LUXEMBURG
NIC DICKEN

Wie kann man jemand bei etwas helfen, wo dieser offenbar selbst nicht so recht weiß, was er eigentlich will? Diese Frage drängt sich seit Monaten vielen Politikern und auch unbeteiligten Menschen diesseits und jenseits des Ärmelkanals auf im Zusammenhang mit dem von der Bevölkerung des Vereinigten Königreiches per mehrheitlichem Volksentscheid geäußerten Willen, die Staatengemeinschaft der EU zu verlassen und künftig in völliger Eigenverantwortung und politischer wie wirtschaftlicher Unabhängigkeit die eigenen Geschicke zu bestimmen. Gerächt hat sich offenbar einmal mehr und wie schon so oft in der Geschichte, dass ein ganzes Volk im Überschwang von Gefühlen zu einer Entscheidung hat hinreißen lassen, von der weder die Initiatoren selbst noch das angeblich souveräne Volk so recht wussten, worauf sie sich am Ende einlassen würden.

Diesen Eindruck zumindest haben sowohl das jahrelange Feilschen zwischen britischen Regierungsverantwortlichen und dem eigens mit diesem Auftrag betrauten EU-Mandatär Michel Barnier, wie auch das unbeholfene und entwürdigende parteipolitische Geschacher in den respektablen Mauern von Westminster Abbey hinterlassen, die allenfalls eines klar und deutlich vor Augen geführt haben: Das Vereinigte Königreich, das sich nach außen hin wie eine Einheit offenbart, ist bis in die entlegensten Regionen der vier großen Verwaltungsbereiche England, Schottland, Wales und Nordirland hinein geteilt und gespalten, jeder beansprucht innerhalb des UK das für sich, was das Inselreich als solches innerhalb der EU bis zum heutigen Tag einfordert, nämlich eine angemessene Berücksichtigung der jeweiligen partikularen Interessen.

So wie man den Menschen im Sommer 2016 zugemutet hatte, aus dem Bauch heraus und unter Beeinflussung wortgewaltiger Aufwiegler die richtige Entscheidung zu treffen, so emotional wurden auch im Parlamentshaus die Debatten über das von Premierministerin May vorgelegte und eigentlich spruchreife Abkommen geführt, wobei wieder einmal der Eindruck entstand: Hier geht es nicht um die Bewertung eines ausgehandelten Vertragsabkommens, sondern letztendlich nur um eine parteipolitische Auseinandersetzung um der eigentlichen Differenzierung willen, wobei bislang nicht klar zu erkennen ist, worin sich denn nun die Meinungen in erster Linie zwischen Tories und Labour unterscheiden. Unkenntlich bleibt nämlich nach wie vor, was die einen wollen und die anderen ablehnen. „De l’art pour l’art!“

Dabei kann man eigentlich sicher sein, dass es auch innerhalb einer neuen Fristverlängerung, zu der sich die EU möglicherweise durchringen könnte, nicht zu einem tragfähigen Mehrheitsentscheid im britischen Parlament kommen wird. Allenfalls macht sich die EU, die eigentlich noch ganz andere Sorgen hat als einen wie auch immer fraglichen geordneten Brexit, zum Vollstreckungsgehilfen einer zunehmenden Spaltung des Inselreichs, die mit der EU-Zugehörigkeit selbst kaum etwas zu tun hat.