CORDELIA CHATON

Sein Vater und Vorbild ist ein so von sich überzeugter Mann, dass er nicht nur eine, sondern gleich zwei Autobiografien veröffentlicht hat. Was mit seiner Familie geschah, die in 15 Jahren 32 Mal umziehen musste, interessierte ihn nicht. In diesem Umfeld wuchs Alexander Boris de Pfeffel Johnson mit drei Geschwistern auf - und erklärte früh, König der Welt werden zu wollen. Was soll man von so einem erwarten?

Er hat es fertig gebracht, das britische Pfund Sterling, die älteste noch genutzte Währung der Welt, in den Keller zu schicken. Zwar spricht Johnson immer von Großbritannien und seiner Stärke. Doch seine Aktionen führen alle dazu, dass die Währung seiner Heimat historische Tiefstwerte erreicht, ein Zeichen für den allgemeinen Vertrauensverlust.

Jenseits der Währung spaltet er auch die Bürger seines Landes und seine Partei. Die Briten, einst bekannt für beherrschtes Benehmen, Gentlemen-Style und Humor, tauchen auf den Bildschirmen auf mit Volksvertretern, die sich gegenseitig anbrüllen, zermürbt vom mittlerweile jahrelangen Kampf um Positionen und Stimmen. Es war schon sehr, sehr schlimm bislang diesen Niedergang mitansehen zu müssen. Der selbstverliebte Hanswurst BoJo aber hat es fertig gebracht, die Situation noch gravierend zu verschlechtern, Parteifreunde zu entfremden und die Queen, die keine Wahl in der Sache hat, für seine Pläne politisch zu missbrauchen. Unter Johnson ist aus der politischen Krise eine Verfassungskrise geworden.

Er, der kein Mandat vom Volk hat, weil er nie gewählt wurde, will etwas durchsetzen, von dem man bis heute mit Recht anzweifeln darf, ob es des Volkes Wille ist. Er gebärdet sich als Diktator, der das Parlament dominiert, Parteikollegen rauswirft und den starken Mann gibt. Doch so langsam verheddert er sich.

Bei seiner Mega-Klatsche am Dienstagabend stellten sich 21 Tory-Rebellen gegen ihren Premierminister. Jetzt braucht er die Opposition, um Neuwahlen auszurufen, falls es mit dem No-Deal-Gesetz klappt. Der Entwurf sieht vor, dass Johnson eine Verschiebung des EU-Austritts beantragen muss, sollte bis zum 19. Oktober kein Austrittsabkommen ratifiziert sein. Der Antrag müsste dann von den übrigen 27 EU-Mitgliedstaaten einstimmig bewilligt werden. Bislang zeigt sich die EU immun gegen die Methode Johnson, der keine Vorschläge macht und der EU den schwarzen Peter zuschieben will. Selten war so viel Einheit.

Johnsons Idee mit den Neuwahlen ist ein Spiel mit dem Feuer, bei dem sich schon seine Vorgängerin verbrannt hat. Das britische Wahlsystem belohnt selbst bei knappen Siegen den mit den meisten Stimmen. Das muss nicht unbedingt Johnson sein.

Max Hastings, der beim „Daily Telegraph“ mehrere Jahre lang Johnsons Vorgesetzter gewesen war, warnte noch im Juni diesen Jahres: „Man kann darüber streiten, ob er ein Schurke ist oder nur ein Schlitzohr, aber jedenfalls ist er moralisch bankrott und hat für die Wahrheit nur Verachtung übrig. […] Er ist nicht geeignet für ein staatliches Amt, weil es scheint, dass ihm nichts wirklich wichtig ist, außer seiner eigenen Berühmtheit und der Erfüllung seiner eigenen Interessen.“ Jetzt müsste die gute Fee in Form eines Investors kommen, der eine neue FB-Kampagne finanziert. Gegen den Brexit. Und gegen Johnson. Es ist höchste Zeit.