LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Wenn Worte nicht mehr reichen, kann ein Musiktherapeut weiterhelfen

Musik ist eine universelle Sprache. Jeder versteht sie, jeder spricht sie und jeder wird über sie auf eine gewisse Art erreicht. Wenn andere Therapieformen scheitern, kann Musik Türen öffnen, kann sie Ressourcen mobilisieren und Potenziale optimieren. Rund 20 professionelle Musiktherapeuten bieten ihre Dienste in Luxemburg an. Die meisten sind Mitglied in der 2004 gegründeten Vereinigung „Gesellschaft fir Musiktherapie zu Lëtzebuerg“ (GML), die sich die Anerkennung des Berufs zum Ziel gesetzt hat. Gesetzlich geregelt ist diese Form der Therapie bislang nämlich nicht. Wir haben uns mit Marianne Wiltgen-Sanavia unterhalten, die seit 20 Jahren als Musiktherapeutin aktiv ist.

Was kann man sich unter Musiktherapie vorstellen?

Marianne Wiltgen-Sanavia In wenigen Sätzen lässt sich dies nicht beantworten, weil Musiktherapie sehr vielfältig ist. Eingesetzt wird sie, wenn ein geistiges, seelisches, psychisches oder körperliches Ungleichgewicht besteht. Es ist eine Therapieform, die immer dann angebracht ist, wenn Wörter nicht mehr reichen, wenn man mit der verbalen Kommunikation an Grenzen stößt. Dann kann Musik weiterhelfen. Musik ist aber ein großer Begriff. Das ist Rhythmus, das sind Melodien, das sind ganz viele Klänge, eine Vielfalt an Genres aus unterschiedlichen Kulturen und viele verschiedene Instrumente, die man einsetzen kann. Mit Musik kann man Türen öffnen, die sonst verschlossen blieben. Musik kann einen in seinen Gefühlen berühren, kann Gänsehaut verursachen, kann beim Entspannen helfen, kann Knoten lösen. Da gibt es ganz diverse Formen und Methoden. Oft wird Musiktherapie komplementär eingesetzt, etwa zur Psychotherapie.

Geredet wird aber trotzdem?

Wiltgen-Sanavia Selbstverständlich. Im Vorfeld wird eine seriöse Anamnese erstellt, um etwas über die Krankengeschichte der betreffenden Person zu erfahren, aber auch über ihre Vorgeschichte, ihren kultureller Background und ihr Verhältnis zur Musik. Während einer Musiktherapie wird viel mit Instrumenten gearbeitet, aber gewiss auch verbal kommuniziert. Natürlich sind musikalische Vorkenntnisse nicht Voraussetzung. Die meisten unserer Patienten haben aber eine Affinität für Musik oder kommen mit ihren Kindern, die gut auf Musik reagieren. Es gibt aber auch Menschen, die einfach nur neugierig sind und vielleicht schon andere Sachen ausprobiert haben, die sie nicht weiterbrachten. Manche kommen auch auf Empfehlung von Ärzten zu uns.

Direkt an Sie überwiesen werden sie aber nicht?

Wiltgen-Sanavia Nein, das geht nicht, weil die Therapie nicht von der Gesundheitskasse übernommen wird. Musiktherapeut ist in Luxemburg immer noch kein anerkannter Gesundheitsberuf. Das bringt auch andere Hürden mit sich. In Institutionen werden beispielsweise keine solchen Posten geschaffen, ihnen sind die Hände gebunden, obwohl es durchaus eine Nachfrage gibt. Dort werden dann eher Erzieher eingestellt, um eine ähnliche Arbeit zu machen, also musiktherapeutische Aktivitäten, dies jedoch ohne Ausbildung, wie wir sie haben.

Im Endeffekt kann sich also auch jeder einfach so Musiktherapeut nennen?

Wiltgen-Sanavia Ja, dagegen können wir nichts unternehmen. Der Titel ist nicht geschützt. Die GML wurde seinerzeit gegründet, um die Arbeit der Musiktherapeuten zu professionalisieren und uns einen gewissen Rahmen zu geben. Seit 2012 haben wir ein Register, in dem die professionellen Musiktherapeuten aufgelistet sind, damit man die Garantie hat, dass diese Leute eine seriöse Ausbildung haben - Master oder Bachelor in Musiktherapie - und nicht nur ein paar Seminare belegt haben. Es gilt demnach, gewisse Bedingungen zu erfüllen, um in dieses Register aufgenommen zu werden. Zudem gibt es einen „Code déontologique“.

Ist die Situation im Ausland ähnlich?

Wiltgen-Sanavia In Großbritannien ist das Ganze schon sehr lange reglementiert. Dort hat jede Kunstrichtung ihre spezifischen Ausbildungskriterien, worunter eben auch die Musik- und Kunsttherapeuten fallen. Österreich hat seit 2009 ein Gesetz ausschließlich für Musiktherapeuten. In Deutschland ist dagegen offiziell auch noch nichts reglementiert, jedoch sind dort in jedem psychosomatischen oder psychiatrischen Krankenhaus Musik- und Kunsttherapeuten tätig. Tatsächlich gibt es in Deutschland ein paar tausend Musiktherapeuten. Holland ist auf dem guten Weg. Belgien bietet eine sehr gute Bachelor-/Master-Ausbildung in Leupen. Die skandinavischen Länder sind ebenfalls sehr stark auf dem Gebiet. Da der Beruf aber in unseren direkten Nachbarländern nicht offiziell reglementiert ist, will Luxemburg keine Vorreiterrolle einnehmen, das hat uns die Gesundheitsministerin bei einer Unterredung im Januar zu verstehen gegeben. Eine gewisse inoffizielle Anerkennung gibt es durchaus, alles Weitere ist abhängig davon, wie es im Ausland weitergeht.

Wie steht es denn um die Anerkennung durch die Wissenschaft?

Wiltgen-Sanavia Gerade in den vergangenen Jahren ist diesbezüglich viel passiert, beispielsweise was Musiktherapie und Demenz anbelangt. Es gibt viele Forschungsergebnisse, die bestätigen, welchen Effekt die Musiktherapie in diesem Kontext hat. Gleiches gilt für den Bereich Psychiatrie oder Autismus. Es gibt zahlreiche Belege für die Wirksamkeit und den Mehrwert zum bestehenden Angebot. Was Musik in der Arbeit mit demenzkranken Menschen bewirkt, ist enorm. Oft reicht es aus, mit ihnen zu singen oder ihre Musik zu hören, um sie zu erreichen, um sie letztendlich für eine Zeit aus ihrer Isolation zu holen. Musik kann Erinnerungen wecken. Über den Weg der Musik finden Demenzkranke noch dazu wieder einen Zugang zu sich selbst, zu ihrer Identität, wodurch ein Stückchen Gleichgewicht hergestellt wird. Auch bei Kindern mit einem Aufmerksamkeitsdefizit oder mit Problemen, sich in eine Gruppe einzufügen, stößt man mit Reden nicht selten auf taube Ohren, mit Musik dagegen nicht. Das habe ich in meiner 20-jährigen Karriere mehr als einmal selbst erlebt. Musik stimuliert die Hirnaktivität, das gilt heute als erwiesen. Musik in der Schmerztherapie ist ebenfalls ein ganz interessanter Aspekt. Musik kann den Blutdruck senken. Es liegen viele Studien vor. Durch Musik kann letztlich häufig der Medikamentenverbrauch gesenkt werden.

Welche Instrumente kommen eigentlich in Frage?

Wiltgen-Sanavia Das hängt an sich von der Vorliebe des Musiktherapeuten ab. Das reicht von Klang- über Streichinstrumente bis hin zum Klavier und den Perkussionsbereich. Oft werden auch fantasievolle Instrumente eingesetzt, die die Fantasie zusätzlich anregen. Sie wirken alleine schon durch ihren visuellen Effekt. Mal macht der Therapeut die Musik, mal der Patient oder beide zusammen. So kann man dann miteinander kommunizieren, ohne zu reden, wodurch ein neues Bewusstsein für sich selbst entstehen kann, an dem dann gearbeitet wird. Neue Verhaltensweisen können studiert werden. Es handelt sich ja um einen geschützten Raum, wo die Menschen sich selbst auch mal ausprobieren können. Natürlich kann jedes Instrument oder jeder Klang je nach Patient eine andere Wirkung haben, oder auch keine. Es ist am Musiktherapeuten herauszufinden, was wirkt und wie eine Verbesserung herbeigeführt werden kann, die Reaktionen zu lesen und sie letztendlich zu steuern. Manchmal reichen bereits ein paar Sitzungen, in anderen Fällen ist eine Begleitung über einen längeren Zeitraum nötig. Die Übertragung von der Therapiesituation in den Alltag ist letzten Endes das Wichtigste.

Eignet sich Musiktherapie für jeden?

Wiltgen-Sanavia Nein, dies zu erkennen, muss ein Musiktherapeut lernen, er muss deshalb Kenntnis über die Krankheitsbilder haben. Manche Patienten benötigen einen Psychiater, weil sie zu instabil sind oder an einer psychiatrischen Krankheit leiden. Ihnen bringt eine ambulante Musiktherapie wenig. Betroffene leiten wir dann an andere Ansprechpartner weiter. Eine permanente Weiterbildung gehört in diesem Beruf unbedingt dazu, weil die Wissenschaft ja auch ständig zu neuen Erkenntnissen gelangt. Supervision ist ebenfalls sehr wichtig, um bestimmte Fälle gemeinsam zu bereden oder auch wenn man sich selbst belastet fühlt. Das bleibt nicht aus, die Leute kommen ja mit Problemen zu uns. Manchmal fällt es schwer abzuschalten, die Tür der Praxis zu schließen und nichts davon mit nach Hause zu nehmen.

Mehr erfahren unter www.musiktherapie.lu und www.sana-via.lu