LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

Storyteller Katrice Horsley leitet heute einen Workshop in Neimënster

Kurz nach 11.00 sitzt Katrice Horsley in der Brasserie Neimënster und nimmt einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. Noch vor fünf Minuten stand sie vor einem Haufen englischsprachiger Sekundarschüler und erzählte von ihrem Job, den sie seit über zwanzig Jahren auf der ganzen Welt ausübt. Horsley ist professionelle Geschichtenerzählerin, eine der ersten ihrer Art im Vereinigten Königreich, die auch Geschichten vor einem erwachsenen Publikum vortrug. „In Bibliotheken und Bars“, erinnert sie sich. Geschichten haben sie durch ihre ganze Kindheit begleitet; aus dem Erzählstoff traditioneller Märchen zimmerte sie sich ihre eigene Fantasiewelt, ein sicherer Ort, in den sich vor der Realität zurückzog.

In den Siebzigern wurden in England die ersten Ausbildungszentren gegründet, die Storytellingkurse anboten. Die dort ausgebildeten Geschichtenerzähler wurden in Problemviertel geschickt, um in Workshops mit sozial benachteiligten Jugendlichen zu arbeiten. „Jeder ist ein Erzähler“, meint die Britin, die heute in der Abtei Neumünster einen Workshop leitet, der sich an ein erwachsenes Publikum richtet. In dem dreistündigen Atelier wird sie den Teilnehmern die Grundtechniken des Storytelling erläutern und über den Sinn und Zweck ihres Berufs referieren. Viele würden die Auffassung vertreten, dass die Aufgabe einer Geschichtenerzählerin nur darin bestünde, auf einer Bühne vor einem Publikum aufzutreten, um Geschichten zu erzählen, berichte Horsley. „Lediglich 20 Prozent meiner Arbeitszeit verbringe ich auf der Bühne“, gibt sie zu verstehen.

Workshops in Männer-gefängnissen

Der Entschluss, hauptberuflich Geschichten zu erzählen, stand fest, als Horsley vor der Jahrtausendwende aus Ghana zurückkehrte, wo sie für verschiedene internationale Organisationen wie unter anderem die UNICEF arbeitete. „In Ghana lebten damals 98 Prozent Analphabeten, diesen Menschen konnte man nur Informationen vermitteln, indem man sie ihnen erzählte.Zurück in England erfuhr sie von der Gründung der britischen National Society of Storytelling, die damals 60 Geschichtenerzähler versammelte. „Heute sind es über tausend“, erklärt Horsley.

Negative Erfahrungen mit Workshopteilnehmern oder Hörern, die zu ihren Shows kommen, mache sie äußerst selten, berichte Horsley. „Ich komme sogar mit den Insassen eines Männergefängnisses klar“, erklärt sie.


www.neimenster.lu