Politik in zehn Minuten?

Wer auch nur annähernd regelmäßig Nachrichten schaut, sich informiert und über das in der Welt vor sich Gehende reflektiert, weiß um die Komplexität der neuzeitlichen Problemfragen. Jemen, Israel, Palästina scheinen bis auf Weiteres unlösbar. Das Paradoxon bezüglich des voranschreitenden Klimawandels und der Lethargie der Weltbevölkerung lässt mehr als nur ratloses Schulterzucken aufkommen. Weitere Beispiele gibt es zahlreiche. Auch das Großherzogtum kann mit schwierigen Konstellationen aufwarten: Wohnungsbau, Zukunftsplanung, Wirtschaftsexpansion, Verkehrsdilemma und Verfassungsreform sind nur einige der zentralen Knotenpunkte, die einer unbequemen und grundsätzlichen Auseinandersetzung bedürfen.

Die Arbeit an solchen Dossiers verlangt also nach einem gewissen Potenzial, Sachverstand und Methodik, um auch nur annähernd der Komplexität des Umstandes gegenhalten zu können. Dass eine gute und umgreifende, ja auch eine weiterführende und spezialisierende Ausbildung hierfür von Nöten ist, versteht sich eigentlich von selbst. Da reicht das Grundwissen in Wirtschaft und Recht oftmals dann doch nicht aus. Komplementär dazu stehen Geschichte, Philosophie und Naturwissenschaften, um Antworten zu liefern. Der Vielschichtigkeit unserer Gesellschaft, der Welt und auch unserer Selbst entspricht nun mal nicht eine stete Einfachheit. Da wir dennoch als Bürger alle gemeinsam an den großen Themengebieten unseres Gemeinwesens, der Polis, teilhaben, betrifft uns sehr wohl das, was von den Politikern be- und erarbeitet wird.

Nun hat ein gewisser (luxemburgischer) Politiker vor nicht allzu langer Zeit behauptet, in Zukunft nicht länger als zehn Minuten referieren zu wollen, da sonst niemand bei komplexem Sachverhalten zuhören würde. Tragischerweise ist dies in gewisser Weise tatsächlich ein zu beobachtender Umstand. Überfüllt von steter Informationsflut scheint die Aufmerksamkeitsspanne des Otto-Normal-Bürgers zusehends geringer zu werden. Schnell wird weitergescrollt, umgeschaltet, weggesehen. Braucht man dennoch eine Information, findet sie sich ohnehin online. Aber bitte schmackhaft präsentiert, und am besten mit einem Video, eine lange Lesezeit schreckt nur ab.

Dass niemand mehr zuhören will oder kann, ist natürlich eine grobe Verallgemeinerung und tatsächlich, hoffentlich, überspitzt. Ich sehe den Politiker in der Verantwortung, gerade auch komplexe Dossiers in eben ihrer Komplexität zu behandeln. Der oben Zitierte wird dem sicher nicht widersprechen, ging es ihm doch vorwiegend um die Notwendigkeit einer verkürzten Darstellung der Gegebenheiten. Doch befinden wir uns hier nicht in einem Teufelskreis? Wird dem Bürger die Schwierigkeit leicht verdaulich präsentiert, kann dies einerseits zu mangel- oder fehlerhafter Information führen, andererseits wird so der geläufigen Tendenz der sich verkürzenden Konzentrationsfähigkeit entgegen gekommen. Bestätigt es uns gar in Bequemlichkeit und in unserem Drang nach Einfachheit, auch wenn das, was es zu besprechen gilt, vielleicht gar nicht so einfach ist?

Was ich hervorheben will, ist die zu beobachtende Abkehr von einer gewissen Anforderung, die man an den eigenen Intellekt und den des Mitbürgers stellen sollte. Das Gespenst der Absenkung des Bildungsniveaus scheint tatsächlich umherzugeistern. Tut man sich mit der Vereinfachung des Schulstoffs wirklich einen Gefallen? Hat der Subjonctif der französischen Sprache, dessen Verabschiedung vom Lehrplan schon mal diskutiert wurde, nicht dennoch seine Daseinsberechtigung? Das Lernen solcher Verben ist weitaus mehr als eine unbequeme Plackerei. Zum einen stellt es ein nicht zu unterschätzendes Gehirnjogging dar, mit dem das Oberstübchen im Memorieren und Synthetisieren fit gehalten wird. Dazu kommt, dass mit diesem Modus Wünsche, Gefühle und ganz spezifische Verhältnisse, wie etwa Hypothesen oder Kausalitäten zum Ausdruck gebracht werden können. Diese stellen Nuancen dar, die sehr wichtig für den logisch-sprachlichen Umgang sind.

Natürlich hängt die Handhabung politischer Komplexität nicht davon ab, ob man den Subjonctif beherrscht oder nicht. Aber dennoch davon, ob man über breites Allgemeinwissen verfügt, historische Kenntnisse inbegriffen, und ob man auf fachlichen Gebieten den Überblick behalten kann. Dazu kommt die in der Schulbildung geförderte Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und strukturiert Sachverhalte aufklären zu können. Mit dem gründlichen Verständnis geht auch eine gewisse Sicherheit bezüglich der Kommunikation einher, sodass der Informationsübermittlung auch die Weichen gestellt wären.

Mit leerem Kopf nickt es sich zwar leichter, jedoch steht dies im direkten Kontrast zu dem, was wir uns doch eigentlich wünschen: Autonomie und Respekt, Mitspracherecht und Selbstbestimmung. Damit dies erhalten bleibt, ist die Auseinandersetzung mit schwierigen Themen unabdingbar. Lassen wir uns nicht dazu verführen, Gefallen an einfachen Schlagwörtern zu finden, oder haarsträubenden, propagandistischen und gleichzeitig unhaltbaren Aussagen Glauben zu schenken. Trainieren wir weiterhin unser Oberstübchen und verlangen wir nach Hintergrundinformationen. Wir können verstehen, wir können wissen. Mut zur Schwierigkeit!