LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Saxofonvirtuose Branford Marsalis solo in der „Grace Cathedral“ in San Francisco

Mitte der 1970er Jahre gelang Branford Marsalis zusammen mit seinem Bruder, dem Trompeter Wynton, in den Reihen von Art Blakeys berühmten „Jazz Messengers“ schlagartig der internationale Durchbruch. Danach entpuppte sich der virtuose Saxofonist als wahres Chamäleon der aktuellen Musikszene. Ob mit eigenen Jazzcombos, als Interpret klassischer Werke mit Sinfonieorchester oder als Mitglied der Pop-Rockgruppe des britischen Sängers Sting, Marsalis meistert alle stilistischen Herausforderungen in unübertrefflicher Art und Weise. Ein Resumee dieser außergewöhnlichen Vielfältigkeit präsentiert Marsalis in seiner ersten und bisher einzigen Soloperformance „In My Solitude“.

Sticht aus der Masse heraus

In der heutigen Zeit, in der viele, wenn nicht die meisten, Saxofonisten dank der uniformen Musikschulenmuster nach Berklee-Modell stillos gleich klingen, hat Marsalis sich mit seiner persönlichen Note herauskristallisiert. Und eben diese Finessen, die den Saxofonvirtuosen von der großen Masse abheben, demonstriert Marsalis bei seinem Livekonzert, 2012 aufgenommen in der „Grace Cathedral“ in San Francisco, in bester Form.

Neben vier spontanen Improvisationen, bei denen der Solointerpret Wert auf perfekte Demonstrationen der gesamten Palette der Klangfarben und dynamischen Variationsmöglichkeiten seiner Instrumente legt, finden wir eine ansprechend ausgewählte Mischung aus Klassik, neuem und traditionellen Jazz bis zur konzertanten zeitgenössischen E-Musik.

Marsalis beginnt mit der selten gespielten Komposition „Who Needs“ des Sopransaxofonisten Steve Lacy, einem der wenigen Saxofonisten, die ausschließlich das Sopransaxofon benutzten. Mit dem Klassiker „Stardust“ führt der Solist seine perfekte Blastechnik und seine Spezialität vor, mit sämtlichen Phrasen des traditionellen und modernen Jazz vertraut zu sein.

Mehr als einstündiger Konzertgenuss

Marsalis auf dem Altsaxofon zu hören, ist schon eine willkommene Rarität, die er gleich zweimal bei diesem Konzert vorstellt, zuerst bei der folgenden Improvisation No 1. Ein Leckerbissen des mehr als einstündigen Konzertgenusses ist Marsalis‘ Tenorsaxofonadaptation von C. Ph. E. Bachs „Sonata in A Moll“ für Oboe solo, die er speziell für dieses Konzert bearbeitet hat.

Nach einer Eigenkomposition und der zweiten spontanen Improvisation hat Marsalis einen totalen Stilwechsel programmiert. Mit „Mai“ (Opus 7) des japanischen Avantgardekomponisten Ryo Noda wagt er sich in die delikate Welt der zeitgenössischen Musik. Ungewohnt, aber klar und deutlich beweist der polyvalente Musiker mit subtiler Tongestaltung seine Verbundenheit zu den modernen Saxofonschulen der E-Musik.

Nach zwei weiteren Improvisationen, wo Marsalis immer wieder seine lyrische und expressive Ausdruckskunst in den Vordergrund stellt, bringt der Maestro uns zurück in die Welt der Ursprünge der afro-amerikanischen Musikkultur mit seinem „Blues For One“, einem simplen zwölftaktigen Akkordgerüst in der bewährten Mississippitradition. Spätestens hier wird bewusst, dass ein Musiker am Werk ist, der keinem, auch nicht sich selbst, noch irgendetwas beweisen muss. Zum Schluss überrascht der Meister mit einem versöhnlichen Abschiedsgeschenk, dem Schlusssong aus einer amerikanischen Fernsehshowserie „I’m So Glad We Had This Time Together“

Kleiner Lapsus des vielbeschäftigten Starsaxofonisten: Eigentlich war die berühmte Bravournummer vieler Saxofonisten „Body And Soul“ als Zugabe programmiert. Stattdessen spielte Marsalis irrtümlicherweise noch einmal die Nummer „Stardust“, in dem Glauben, er habe „Body and Soul“ schon am Anfang im Programm gehabt.

Der Titel der CD „ In My Solitude“ soll an das erste der „Sacred Concerts von Duke Ellington erinnern, das 1965 in dieser Kathedrale stattfand. 2015 wurde diese Produktion, die Marsalis posthum dem verstorbenen Jazzbassisten und -komponisten Charlie Haden widmete, mit dem Jazz Echopreis ausgezeichnet. Eine wunderbar inspirierende Musik, an der bestimmt auch Adolphe Sax seine Freude gehabt hätte.


Branford Marsalis ist am 31. März mit seinem Quartett und dem Sänger Kurt Elling in der Philharmonie zu Gast. Mehr Informationen dazu und Tickets unter www.philharmonie.lu