LUXEMBURG
NORA SCHLEICH

Von Geisterstädten und Modernisierungszwang

Die Sucht nach Modernität, Fortschritt, unendlichem Wachstum, gepaart mit dem Drang nach mehr Digitalisierung, mehr Design, mehr Sex-Appeal, ja gar nach mehr „Future“ im anscheinend so banalen „Now“ prägt Gesellschaft und mit ihr auch Politik in einem Ausmaße, das manchmal so übergreifend daherkommt, dass nicht einmal mehr Raum bleibt, um ein kritisches „Moment!“ einbringen zu können. Stets werden neue Stadtteile geplant und ausgebaut, mehr Einkaufszentren, größer, weiter, teurer. Natürlich müssen wir Menschen leben und Lebensraum gestalten, das steht außer Frage. Was jedoch an dieser Stelle in Frage gestellt werden soll, ist die Art und Weise, wie wir die Gestaltung unserer „Future“-tauglichen Umgebung angehen. Die Städte werden modern, heißt es gerne immer wieder in Erklärungen bezüglich neuer Planungen und ihren entsprechenden Baustellen. Interessanterweise kann man dies auch so lesen, dass die Städte „modern“ werden: Moder ansetzen, schimmeln, verwesen, ver- und zerfallen. Die zwanghafte Ästhetisierung, Aufwertung und vermeintliche Verbesserung unserer Lebenswelt wird ihr zum Verhängnis. Wann wird Verschönerung zum Problem, fragen Sie sich? Nun, Schönheit gezielt herbeiführen zu wollen ist ein Unterfangen, das nicht jedem glückt. Einem künstlerisch Schaffenden kommt bereits ein gewisses Maß an Muße zu, sodass es ihm vielleicht leichter fällt, etwas ästhetisch Ansprechendes zu kreieren. Doch, wenn er „soll“, gar „muss“, wird es verzwickt. Der unbedingten Produktion des Schönen geht oftmals der ausschlaggebende Geist, „Spirit“, wie manch einer wohl lieber sagen würde, ab. Dies, weil Regel und Zweck vorgegeben sind, unbedingt erfüllt werden müssen, um der Idee dessen, was scheinbar ästhetisch funktioniert, zu entsprechen. Nicht um des Wohlgefallens am Kunstwerk selbst, nein, es steht der marktwirtschaftliche Zweck dahinter, vielleicht verborgen, vielleicht ganz offensichtlich, der die Liberalität der ästhetischen Erfahrung in die Knie zwingt.

Zurück zu den Städten. Die „moderne“ Stadtplanung, wie wir sie hierzulande erfahren dürfen, geht meist mit der westlich geprägten 21st-century Städtevision Hand in Hand. Großflächige Glasbauten, ein steriler Stil, artifizielles Licht, künstliches Grün, erkünstelter Raum, viel Nichts, viel Platz für Vision – viel Platz für Anonymität und wenig für Individualität. Einkaufsstraßen quer durch Europa ähneln sich und wirken dadurch doch fremd. Kirchberg, Cloche d’Or, die hauptstädtische Geschäftsallee, alle funktionieren nach dem gleichen Schema: Die Unifizierung der Gestaltung als Festhalten an eben dem immergleichen „Look“, der sich überall wiederfindet und als „schön“ oder „fancy“ gebrandet wird. Häßlich sind die neuen Komplexe auf den ersten Blick nicht, jedoch geht die krampfhafte Ästhetisierung mit dem Verlust am Dialog zwischen Bau und Betrachter einher. Finden wir uns in unserer Umwelt noch zurecht, die steril „schön“ daher kommt, dabei aber jegliche Individualität zwecks Vereinheitlichung, dem Stil-Schema zu Liebe, einbüßt? Wird das „Design“ gar zum unpersönlichem Diktum, wird der Städteplanung die Identität des Raums abgesprochen.

Warum läuft dies Gefahr, in Moder zu enden? Wenn wir uns in unserer Lebenswelt nicht mehr wiedererkennen oder zu Hause fühlen, warum sollten wir uns für sie einsetzen, sie lieben, gerne dort sein und mit und in ihr leben? Stadtgestaltung funktioniert nur dann, wenn sie eine Gestaltung darstellt, die die Menschen mit einbindet und ihnen eben den Raum ermöglicht, mitgestalten zu können. Sterile und eintönige Städte werden schnell zu Geisterorten, an denen sich nach Feierabend niemand mehr tummelt. Lieber geht es in die eigenen vier Wände, wo man seinen Platz und sich selbst findet. Belval ist ein gutes Beispiel hierfür. Vielleicht ist die zwanghafte Ästhetisierung ein Symptom der Schnelllebigkeit; was scheinbar gut funktioniert, wird übernommen und zu Geld gemacht. Nachhaltig ist dies jedoch keineswegs, denn nachhaltig überleben kann nur, wenn man sich in und mit seiner Identität weiterentwickeln kann. Der Drang nach Verschönerung ist also auf sein Motiv zu hinterfragen; geht es um ein Mithaltenwollen aus kommerziellem Interesse? Wieweit findet die Stadt sich noch in ihrem „Design“ wieder? Ist die Gestaltung zu starr, aus einer Forderung und einem Gebot entstanden? Finden wir noch das „gewisse Etwas“, das den Charme eines Ortes ausmacht? Lassen wir uns konstruktiv denken, wie kann verhindert werden, dass die Ästhetisierung in einer Anästhetik resultiert? Vielleicht ist es gerade das Entsagen einer starren Formalisierungslinie, die ohnehin dem Individuum und seiner Kreativität wenig Raum lässt. Vielleicht muss es gewagt werden, der Stadt und den in ihr Lebenden die Gestaltungsentwicklung wieder vermehrt selbst zu überlassen? Natürlich haben Professionelle an der Planung und Gestaltung teil, jedoch sollte dies nur insoweit Einfluss haben dürfen, als dass der Eigenständigkeit des Besonderen weiterhin mit Respekt gegenübergetreten wird. Mehr Geisterstädte verträgt Luxemburg nicht, und „Nation Branding“ bedeutet mehr, als hochmodernes Design zu gebieten. Das moderne Luxemburg muss nicht modern, valorisierte Individualität ist hierfür bestes Gegenmittel.