ECHTERNACH
CLAUDE MÜLLER

Joachim Kühn, Rabih Abou-Khalil & Jarrod Cagwin beim Festival „Echterlive“

Während eine Reihe musikbegeisterter Artgenossen ihren Wochenendtrip oder ihre Ferien an der belgischen Küste mit einem Besuch des Jazzfestivals in Gent kombinierten, wo neben Weltstars aus der Popbranche wie Joan Baez, Gregory Porter, Jamie Cullum oder Sting, Jazzgrößen wie der virtuose kubanische Pianist Gonzalo Rubalcabo, der famose Trompeter Terence Blanchard oder die WDR Big Band unter Leitung des Arrangeurs Vince Mendoza mit dem originellen Pianisten Fred Hersch auftraten, war auch hierzulande beste Auswahl an multikulturellen Angeboten zu genießen.

Nachdem Klassikanhänger bei einem Galakonzert mit Sir Bryn Terfel und dem OPL auf der „Kinnekswiss“ auf ihre Kosten kamen, Elektro-, Techno- und Hip-Hop-Fans sich an einem grandiosen Spektakel von „Kraftwerk“ in der Abtei, Freunde des französischen Chansons sich in originellen Arrangements von der Jazzdiva Dee Dee Bridgewater in Wiltz erfreuen konnten, war am Wochenende dann die Reihe an dem neu konzipierten viertägigen Echternacher Festival, das neben einem regional zugeschnittenen Jazzabend am Freitag, den Samstag für die musikalisch grenzenüberschreitende Worldmusic reserviert hatte. Die Aussage dieser richtungsweisenden Gattung kann wohl kaum repräsentiver umgesetzt werden als mit der Kombination von Klängen und Rhythmen aus Orient und Okzident und dies mit Meistern ihres Fachs wie dem libanesischen Oudspieler Rabih Abou-Khalil und dem deutschen Pianisten Joachim Kühn.

Kühn, der sicherlich eine Rekordzahl an Auftritten in Luxemburg verbuchen kann - war er doch schon als Solopianist oder Fusionkeyboarder, als Big Bandmitglied oder mit eigenem Trio mit Daniel Humair am Schlagzeug auf diversen Bühnen zu hören -, überrascht immer wieder durch seine ausgewogene, angepasste aber immer persönliche Stilistik.

Botschafter der oft verschmähten „Worldmusic“

Auch als begehrter Duopartner in kammermusikalischer Form, wie vorletzte Saison in der Philharmonie mit dem französischen Saxofonisten Emile Parisien oder als Sideman Luxemburger Nachwuchsjazzer beim Düdelinger Festival „Like A Jazz Machine“ ist er noch in bester Erinnerung. Bei „Echterlive“, dem alteingesessenen Echternacher Festival, das sich dieses Jahr nach einer einjährigen Pause in neuem Gewand präsentierte, hat sich der Allroundmusiker am Samstag als Botschafter der oft verschmähten „Worldmusic“ profiliert, die sich aber hier durch die schöpferischen Qualitäten der Solisten als wahre Fundgrube rarer Spezialitäten entpuppte.

Für treue Weggefährten und Nostalgiker war dieser Auftritt ein besonderer Leckerbissen, war Joachim Kühn doch schon vor etwa 15 Jahren mit genau derselben Besetzung und ähnlichem Programm auf Einladung des „jazzclubluxembourg“ in der Escher Kulturfabrik zu Gast. Auch die Musik ist dieselbe geblieben, bedarf diese ausgeklügelte Mixtur aus orientalischer Folklore, exotischen Perkussionsorgien, europäischer Romantik und impressionistischen Klaviereinlagen sowie experimentellen Strukturen aus Kühns Free Jazz-Erfahrungen der frühen Jahre keiner Anpassung an kommerziell bedingte Trends oder zeitlich beschränkte Modeerscheinungen.

Nach einer einstimmenden, doch schon mitreißenden und bewegenden, sessionartigen Kollektivimprovisation und einer gemeinsamen Komposition der beiden Protagonisten folgten gleich die Höhepunkte der leider nur eine knappe Stunde dauernden intensiven Performance mit zwei Liebesliedern. Hierbei konzentrierte Abou-Khalil sich auf die lyrische Komponente seines Könnens, das sensibel und filigran, die klanglichen Besonderheiten seines Instruments beleuchtete und die östliche Phrasierungskunst der harmonisch dichten Klangkulisse Kühns sublim gegenüberstellte.

Virtuose „Schnellfingereinlagen“

Lebendiger ging es bei „White Widow“ aus der Feder des Pianisten zu, der ohne harmonische Fesseln seine ungezähmt wilden Melodielinien subtil, aber äußerst wirkungsvoll, in das komplexe Gerüst seines bewährten, facettenreichen Rituals einbaute. Mit seinen virtuosen „Schnellfingereinlagen“ bewies Kühn, dass er auch mit seinen 75 Jahren noch immer zu den besten und wichtigsten europäischen Pianisten zählt. Wunderbare Momente bescherten uns ebenso Auszüge aus der Produktion „Journey To The Center Of An Egg“, aus dem Jahr 2004, die durch die Zeitlosigkeit dieser Musik ohne Grenzen nichts an Aktualität eingebüßt haben. Natürlich durfte das obligate Schlagzeugsolo, das der vitale Perkussionist Jarrod Cagwin in seiner eigenartigen Manier als explosives Feature eines autonomen Formgefühls zur Synthese dieses konzertanten, multikulturellen Klanggemäldes beisteuerte, nicht fehlen.

Eine fast unbeschreibliche Weltmusik ohne kitschiges Räucherstäbchenambiente und parfümierte Teezeremonie, die zu einem der besten Aushängeschilder dieser Art gehört und die Grenzen zwischen Improvisation und Komposition in faszinierender Weise verschmelzen lässt.