lässt, bei einem so jungen Menschen, der sein ganzes Leben vor sich gehabt hätte. 

Es ist verrückt, der eine scheinbar so nah am Glück, der andere mit tausend Möglichkeiten, sein Leben in eine andere Richtung zu lenken. Letztlich können wir nach Ursachen suchen und ellenlange Listen erstellen. Doch das ist töricht, denn verstehen werden wir es nie und das Verständnis im Nachhinein würde auch nichts ändern.