LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Äußerst anspruchsvolles Konzept in „opderschmelz“: Neuer Jazz mit dem Trio „FLY“

Larry Grenadier und Jeff Ballard, zwei der bekanntesten Triobegleiter der aktuellen Jazzszene sind vor allem durch ihre Zusammenarbeit mit dem Pianisten Brad Mehldau und den Gitarristen Wolfgang Muthspiel und Pat Metheny zu dem Inbegriff der begehrten, sachkundigen Rhythmusgruppe geworden. Bei dem Projekt „Fly“ um den Saxofonisten Mark Turner haben sie es jetzt mit einer monophonen Leadstimme zu tun, anstatt wie bisher mit Klavier oder Gitarre, die durch polyphone Einwürfe die Funktion der harmonischen Basis übernahmen. Besondere Anforderungen stellt diese Konstellation zwangsläufig an den Saxofonisten, der sich nicht an rückenstärkenden Akkordgerüsten orientieren kann, sondern allein mit der Einfallsfülle der Basslinien leben muss.

Und genau diese Schikane meisterte der amerikanische Tenorsaxofonist Mark Turner am vergangenen Freitag im Düdelinger Kulturzentrum „opderschmelz“ auf eine so solide, souveräne und selbstverständliche Art und Weise, dass die Abwesenheit eines Tasteninstruments kein Thema war. Im Gegenteil, durch die aufregende melodische und kontrapunktische Präsenz des fleißigen Bassisten Larry Grenadier mit seiner perfekt konstruierten, vitalen Phrasierungsweise, entwickelte sich jede Komposition zu einer raren Delikatesse in Sachen kammermusikalischer Originalität.

Ausgeprägter Sinn für spontane Kreativität

Mit Turner, der sich auch mit seinem eigenen Quartett, zu dem der israelische Trompeter Avishai Cohen gehört, für die pianolose Variante der Combobesetzung entschieden hat, bot das Trio am Freitag in dem für diese Art von Klangbildern bestens geeignetem Auditorium der Düdelinger Kulturhochburg ein intelligentes Vergnügen an harmonisch raffinierten und rhythmisch unwiderstehlichen Collagen wider alle Klischees. Trotz seiner Ausbildung am renommierten „Berklee College Of Music“ klingt Turner nicht so routiniert wie die meisten „neuen“ Saxofonisten, die zwar alle technisch unschlagbare Phrasen hinlegen, aber nicht über den handelsüblichen Pseudojazz aus der Konserve hinwegtäuschen können. Er entwickelt im Gegensatz zu den etablierten Solisten der Modern- und Fusionjazzbewegung, die sich an den traditionellen John Coltrane- oder Stan Getzschulen inspirieren, einen eigenständigen Stil, der eher als Fortsetzung der Ansätze etablierter Ikonen wie Sonny Rollins oder besser Warne Marsh aus dem Tristanoerbe zu verstehen ist. „Fly“ verkörperte weder Cool Jazz, Free Jazz noch den Jazz für Morgen, sondern präsentierte eine an alle möglichen Erfahrungen verschiedener Bereiche angelehnte Trendwende der aktuellen Szene. Ein Gedankenaustausch unter Gleichgesinnten, eine Musik ohne Kompromisse, die an Originalität vielleicht nur von den frühen Aufnahmen Ornette Colemans zu überbieten ist, so könnte man das äußerst anspruchsvolle Konzept des Trios beschreiben. Ohne Drang nach etwas Neuem und ohne zwanghafte Selbstinszenierung überzeugten die gleichberechtigten Mitmusiker Grenadier und Ballard durch ihren ausgeprägten Sinn für spontane Kreativität.

Der Schlagzeuger, der, so raffiniert und einfach, wahre akustische Kunststücke vollführte, glänzte durch sein ausgeprägtes Feeling für die dynamischen Feinheiten dieser Musik, die aus dem Augenblick entspringt. Larry Grenadier am Kontrabass bewältigte die Übergänge zwischen Improvisation und Komposition mit spielerischer Eleganz und nutzte die Freiräume im vorbildlich arrangierten Kollektiv um seine Individualität und ganz persönliche Ausdrucksweise, die ihren Höhepunkt in einem längeren gestrichenen, teilweise mehrstimmigen Solo erreichte, zu integrieren.

Am Treffendsten erläuterte Schlagzeuger Jeff Ballard die „Aufgabe“ des Trios kürzlich in einem Interview: „Jeder umarmt die Musik des andern. Wir offerieren jedem unsere Inspiration. Wir präsentieren unsere Musik und jeder greift sich, was er will. Wir wollen Musik schaffen, die direkt, ehrlich und kraftvoll ist.“

In Düdelingen verkündete er stolz, dass ein Konzertbesucher 400 Kilometer Fahrt auf sich genommen hat, um dieser Veranstaltung beizuwohnen.