LUXEMBURG
MARCO MENG

Es ist nie zu spät, das eigene Unternehmen zu gründen

Man ist nie zu alt für eine neue Idee, und erst recht nicht dafür, sie umzusetzen. Das beweisen Nadine Gilis und Richard Karran. „Sie sind sicher überrascht“, lacht Karran zu Beginn des Gesprächs. „Wenn man an Startups denkt, denkt man ja eigentlich an junge Studenten.“ Das Ehepaar, das sich einst bei der belgischen Softwarefirma FICS kennengelernt hatte und für nächstes Jahr den privaten Umzug nach Luxemburg plant, hat unlängst mit Nadi Solution das eigene Unternehmen hier gegründet.

Die Affinität zu IT hatten Sie schon immer?

Nadine Gilis Mein Mann schon, aber ich ganz und gar nicht. Erst mit etwa 22 Jahren kam ich mit IT in Berührung und studierte Computerwissenschaften. Damals war das noch etwas ganz Neues. Was mich interessierte, war aber nicht die Technik, die dahinter steckt, sondern die Tatsache, dass man damit reelle Probleme lösen kann. Mich begeistert also weniger als ein Computerprogramm, sondern was mich interessiert, ist, Probleme zu verstehen - und zu verstehen, wie man sie lösen kann. Bei meinem früheren Arbeitgeber war ich für die Finanzberichte verantwortlich und arbeitete auch mit einer Firma zusammen, die im Bereich Dokumentation und Übersetzungen spezialisiert war. Wie wäre es, diese beiden Elemente miteinander zu verknüpfen, sagte ich mir damals. Eine Frage ist zum Beispiel, wie die Einheitlichkeit solcher Dokumente zu wahren ist, wenn sie sich auf verschiedene Länder beziehen und in unterschiedlichen Sprachen abgefasst sind. So entstand die Geschäftsidee.

Und Sie gründeten Ihr eigenes Unternehmen.

Gilis Ich habe mit meinem Mann, der Programmierer ist, gesprochen, mit einigen Bekannten Ideen ausgetauscht, mit meinem Bruder, der hier in Luxemburg arbeitet und der sich auch mit den Technologien wie XML auskennt, die ich benutzen wollte. Ja, und als ich sicher war, dass ich etwas hatte, wofür es definitiv Kunden gibt, suchten ich und mein Mann nach Geldgebern, um die Firma zu gründen.

Keine Bankkredite?

Richard Karran Nein, das wäre Zeitverschwendung für ein Unternehmen wie unseres. Es war aber auch so eigentlich nicht sehr schwer, das Gründungskapital zu bekommen, weil die Leute, die wir ansprachen, das Konzept verstanden und gleich überzeugt waren.

Was war die Idee?

Gilis Das Besondere am Konzept ist, dass es weniger mathematisch als vielmehr linguistisch ist. Also nicht null oder eins, wahr oder falsch, wie man es von der Computerlogik her kennt, sondern wenn man Texte analysiert und strukturiert, ist es selten nur eins oder nur null. Das ist die besondere Herausforderung. Auch ein Text hat eine Logik, aber eben keine mathematische. Unser System automatisiert keine Inhalte, hat also nichts mit den bekannten automatischen Übersetzungsprogrammen zu tun, sondern das System setzt eine Struktur und lässt Texte und deren Inhalten strukturieren wie es jeweils benötigt wird. Und so haben wir auch nicht dem Kunden ein fertiges Produkt vorgesetzt, sondern entwickeln mit dem Kunden gemeinsam das Produkt, damit es auch wirklich das ist, was er braucht. Darum haben wir angefangen, zusammen mit der Fakultät für Computerwissenschaften der Uni Luxemburg zu arbeiten, das bringt auch neue Gedanken und einen anderen Blickwinkel auf das Produkt mit sich.

Warum Luxemburg?

Gilis Mein Mann ist britisch, ich belgisch. Wir überlegten zuerst, sollen wir nach London gehen? Aber wie gesagt, mein Bruder arbeitet schon lange hier, und hier sind ja auch die Kunden für das, was ich erst nur als Idee hatte, vor allem die Fondsindustrie, auf die wir uns konzentrieren wollen. Um die Grundlagen für das Unternehmen zu legen, die Buchhaltung und so weiter, sprachen wir PwC Luxembourg an, und auch die sahen hier große Chancen, das Konzept, das ich hatte, zu kommerzialisieren. Ebenfalls erhielten wir Unterstützung von Luxinnovation und profitierten auch vom Regierungsprogramm für junge Unternehmen, als wir hier vor etwas mehr als einem Jahr das Unternehmen gründeten. Heute haben wir bereits acht Mitarbeiter. Briten, Ungarn, Franzosen, Belgier. Mit uns beiden sind wir schon zu zehnt. Was uns etwas traurig macht ist, dass es schwer ist, luxemburgische Mitarbeiter für unser Unternehmen zu finden.

War es schwer, Kunden aus der Finanzwirtschaft zu überzeugen?

Gilis Ganz und gar nicht, obwohl es ja eine eher konservative Industrie ist. Die waren aber sehr offen, und recht schnell gewannen wir erste Interessenten. Uns war auch von Anfang an bei Geldgebern daran gelegen, echte Investoren zu gewinnen, die daran interessiert sind, was wir anbieten und uns bei der Weiterentwicklung und gegebenenfalls Expansion unterstützen. Über PwC lernten wir so Multifonds kennen, die mit unsere ersten Kunden wurden und über die wir zahlreiche wertvolle Kontakte bekamen. Inzwischen machen schon etwa 15 Fondsmanager ihre Dokumentation mit Nadi Solution.

Karran Bei Finanzinstituten an die Tür klopfen und sagen: „Hallo, wir haben eine Lösung zur Vereinfachung Ihrer Arbeit, die Sie nicht von IBM oder Windows bekommen“, das ist ja eigentlich wenig vielversprechend. Aber uns half sicher unser beruflicher Background, was uns ja auch überhaupt erst auf die Geschäftsidee brachte. Was sehr half, war, dass die Kunden sahen, dass wir nicht nur eine neue Technologie brachten, sondern das Wissen über das, warum es geht, und dass wir Berufserfahrung in Finanzen und Dokumentation hatten.

Trotzdem war es sicher auch ein gewagter Sprung.

Gilis Eine eigene Firma zu gründen ist keine leichte Sache. Man muss viel und hart arbeiten, und es gab natürlich auch mal einen Punkt, da man dachte, vielleicht wäre es doch einfacher, es sein zu lassen. Wenn man anfängt, ist man allein. Ist es dann fortgeschritten und man hat Investoren, Menschen, die an einen glauben, dann kann man nicht einfach aufgeben.

Karran Man muss Leidenschaft für das haben, was man tut. Ohne die kann man auch kein Unternehmen gründen.