LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Neue Platten vom Duo Peirani/Parisien und dem „radio.string.quartet.vienna“

Im Mai waren sie noch in Luxemburg zu Gast, die beiden kammermusikalischen Combos, die in letzter Zeit durch aufsehenerregende Projekte in den internationalen Medien von sich reden lassen. Allen voran der französische Akkordeonist Vincent Peirani, vor kurzem gefeierter Gast in der TV-Kultsendung „Aspekte“ im ZDF und zweifacher Echo Jazz-Preisträger hat mit seinem Landsmann, dem Klarinettisten und Sopransaxofonisten Emile Parisien eine wunderbare CD namens „ Belle Epoque“ aufgenommen.

Vom Sidney Bechetklassiker „Egyptian Fantasy“ und der wehmütigen Ballade „Saint James Infirmary“ über „Dancers In Love“ von Duke Ellington“ bis zur originellen Eigenkompositionen der beiden Solisten: Sämtliche Bearbeitungen bieten eine Fülle von fulminanten Überraschungsmomenten, die geschickt in das spannende Szenario der über einstündigen CD integriert sind.

Unübertrefflicher Meister

Peirani, der immer barfüßig auftretende Akkordeonist, ist ein unübertrefflicher Meister in allen möglichen Genres. „Heute spiele ich Valse Musette, morgen mache ich Free Jazz mit Michel Portal und übermorgen interpretiere ich klassische Werke von Dvorak“, so beschreibt er selbst sein Tour Timing. Emile Parisien, momentan der gefragteste Solist der französischen Szene beherrscht alle Varianten des klassischen und modernen Saxofonspiels und bietet eine ausgeglichene, gut kalkulierte Balance zwischen Komposition und Improvisation, mal träumerisch, mal raffiniert intellektuell mit einem gehörigen Schuss Humor.

Die Kunst der Kommunikation und eine ansteckende, besinnliche Euphorie charakterisiert die Musik der jungen Solisten, die so besessen klingen, als hätten sie diese Musik erfunden. Treffender kann man das nostalgische Ambiente der „Belle Epoque“ nicht zeitgemäß wiedergeben.

Kein Wunder dass ihr Landsmann der Multiinstrumentalist Michel Portal immer wieder mit den beiden Ausnahmemusikern zusammenarbeitet, die von ihrem Mentor, dem Schweizer Schlagzeuger Daniel Humair in seinem Quartett „Sweet & Sour vor einigen Jahren vereint, einem größeren Publikum vorgestellt wurden.

Mit Jazz wenig am Hut

Mit Jazz hat die wunderbare Produktion „radiodream“ des „radio.string.quartet.vienna“ eigentlich recht wenig am Hut, aber wer Coltrane liebt, das Mahavishnu Orchestra zu seinen Favoriten zählt oder einfach ein Ohr für multikulturelle Projekte hat, für den ist die Musik dieses Ensembles garantiert wie geschaffen.

Bei „Inception“ oder der „Ode an den Freund“, beides Kompositionen des ersten Geigers Bernie Mallinger und des Cellisten Asja Valcic, tritt unüberhörbar der Einfluss der Minimalmusik eines Philip Glass oder Steve Reich in den Vordergrund, die wehmütige Version des oft verfremdeten „Liebestraum“ von Franz Liszt lässt Erinnerungen an die Blütezeit der Salonmusik wach werden und die neuen, ungewohnten Phrasierungs- und Harmoniesierungsweisen des Ensembles lassen die Herzen der Freunde kontrastreicher, selbstbewusster Musik in Form eines neu belebten Klassizismus höher schlagen.

Der manchmal mit dem bewährten Wiener Schmäh parfümierte Sound, die sensible Experimentierfreudigkeit des Streichquartetts sowie die permanent präsente Intensität der kompakten Arrangements sowie die überzeugende Spielfreude der vier Solisten lässt diese CD, fern vom kitschigen Gesäusel der oft desaströsen Weltmusik, zu einem wahren Juwel der kammermusikalischen Raritäten werden.


Beide CDs sind auf dem jungen Münchener Label „Act Music“ erschienen