DAVOS/LUXEMBURG
LJ MIT DPA
Klaus Schwab und das „World Economic Forum“

Der Geist von Davos

Wenn ein Mann für das „World Economic Forum“ (WEF) steht, dann er: Klaus Martin Schwab, Erfinder des wichtigsten Gipfeltreffs der Schweiz und vermutlich auch weltweit. Dabei ist der Mann alles andere als auffällig. Stets korrekt und bodenständig, kein Protz, keine Marken. Das mag an seiner Herkunft liegen. Das Kind von Schweizer Eltern wurde im deutschen Ravensburg geboren und wuchs in der für ihre Sparsamkeit bekannten Region Schwaben auf.
1971 war für den doppelt promovierten Betriebswirt und Ingenieur ein entscheidendes Jahr. Er heiratete seine Assistentin Hilde und lieh sich privat Geld bei einem befreundeten Industriellen, um ein Forum zu gründen, in dem europäische Wirtschaftsführer die neuesten Managementmethoden und -theorien kennenlernen. Damals war der junge Professor gerade aus den USA zurückgekommen. Die erste Auflage des „Europäischen Managementforums“ verlief so erfolgreich, dass er danach mit 25.000 Schweizer Franken die Stiftung gründen konnte, aus der später das WEF hervorging. Mit Ausnahme des Jahres 1973 wuchs das WEF stetig. Allein 2016/2017 setzte seine Organisation rund 280 Millionen Schweizer Franken um und erzielte einen Überschuss von 1,2 Millionen Schweizer Franken, der dem Stiftungskapital zufloss. Das WEF hat am Sitz im noblen Genfer Vorort Cologny angrenzende Landparzelle dazugekauft, um dem künftigen Wachstum der Institution Rechnung zu tragen. Typisch Schwab.
Der Mann tut so, als würde er Ende März nicht 80 Jahre alt werden, schwimmt jeden Morgen eine Dreiviertelstunde und ist stolz auf seinen Blutdruck von 130 zu 70. „Da weiß ich, dass ich noch stressgeprooft bin“, sagte er Schweizer Journalisten. Der zweifache Vater und Großvater, der wöchentlich 60 bis 70 Termine im Kalender stehen hat, zieht nach wie vor die Fäden.
Er sagt Sätze, die leicht verständlich sind wie: „Wir wollen der Klebstoff der Weltgemeinschaft sein“. Oder auch: „Man muss heute lernen, permanent unzufrieden und trotzdem glücklich zu sein.“ Wenn man dem einst jüngsten Professor der Genfer Universität etwas vorwerfen kann, dann, dass das WEF sehr an seiner Person hängt. Doch er bringt es seit über 45 Jahren fertig, die Mächtigen zusammen zu bringen, damit sie die Welt verbessern - wohl wissend, dass darunter viele Verursacher des Elends sind. Mit diesem Paradox lebt er - und von ihm. Cordelia Chaton

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) will sich bei seiner bevorstehenden Tagung in Davos als Motor für internationale Zusammenarbeit anbieten. „Derzeit mangelt es an Kooperation und Verständnis. Und wenn es mal Kooperationen gibt, dann nur zwischen Politikern oder nur zwischen Wirtschaftsbossen“, sagte WEF-Präsident Borge Brende der Deutschen Presse-Agentur. „Das WEF kann diese unterschiedlichen Akteure zusammenbringen und wir bieten die Plattform, um Zusammenarbeit zu fördern.“

„Wir stehen einigen weltweiten Herausforderungen gegenüber“, sagte Brende. Er verwies auf zentrale Fragen der Globalisierung und des Klimawandels sowie auf geopolitische Probleme, etwa auf der Koreanischen Halbinsel, am Horn von Afrika oder in Syrien. „All diesen Herausforderungen und systemischen Fragen ist gemein, dass sie mehr globale Zusammenarbeit erfordern.“ Nicht umsonst heißt das Motto der Veranstaltung dieses Jahr: „Eine gemeinsame Zukunft in einer zersplitterten Welt“ schaffen. Dabei setzt das WEF auch auf die Stärkung von Frauenrechten und Gleichberechtigung. „Wir werden weltweit nichts erreichen, wenn die Hälfte der Erdbevölkerung nicht dieselben Möglichkeiten hat“, sagte Brende. Er verwies darauf, dass alle Co-Vorsitzenden der bevorstehenden Jahrestagung Frauen seien, darunter die norwegische Ministerpräsidentin Erna Solberg und die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde. „Mit den sieben weiblichen Co-Chairs senden wir ein starkes Signal aus, dass Frauenrechte im Zentrum einer zukunftsorientierten Politik für die Welt stehen.“ Frauenrechte und Gleichberechtigung seien universelle Werte, nicht speziell westliche oder östliche, sagte der WEF-Präsident. „Ich hoffe, dass das 21. Jahrhundert ein Jahrhundert der Frauen- und der Geschlechtergleichheit wird.“

Die mittlerweile 48. WEF-Jahrestagung in Davos sei auch in Zeiten zunehmender Digitalisierung ein wertvolles Ereignis, sagt Brende. Video und Telefon seien großartige Ergänzungen. „Aber nichts kann ein persönliches Treffen ersetzen. Wenn man echten Herausforderungen gegenübersteht, muss man sich ins Gesicht gucken können.“ Als Beispiel verwies der norwegische Ex-Außenminister auf seine Erfahrungen als - letztlich erfolgreicher - Vermittler im kolumbianischen Bürgerkrieg zwischen Regierung und der FARC-Guerilla. 

70 Staats- und Regierungschefs und hunderte Vorstandsvorsitzende werden in Davos erwartet

Zu dem Treffen in den Schweizer Alpen werden mehr als 3.000 Teilnehmer erwartet, darunter etwa 70 Staats- und Regierungschefs wie US-Präsident Donald Trump - dessen Beteiligung wegen der dringenden Suche nach Konsenslösungen für die Aufhebung der Haushaltssperre in den USA allerdings in der Schwebe ist - der französische Staatschef Emmanuel Macron, der spanische König Felipe, König Abdullah von Jordanien, der indische Premier Modi, sein kanadischer Kollege Justin Trudeau und seine britische Kollegin Theresa May, der israelische Premier Benjamin Netanjahu, sowie die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der luxemburgische Premierminister Xavier Bettel. Finanzminister Pierre Gramegna nimmt erstmals am Weltwirtschaftsforum teil.

Auch Hunderte führende Persönlichkeiten globaler Konzerne kommen nach Davos, darunter Bill Gates (Microsoft), Larry Fink (BlackRock), Jack Ma (Alibaba), Satya Nadella (Microsoft), Sundar Pichai (Google), Brian Moynihan (Bank of America), Marc Benioff (Salesforce), Carlos Ghosn (Renault, Nissan), Dara Khosrowshahi (Uber), Mark Weinberger (EY) und viele andere.

Bettel: „Einmalige Gelegenheit, um binnen weniger Tage eine Vielzahl an Gesprächspartnern zu begegnen“

„Das Weltwirtschaftsforum in Davos ist das weltweit größte und renommierteste Treffen von Wirtschaft und Politik, und es bietet uns eine einmalige Gelegenheit, um binnen weniger Tage einer Vielzahl an Gesprächspartner zu begegnen, ohne dafür um die halbe Welt reisen zu müssen“, sagte Premier Bettel auf Nachfrage, „ich kann hier luxemburgische Interessen vertreten und für den Wirtschaftsstandort Luxemburg werben, Diskussionen vertiefen und Fragen beantworten. Das direkte Gespräch mit den Entscheidungsträgern von weltweit operierenden Firmen hat sich in den letzten Jahren als ein sehr gutes Rezept bewährt, wenn es darum geht das Großherzogtum auf die Landkarte zu setzen. Dies gelingt uns insbesondere im Bereich der neuen Technologien auf immer bessere Art und Weise und ich kann so als Staatsminister dazu beitragen, die wirtschaftliche Entwicklung Luxemburgs zu steuern“.

Gleichzeitig sei das WEF aber auch ein Forum, wo es zuzuhören gelte, um den Puls der Zeit zu fühlen. „Es sind enorm aufschlussreiche Konferenzen und Reden, wo aktuelle und zukünftige Herausforderungen diskutiert und Lösungsvorschlage unterbreitet werden. Auch als Premierminister sollte man sich diesen Fragen nicht verschließen und genau zuhören, wenn ausgewiesene Experten und Forscher ihre Ideen darlegen“, fügt Bettel hinzu, „ich freue mich darüber hinaus auf bilaterale Gespräche auf politischer Ebene mit anderen Regierungschefs aus aller Welt, wo ich Beziehungen zu anderen europäischen und nicht-europäischen Ländern pflegen und gegebenenfalls ausbauen kann“.

Die Themen beim WEF: Von Transformationen und der Neugestaltung der Welt

Was 1971 in Davos als „European Management Symposium“ mit rund 444 Teilnehmern aus Westeuropa begann, hat sich im Laufe der Jahre als internationales Treffen der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Weltelite etabliert.

„Weltwirtschaftsforum“ heißt die Organisation erst seit 1987 und seit 1988 steht das Jahresevent unter einem großen Motto. Damals war es „Die neue Lage der Weltwirtschaft“. Die Themen seit 2008 lauteten: „Die Macht der kollaborativen Innovation“, „Die Welt nach der Krise gestalten“, „Neu denken, neu entwerfen, neu bauen: Wie wir die Weltlage verbessern können“, „Geteilte Normen für die neue Realität“, „Die große Transformation: Neue Modelle gestalten“, „Widerstandsfähige Dynamik“, „Die Neugestaltung der Welt: Konsequenzen für Gesellschaft, Politik und Wirtschaft“, „Die neue globale Kontext“, „Die Vierte Industrielle Revolution meistern“ und „Responsive und verantwortliche Führung“. 

Oxfams Appell an das WEF: Kampf der Ungleichheit

Kurz vor dem Start des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos hat die NGO Oxfam, die gegen Armut kämpft, mit Nachdruck vor steigender Ungleichheit in der Welt, gewarnt. Die Organisation rief die Teilnehmer der Tagung auf, gegen die Steuervermeidung von Konzernen und Einzelnen vorzugehen, faire Einkommen für Männer und Frauen durchzusetzen sowie in Bildung und Gesundheit für alle zu investieren. „Soziale Ungleichheit ist ein Hemmschuh für die Beseitigung der Armut in der Welt“, sagte Jörn Kalinski von Oxfam Deutschland mit Blick auf den neuesten Bericht der Organisation zur Ungleichheit, der an diesem Montag vorlegt wurde. „Das Ausmaß der sozialen Ungleichheit nimmt weiter zu“, betonte Oxfam-Expertin Ellen Ehmke. So verfügten 2017 weltweit 42 Personen über den gleichen Reichtum wie die ärmsten 3,7 Milliarden. Und das reichste Prozent der Menschheit besitze mehr als die übrigen 99 Prozent zusammen, diese Minderheit habe zudem 82 Prozent des globalen Vermögenswachstums im vergangenen Jahr verzeichnet. Die Zahl der Milliardäre sei zwischen 2016 und 2017 so stark gestiegen wie nie zuvor. Oxfam bezieht sich bei den Berechnungen auf Daten der Schweizer Großbank Credit Suisse sowie die Vermögensschätzungen des US-Magazins „Forbes“.

Mit Blick auf Zahlen der Weltbank lobte Oxfam allerdings Fortschritte bei der Bekämpfung der extremen Armut. Demnach hat sich die Zahl der Menschen, die weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben, zwischen 1990 und 2010 halbiert und sei seitdem weiter gesunken. Allerdings habe die zunehmende Einkommensungleichheit verhindert, dass deutlich mehr Menschen aus extremer Armut entkommen konnten.

Ein großes Problem sieht Oxfam in fehlender flächendeckender Bildung und öffentlicher Gesundheitsversorgung, auch in Deutschland. Dort hätten es Kinder aus einkommensschwachen Familien schwer, denselben Bildungsstand zu erreichen wie Kinder von Besserverdienern. Alljährlich melden sich zur Tagung des Weltwirtschaftsforums auch eine Menge kritischer Stimmen, die auf wesentliche Schieflagen in der Welt aufmerksam machen.