LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Das Wayne Shorter Quartet gastierte in der Philharmonie

Etwas Neues brauchte man sich von Altmeister Wayne Shorter sicher nicht zu erwarten, das verlangte auch niemand. Die Geschichte des Jazz hat der nunmehr 83-jährige Musiker zur Genüge mitgeprägt. Bereits in den 1960er Jahren erlangte er internationale Anerkennung als Mitglied von Art Blakeys „Jazz Messengers“, danach als Partner von Miles Davis, an einigen dessen wichtigsten Alben wie unter anderem „Filles de Kilimanjaro“, „In A Silent Way“ und „Bitches Brew“ zum Topstar der Saxofoninsiderszene gekürt. Als Gründungsmitglied der ersten bedeutenden, und noch immer erfolgreichsten Fusion-Band „Weather Report“ ist Shorter auch heute noch bei jüngeren Jazzrock-orientierten Fans in aller Munde. Aber auf seinen Lorbeeren ausruhen möchte der begnadete Solist sich auch nach dieser nun fast sechs Jahrzehnte anhaltenden Erfolgsstory nicht.

Beeindruckendes Ensemble

Obschon Shorter in dieser Besetzung schon mehrmals in der Philharmonie aufgetreten ist, hat die Intensität und die inspirierte Frische seiner Band in nichts nachgelassen. Im Gegenteil, die Klischees der Jazzquartettkultur, wie abwechselnde sich steigernde Improvisationen, effektvolle Schlagzeugsoli oder virtuose A-capella-Kadenzen der Solisten, suchte man vergebens in der zeitlosen Struktur des unfassbar beeindruckenden Ensembles.

Hier lief ein aufregender, abendfüllender Film, der nicht nur die Geschichte des zeitgenössischen Jazz bestens illustrierte und die Details dieser Entwicklung vorbildlich demonstrierte. In nahtlos inszenierten Kollektivimprovisationen wussten die vier Musiker permanent ihre stilistischen Qualitäten und die klanglichen Besonderheiten ihrer Instrumente so eindringlich zu beleuchten, dass die damit erzielte meditative Stimmung dem kammermusikalischen Hochgenuss einen unverkennbaren Stempel aufdruckte.

Inspiriert und organisiert

Wayne Shorter, der überzeugte Buddhist, faszinierte durch seine typische Art, in sparsamen, skizzenartig resümierten Strukturen, musikalische Erlebnisse, mit der fernöstlichen Kunst der Konzentration, inspiriert und organisiert zu vermitteln.

Erinnerungen an John Coltrane oder die stilprägenden Exkursionen der legendären „Bitches Brew-epoche“, sogar kurze wilde Ausbrüche à la Albert Ayler bestimmten den Ablauf einer fast außerirdischen, fragilen Musik, deren einmalige Qualität sich im Laufe des memorablen Konzerts permanent steigerte.

Pianist Danilo Pérez, der Mittelpunkt des kompakten Klangkörpers, sorgte mit Atmosphäre schaffender Harmonik und Rhythmik für die perfekte Balance zwischen spontanen Ausbrüchen und geplanten Konstruktionen. John Patitucci am Kontrabass, bekannt durch Chick Coreas „Electric und Akoustic Bands“ begeisterte neben seinen typischen markanten Phrasen durch einige betörende rhapsodische Melodiebögen mit dem Streichbogen, die dem Ganzen zeitweise den Eindruck moderner Konzertmusik verliehen.

Wichtiger Mann im Hintergrund war der unauffällige, manchmal unmerkbar agierende Schlagzeuger Brian Blade, der in allen möglichen Sparten der aktuellen Musikszene zu Hause ist. Er sorgte mit seinen delikaten, präzisen Einwürfen für die einmalige, exemplarische Klangkulisse und die außerordentlich funktionierende Kommunikation der Band.

Zum Schluss erlebten wir progressiv Annäherungen an die große Zeit der längst zu Kult gewordenen Weather Report-Ära, natürlich diesmal „unplugged“ in rein akustischem Gewand.

Magische Kraft des Leaders

Wieder durften wir ein bestes Beispiel dafür erleben, dass das Konzept und die Aussagekraft eines Ensembles, wie das auch beim späten Miles Davis der Fall war, von der magischen Kraft des Leaders mit seinen fruchtbaren Erfahrungen ausgeht und nicht unbedingt von seinen solistischen Eskapaden. Mit seinen sparsamen Phrasierungen steuerte der Leader seine Mitmusiker von Höhepunkt zu Höhepunkt einer Musik, die aus dem Inneren eines mysteriösen Universums zu kommen schien.

Selten hat man bei einem Konzert solch euphorischen Beifallsstürme erlebt, die nach berechtigten „standing ovations“ die Gruppe nach der anderthalbstündigen Tour de force noch zu einer kurzweiligen Zugabe bewegte.

Ein großartiges Ereignis in der Geschichte der Philharmonie, das heute als Abschluss der Tournee in der Pariser Philharmonie wiederholt wird.