Sexueller Missbrauch, Diskriminierung, Vergewaltigung, körperliche und seelische Gewalt, Zwangsehen, Genitalverstümmelung, Prostitution, Prekarität, erzwungene sexuelle Praktiken, Schwangerschaft im zwölften Lebensjahr: All dies verheerende Tatsachen, die den Alltag der psychologischen Beratungsstelle des Planning Familial hier in Luxemburg prägen.

Wer sich mit dessen Aktivitätsbericht befasst, stellt fest, dass die gemeinnützige Vereinigung, die 1965 entstand, um die Sexualität in unserem Land zu enttabuisieren, und um sich für das Recht eines jeden Menschen auf eine ausgeglichene Sexualität einzusetzen, in einer Domäne aktiv ist, die immer noch ein Tabu ist. Der Planning arbeitet an den Tabus der luxemburgischen Gesellschaft, das heisst an den versteckten und verdrängten psychologischen und sozialen Problemen in unserem Land.

Er ist ein offener und toleranter Ort, wo Frauen und Männer aller sozialen Milieus, und auch aller sexuellen Orientierungen Gehör finden können. Demgemäss offenbaren sich hier auch die Schwachstellen der Gesellschaft und die intimsten Leiden der Menschen. Hier finden sich jene ein, die in absoluter Prekarität leben und auch noch ungewollt schwanger werden, manchmal nach eine Vergewaltigung. Oder auch jene, die unglücklich in ihrem sexuellen Erleben sind, weil sie vielleicht doch eine andere sexuelle Orientierung haben oder Opfer erzwungener sexueller Praktiken sind, Potenzprobleme haben, oder etwa einen Missbrauch aus der frühen Kindheit verdrängen müssen. Hier versuchen Menschen, durch Gespräche an ihr Leiden heranzukommen, Verständnis zu finden, hier suchen sie nach Lösungen, lernen, nein zu sagen und Selbstbewusstsein zu entwickeln.

Hier kommen Probleme zur Sprache, die an das Gefühl des menschlichen Versagens in allen Lebensbereichen rühren, also im Beruf, in der Partnerschaft, in der Sexualität. Im Endeffekt zeigen alle Probleme, die innerhalb des Planning angesprochen werden, in welchen Bereichen unsere Gesellschaft versagt, und wo absoluter Handlungsbedarf besteht.

Mangelnde sexuelle Aufklärung, die Kostenpflichtigkeit der Verhütungsmittel für viele, mangelndes Selbstwertgefühl, mangelnde Kenntnis der Gesetze in bezug auf Liebe und Sexualität, führen immer noch zu zahlreichen persönlichen und sozialen Leiden, über die niemand spricht. Die Feststellung des Planning, dass insbesondere junge Luxemburger sich schwer damit tun, mit ihren Eltern zu sprechen (im Falle einer ungewollten Schwangerschaft zum Beispiel), zeigt, wie das Tabu weiterhin wesentliche Aspekte des menschlichen Lebens überschattet, und wie auf diese Weise dann auch nachhaltige Traumata beim einzelnen Menschen geschaffen werden.

Erst im Juli 2013 wurde von vier Ministerien eine Absichtserklärung zur Promovierung der sexuellen Gesundheit unterschrieben. Dies zu einem Zeitpunkt, als der Abtreibungstourismus in unsere Nachbarländer noch grassierte. Sexuelle Aufklärung für alle Schulkinder, die Hinterfragung der Kostenpflichtigkeit von Verhütungsmitteln, die Förderung des Bewusstseins, nein zu sexuellen Übergriffen sagen zu können, die Thematisierung sexueller Orientierungen im Rahmen der Aufklärung wären einige Aspekte, in denen Handlungsbedarf besteht, dies um der Bevölkerung in Fragen der persönlichen und sexuellen Misere weiterhelfen zu können.