NORA SCHLEICH

Dem Menschen ist die Unerreichbarkeit des absoluten Wissens eine Last, insbesondere, wenn es darum geht Theorien und Erklärungen für das Weltgeschehen zu finden. Um die Spezies Mensch in ihrem immerwährenden Vervollkommnungsprozess voranbringen zu können, müssen Analysen erhellende Resultate liefern und fortschrittliche Entwicklungen entworfen werden. Doch die Stöcke fliegen einem nur so zwischen die Beine, denn die Absolutheit an Einsichten, die benötigt würde, um die Unergründlichkeit des Seins endlich aufdecken zu können, bleibt uns in unserer menschlichen Nichtigkeit verwehrt. Nun sind unsere Wissenschaften aber nicht nutzlos, im Gegenteil. Sie stellen eine unabdingbare Hilfe dar, uns Strukturen und Vorgänge unseres Umfeldes zugänglich zu machen. Durch sie können wir verstehen und lernen, forschen und erfinden. So bemüht sich eine Wissenschaft – sei dies nun Physik oder Chemie, Soziologie oder Ökonomie, oder auch eine Geisteswissenschaft, wie die Theologie oder Philosophie – stets darum, mit den ihr bekannten und geprüften Erfahrungen, Experimenten und Theorien ihr Gebiet zu erweitern und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Damit die Wissenschaft aber überhaupt fortschreiten kann, und sich nicht in den Fängen des Skeptizismus verliert, gilt es, gewisse Problemlösungen zu akzeptieren, die Antworten auf grundlegende Fragen bereitstellen und es erlauben, weitere Problemlösungen ausarbeiten zu können. Diese Annahmen sind laut dem Wissenschaftsphilosophen Thomas Kuhn die ‚Paradigmen’, zu denen ein Konsens in einem bestimmten Fachbereich herrscht. Diese Paradigmen bedingen dann die jeweiligen Forschungsstrategien, sowie die Interpretation und Analyse der daraus hervorgehenden Ergebnisse. Der Begriff steht somit einerseits für „die ganze Konstellation von Meinungen, Werten, Methoden, usw., die von den Mitgliedern einer gegebenen Gemeinschaft geteilt werden. Andererseits bezeichnet er ein Element in dieser Konstellation, die konkreten Problemlösungen, die, als Vorbilder oder Beispiele gebraucht, explizite Regeln als Basis für die Lösung der übrigen Probleme der ‚normalen Wissenschaft’ ersetzen können“, schreibt Kuhn in seinem Buch „Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“ – mittlerweile ein Klassiker der Wissenschaftstheorie.

Das Paradigma ist aber nicht absolut. Die Meinungen und Theorien, die es beinhaltet sind nicht vor Fehlern gefeit. So kommt es vor, dass innerhalb des bestehenden Paradigmas Unstimmigkeiten auftauchen, unerklärliche Probleme, sozusagen eine Krise in der Forschung der jeweiligen Wissenschaft. Nach Kuhn ist es demnach notwendig, dass auch die Meinungen und Theorien, die eigentlich die Basis einer Lehre darstellen, wieder und wieder hinterfragt werden. Nur so kann eine wissenschaftliche Revolution, mit verbesserten Theorien und Grundsätzen entstehen. Der Fortschritt ergibt sich demnach dynamisch, könnte man mit Kuhn sagen. Zum einen indem man sich des Fortgangs wegen in einem System von Theorien bewegt, die aus diesem hervorgehenden Erkenntnisse aber, zum anderen, auf der Suche nach Stimmigkeit und Wahrheit gegebenenfalls einer erneuten Prüfung unterzieht und vielleicht sogar verwirft.

Demnach ist auch das, was lange Zeit als wahr angesehen wurde, eventuell hinfällig. Denken Sie nur mal an das Ptolemäische Weltbild. Dieses Paradigma gründete auf der irrtümlichen Annahme der geozentrischen Konstellation unserer Planeten. Es tauchten Rätsel und Probleme auf, die nicht mit den fundamentalen Sätzen dieser Theorie beantwortet werden konnten, und dies, obwohl die Theorie lange Zeit allgemein akzeptiert wurde. So kam es zur Revolution durch Kopernikus, dessen heliozentrisches Modell plausible Lösungen für bestehende Ungereimtheiten bereithielt und den Weg für weitere Forschungen und insgesamt für das neuzeitliche Denken ebnete: Newtons Begriffe der Gravitation und Trägheit sind auf den Paradigmenwechsel des 16. Jahrhunderts zurückzuführen.

Nun kann die paradigmatische Revolution allerdings keine absoluten Wahrheitsansprüche erheben, durch welche eine Erkenntnis in jeder Hinsicht wahr wäre. Nein, zugrunde liegt dem Paradigmenkonzept, dass stets ein gewisser Relativismus mitschwingt. Innerhalb eines Paradigmas kann eine Aussage oder Regel als gültig angesehen werden, sie kann aber genauso gut mit der nächsten Wissenschaftskrise, bei der das Paradigma an sich hinterfragt wird, fallen und ersetzt werden. Wird das Paradigmenmodell von Kuhn mit seinen notwendigen Wechseln allerdings als Mittel gesehen, die stete Überprüfung der grundlegenden Bedingungen von Theorien und Modellen zu fördern, so können durch diese Revolutionen und Umschwünge neue Theorien entstehen, welche die Fehler der vorhergehenden umgehen und somit der eventuellen Wahrheit näherkommen können. In diesem Sinne ist diese Revolution ein Gewinn, um zur Verbesserung des wissenschaftlichen Umfeldes beizutragen und stellt den Nährboden für Innovationen dar. Ich habe Ihnen nun zwar eigentlich eine Wissenschaftstheorie vorgestellt, jedoch bin ich der Ansicht, dass auch wir in unserem alltäglichen Dasein in unseren Paradigmenwelten schwelgen, uns Meinungen bilden und Theorien annehmen. Wie eben aufgezeigt ist dies auch notwendig, jedoch sollte es nicht dazu kommen, die eigene Kopfwelt als die einzig wirklich wahre anzusehen, und sich vor der Revolution, dem Austritt aus der psychologischen Komfortzone zu drücken. Es kann wohl schmerzen zu erkennen, dass man sich irrte – allerdings bedingt diese Erkenntnis wiederum, dass der daraus entstehende Eindruck die alten, fehlerhaften Ansichten, nicht mehr beinhalten wird. Das ist vielleicht Ihre eigene kopernikanische Revolution – aus ihr kann Großes folgen!