LUXEMBURG
CLAUDE MULLER

Das St. Petersburg Philharmonic Orchestra in der Philharmonie

Russische Komponisten stehen seit Generationen auf der obersten Stufe der Favoritenskala der Klassikliebhaber. Auch in unserer Philharmonie tauchen die großen Namen der sowjetischen Musikliteratur regelmäßig im Repertoire international renommierter Orchester und Solisten auf. Stand gestern die 3. Sinfonie von Rachmaninov unter dem Motto „From Moscow to Pennsylvania“ mit dem OPL auf dem Programm der Konzertreihe „Aventure+“, war bereits am Donnerstag die Reihe an Sergej Prokofjew und Dimitri Schostakowitsch. Wenn die beiden bedeutenden Botschafter der russischen Vorzeigemusik dann auch noch von einem Orchester interpretiert werden, das eng mit verschiedenen Uraufführungen von Werken der beiden programmierten Komponisten, sowie von Igor Strawinsky verbunden ist und der Solist als einer der profiliertesten Spezialisten von Prokofjew gehandelt wird, dann sind die besten Voraussetzungen für ein Konzerterlebnis der Extraklasse unweigerlich vorgegeben.

Fabelhafte Interpretation

Star der memorablen Soiree war zweifellos der international gefeierte Pianist Yefim Bronfman, den wir noch von seiner fabelhaften Interpretation des 5. Klavierkonzerts von Beethoven mit dem „Gewandhausorchester Leipzig“ und mehr noch durch seine betörende Version von Claude Debussys „Clair de Lune“ als Zugabe im Mai dieses Jahres in bester Erinnerung haben. Am Donnerstag zeigte sich der feinfühlige Solist durch seine permanente Steigerung in Prokofjews Klavierkonzert No 2 von seiner allerbesten Seite. Zusammen mit dem pausenlos mit kraftvoller Ruhe agierenden Dirigenten Yuri Temirkanov und dem vorbildlich mit feinstem Klangkolorit ausgestatteten Orchester wurden wir Zeuge einer beispiellosen Demonstration gegenseitiger Inspiration, die das bei der Uraufführung noch als „Katzenmusik“ verschrieene Meisterwerk zu einem außergewöhnlichen Hörerlebnis erhob. Gleich bei der ersten Kadenz inszenierte der Starpianist und Grammy-Preisträger musikalische Impressionen eines unaufhaltsam brodelnden Vulkans, die sich ohne übertriebene Nuancierung zu einer erlösenden Klangexplosion entwickelten. Immer geschmeidig aber mit berstenden Gefühlsausbrüchen konnte Bronfman die einst revolutionären musikalischen Ideen Prokofjews wirksam in eine zeitlose Weltmusik umsetzen. Die melodische und harmonischer Substanz des klangvollen Opus, das dem Interpreten eine perfekte technische Virtuosität abverlangt, konnte dank der bestens kommunizierenden Akteure voll zur Wirkung kommen.

Mit seiner 13. Sinfonie hat der 1975 verstorbene russische Komponist Dmitri Schostakowitsch eines seiner düstersten, aber während der gesamten 60-minütigen Spielzeit fesselndsten Werke geschaffen, das hauptsächlich durch die unterschiedlichen Klangvolumen, die Schattierungen der Orchestrierung und die wechselnden Stimmungen von melancholischem Schicksalsambiente bis zur berauschenden Melodik eines heiteren, volksnahen Dorffestes besticht. Trotz der meist bedrückenden Stimmung, die den slawischen Charakter der Vokalsinfonie bestens illustriert, klang der gewaltige Resonanzkörper mit seinen neun Kontrabässen und dem abwechslungsreichen Arsenal an Perkussionsinstrumenten immer transparent und locker. Restlos überzeugen konnte ebenfalls der junge Sänger Petr Migunov mit seiner sanften, unaufdringlichen aber markanten Bassstimme, der die wirkungsvolle Aussagekraft der Dramaturgie des musikalischen Schauspiels mit vollem Einsatz unterstreichen konnte.

Einen wichtigen, nicht zu unterschätzenden Beitrag zum perfekten Gelingen des grandiosen Spektakels lieferte der vorzügliche „Wiener Singverein“ unter der Leitung von Johannes Prinz, ein ausschließlich aus Amateuren bestehender Männerchor, der mit namhaften Orchestern und berühmten Dirigenten wegen seiner Flexibilität immer wieder in größeren Produktionen zum Einsatz kommt. „Wenn sie zu den Proben kommen, dann kommen sie nicht zum Dienst sondern vom Dienst“, erwähnt das wie immer vorbildlich gestaltete Programmheft, das außerdem sämtliche Texte, die als Vorlage für das bewegende, sozialkritische fünfsätzige Werk dienten, enthält.

Kurze, aber intensive Zugabe

Ein wahrer Glücksfall seitens der Organisatoren dieses Eliteorchester, dessen Tournee anlässlich des bevorstehenden Jubiläums seines Leiters in die renommiertesten Konzerthäuser Europas führt, - nach einem dreitägigen Gastspiel im „Wiener Konzerthaus“, einem Auftritt in der Hamburger „Elbphilharmonie“ und vor einer Soiree im Baden Badener Kurhaus - für ein Konzert der Superlative in Luxemburg verpflichtet zu haben. Yuri Temirkanov feiert am 10. Dezember seinen 80. Geburtstag.

Ein Extralob gebührt dem spielfreudigen Orchester anlässlich seiner noblen Geste nach der anstrengenden, anderthalbstündigen, mit höchster Konzentration durchgeführten Performance, sich noch zu einer zwar kurzen, aber intensiven Zugabe hinreißen zu lassen.