LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

CD-Box mit Interpretationen bekannter und weniger bekannter Schöpfungen: „Glenn Gould spielt Bach und nicht Bach“

Immer wieder, wenn man von den wichtigsten Bacheinspielungen hört oder liest, geht die Rede von dem kanadischen Pianisten Glenn Gould. Dass er neben seinen weltbekannten Interpretationen der Bach-Werke, auch bedeutende Aufnahmen von Kompositionen großer Meister der Klassik, Romantik und Moderne veröffentlicht hat, ist weniger populär.

Desto erfreulicher ist es, dass in der Zwei-CD-Box „Musik und Leben eines Genies“ (erschienen bei „Sony Music“), neben berühmten Bach-Werken, eine Platte, mit einer Ausnahme, den Interpretationen bekannter und weniger bekannter Schöpfungen der Post-Bach-Ära gewidmet ist.

Heißt die erste CD „Glenn Gould spielt Bach“ - unter anderem mit der einzigen Orgelaufnahme Goulds -, so ist die zweite logischerweise „Glenn Gould spielt nicht Bach“ betitelt. Hier finden wir neben einer bisher unveröffentlichten Aufnahme von Richard Strauss‘ „Morgen“, die Klassiker Haydn, Mozart und Beethoven und als Zeugnis seines feinen Gespürs in Sachen modernerer Klaviermusik, eine markante Fassung von Arnold Schönbergs „Klavierstück I opus 11“.

Eine Rarität ist die kurze „Fantasy in C“ des heute fast vergessenen, britischen Renaissancekomponisten Orlando Gibbons, dessen Wirken über ein Jahrhundert vor der fruchtbarsten Schaffensperiode Johann Sebastian Bachs lag.

Des Weiteren sind zwei Werke Ludwig Van Beethovens, das „Allegro“ aus dem 1. Klavierkonzert und eine Transkription des bekannten Leitmotivs „Erwachen heiterer Empfindungen bei Ankunft auf dem Lande“ aus Beethovens 6. Sinfonie „Pastorale“ von Franz Liszt, vertreten. Von Liszts Klavierwerken hielt Gould übrigens nur wenig und auch die romantischen Schöpfungen von Chopin und Schumann lehnte er ab. Juwel dieser zweiten CD ist die Cembaloversion von zwei Auszügen aus Georg Friedrich Händels „Suite Nr 3 in d-Moll“ und Goulds Rolle als Begleiter der großen Sopranistin Elisabeth Schwarzkopf.

Sensible Interpretation

Einige der schönsten Momente der 76-minütigen Platte kann man mit der ansteckend sensiblen Interpretation von Brahms „Intermezzo Nr 6 in es-Moll“ und zwei selten gespielten Stücken des russischen Komponisten Alexander Scriabin genießen. Abschließend ist ein von Gould selbst verfasstes bombastisches, dynamisches Klavierarrangement des Vorspiels der Wagneroper „Die Meistersinger von Nürnberg“ zu hören. Die Aufnahmen erstrecken sich auf den Zeitraum 1955-1981.

Äußerst interessant ist das Booklet im CD-Format, das uns auf 191 Seiten eine reichhaltige chronologische Dokumentation aus teilweise bisher unveröffentlichtem Material, verblüffenden Anekdoten und dem kurzweiligen „Glenn-Gould-Alphabet“, einem Porträt in 32 Stichworten, bietet. So erfahren wir das Geheimnis seines nur 33 cm hohen Stuhls, den er auf seinen Tourneen immer dabei haben musste, dass er auch mal auf der Bühne während des Orchestervorspiels gelangweilt Zeitung las, den Ursprung seiner „lästigen Angewohnheit“, beim Klavierspielen mitzusingen und weitere skurrile Ereignisse aus dem Leben des exzentrischen Genies. Gould, der bereits 1964 sein letztes öffentliches Konzert gab und danach nur noch im Studio arbeitete, verstarb am 4. Oktober 1982 im Alter von 50 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls.

Begleitet wird der Maestro, der sich selbst als „nachschöpfender, musizierender Komponist“ bezeichnete, bei den Orchesterwerken von dem „Columbia“ und dem „CBC Symphony Orchestra“.