BERLIN
LISA ELSEN

Welche Bilanz Berliner Bürger und Bürgerinnen 29 Jahre nach der Deutschen Einheit ziehen

Als am 3. Oktober 1990 BRD und DDR politisch zusammengeführt wurden, trat das ein, was lange Zeit nur schwer vorstellbar schien: Die Wiedervereinigung Deutschlands nach 45 Jahren. Diesem Ereignis wird seitdem jedes Jahr mit Bürgerfesten und traditionellem Staatsakt gedacht, dieses Jahr unter dem Motto „Mut verbindet!“. Das Motto soll an all die Menschen erinnern, die vor 30 Jahren den Mut hatten, für Freiheit und Demokratie auf die Straße zu gehen. Diesjähriger Austragungsort der zentralen Feierlichkeiten ist Kiel, wo man mit rund 500.000 Besuchern rechnet. Auch in Berlin finden vom 3. bis zum 5. Oktober auf dem Platz der Republik, rund ums Brandenburger Tor und auf der Straße des 17 Juni Poetry-Slams, Konzerte und Ausstellungen statt. Ebenfalls angekündigt hat sich der rechtsextreme Verein „Wir für Deutschland“, worauf bereits mit Gegenprotest reagiert wurde.

Fortschritt braucht Erinnerung

Doch wie stehen die Berliner zur Deutschen Einheit? Wir haben uns umgehört. „Ich finde es gut, dass wir die Wiedervereinigung zelebrieren, da es eine Zäsur in der deutschen Geschichte war“, sagt Damon, Geschichtsstudent aus Berlin. Für ihn ist es wichtig, dass es jedes Jahr Veranstaltungen zum Tag der Deutschen Einheit gibt. So werden auch junge Leute, die dieses Ereignis nicht miterlebt haben, an die deutsche Teilung erinnert. Denn Vergessen ist Gift, schließlich leben Veränderung und Fortschritt von der Erinnerung und dem Wissen um die Konsequenzen des Handelns. Ob das alleine ausreicht sei dahingestellt, es zu unterlassen ist jedoch auch keine Option.

Dass 29 Jahre nach der Einheit nicht alles rosig ist, steht außer Frage. Die Deutsche Einheit aber nur in den dunkelsten Farben zu malen, greift dabei zu kurz. „Man soll das Erreichte feiern, gleichzeitig aber auch kritische Worte finden“, meint Erda,

Bibliothekarin aus Berlin. „Nie hätte ich es als ehemalige Bürgerin der DDR für möglich gehalten, dass es wirklich zu einer Wiedervereinigung beider deutscher Staaten kommen würde“, so die Berlinerin weiter. „Leider wurde vieles, aus der ehemaligen DDR, was es Wert gewesen wäre in das vereinigte Deutschland mit ein fließen zu lassen, ignoriert. Die alten Bundesländer bestimmten die Entwicklung“, erklärt sie. Hierin sieht sie auch einen der Gründe, warum sich ein Teil der Bevölkerung abgehängt fühlt und vermehrt die AfD wählt. Noch immer gibt es Unterschiede was die Gehaltsklassen angeht, das geht auch aus dem Jahresbericht der Bundesregierung zum Stand der Deutschen Einheit 2019 hervor. Die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit in verschiedenen Teilen Ostdeutschlands hat sich zwar in den letzten Jahren verbessert, reicht aber noch nicht überall an Westniveau heran.

Erda zieht ihre ganz persönliche Bilanz: „Ich fühle mich als Ossi in einem Gesamtdeutschland wohl und bin glücklich darüber, dass sich meine Welt vor 30 Jahren dramatisch verändert und vergrößert hat.“

Gemischte Gefühle

Mario Röllig, der seit 1999 als DDR-Zeitzeuge Besucher durch die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen führt, begegnet der deutschen Einheit mit gemischten Gefühlen. „Einerseits ist die Deutsche Einheit ein großes Geschenk für uns als Volk gewesen. Andererseits war der Preis dafür aus meiner Sicht auch ziemlich hoch“, erzählt er. Damit spielt er auf den Zwei-plus-Vier-Vertrag an, der dafür sorgte, dass das was in der DDR als Straftat galt, im vereinten Deutschland auch nur nach DDR-Strafrecht verurteilt werden konnte. „So wurden nur wenige SED und Stasi Funktionäre verurteilt. Die meisten hatten nur ihre Pflicht getan und waren nach DDR Strafrecht nicht schuldig“, so Röllig weiter. Für Menschen wie ihn, die unter dem DDR-Regime gelitten haben, war das wie ein Schlag ins Gesicht. Dennoch überwiegt bei ihm die Freude darüber, im geeinten Deutschland leben zu können. Sich selbst sieht er in der Pflicht über die Geschehnisse zu sprechen, mit Menschen denen Ähnliches wiederfahren ist wie ihm.

Mauerfall als Fundament der Einheit

Einer, der die deutsche Teilung ebenfalls am eigenen Leib erfahren hat, ist Gerd Keil. Der ehemalige politische Häftling kämpft, genau wie Röllig gegen das Vergessen. „Der Fall der Mauer ist für mich das Fundament der Einheit, denn für mich war das geteilte Deutschland immer ein Ganzes, das nach der Wende zusammenwachsen konnte.“ Keil zieht eine insgesamt positive Bilanz der Einheit. „Ich freue mich, dass unser Land, bei allen Schwierigkeiten die wir auch haben, in Freiheit und Demokratie existiert“, sagt Keil weiter. Natürlich gibt es nach wie vor Schwierigkeiten die bewältigt werden müssen, aber blühende Landschaften gedeihen eben nicht von selbst. Dafür braucht es Hingabe, Geduld und vor allem Mut. Nur so kann früher oder später zusammenwachsen was zusammengehört, allen Hürden zum Trotz.