LUXEMBURG
PIERRE WELTER, FREIER JOURNALIST

Mordprozess „Schléiwenhaff“: Gericht setzt weitere Verhandlungen an

Im Gerichtsprozess um die zwei Morde am „Schléiwenhaff“ und „Fräiheetsbaam“ hat die Kriminalkammer im November 2019 vier zusätzliche Termine anberaumt: Am 5., 6., 7. und 8. November soll der Prozess in die Verlängerung gehen.

Grausige Chronologie

K. (36) und S. (27) stehen vor Gericht, weil sie angeklagt sind, einen 36-jährigen Drogendealer erschossen zu haben. Ein Förster hatte am 10. November 2016 den Leichnam des Nigerianers eher zufällig in einem Waldstück am Ortsrand von Leudelingen, am „Schléiwenhaff“ entdeckt. S., der für den Mord am Drogenhändler mitverantwortlich sein soll, blieb am Dienstagmorgen erneut dem Gerichtstermin fern. Die Richter hatten S. aus der U-Haft entlassen. Dass er an dem Mord an dem Drogendealer beteiligt war, lässt sich bis jetzt nicht erhärten. Für den Mord an einer Rumänin hatte er ein „Non-lieu“ bekommen. Der 27-Jährige ist auf freiem Fuß. Er steht momentan unter juristischer Aufsicht.

Dem Beschuldigten K. wird noch ein weiterer Mord vorgeworfen. Er soll die 27-jährige Rumänin in seinem Mercedes erschossen haben. Die Leiche der Frau wurde am 14. November 2016 in Strassen auf dem Parkplatz am „Fräiheetsbaam“ entdeckt.

Am Dienstagmorgen schilderten die Kriminalbeamten der Spurensicherung die verschiedenen Phasen ihrer Arbeit. Fünf Polizisten sagten aus, welche Spuren sie nach den zwei Morden fanden. Die Erkenntnisse der Spurensicherung fügen sich wie Mosaiksteine zu einer grausigen Chronologie zusammen. Am 10. November 2016 wurden die Beamten zur Leiche des nigerianischen Drogendealers, der in einem Waldstück am Ortsrand von Leudelingen, am „Schléiwenhaff“, wie weggeworfen im Dickicht lag, bestellt. Die Körpertemperatur war auf 27,5 Grad gefallen.

Ein Ballistik-Beamter fasste seine Ergebnisse wie folgt zusammen: Bei der Autopsie wurden neun Kokain-Kügelchen im Hals des Ermordeten gefunden. Röntgenbilder des Schädels zeigten ein Vollmantelgeschoss aus Messing von 8,83 Gramm im hinteren Kopfbereich. Der Einschuss war sieben Millimeter breit. Kaliber: neun Millimeter. Insgesamt hätten sich „deutlich zu wenig“ Schmauch-Spuren gezeigt, um auf einen Nahschuss schließen zu können. Der Drogendealer wurde im Wagen von hinten durch die rechteckige Öffnung der Kopfstütze erschossen. Mit einer Walther-Pistole-9 Millimeter mit Schalldämpfer aus einer Entfernung von ungefähr fünf Zentimetern. „Mit einem Kaliber 22 wäre das Opfer nicht sofort tot gewesen. Zum Töten ist ein Kaliber von 9 Millimeter üblich“, versicherte der Beamte. „Dat do war e gudde Choix.“

Waffe lag schussbereit da

Am 14. November 2016 gegen 10.00 wurde die Leiche einer 27-jährigen Frau auf dem Parkplatz des „Fräiheetsbaam“ in Strassen entdeckt. Die Temperatur der Leiche war um einige Grade niedriger als beim ersten Opfer und betrug 16,8 Grad. Beim Umdrehen des Körpers floss Blut aus dem Hinterkopf. Aufgrund der Auffindungsumstände soll die Leiche manipuliert worden sein. Das Obduktionsergebnis bestätigte, dass die Frau konkret durch Kopfschuss ums Leben kam. Laut Ballistik soll es sich hier um einen relativen Nahschuss handeln.

Es sei kein aufgesetzter Schuss gewesen, sondern ein Schuss aus zehn Zentimeter Entfernung. Mit Sicherheit wurde hier kein Schalldämpfer benutzt, wie berichtet wurde. An der Kapuze des Pullovers wurden zu viele Schmauch-Spuren gefunden. Die Kugel sei links in ihren Kopf geschossen worden. Mit solcher Wucht, dass sie rechts wieder austrat und das Beifahrerfenster zertrümmerte. Die Frau wurde vom Fahrer erschossen. Sicher sei auch, dass kein Opfer auf dem Rücksitz des Mercedes getötet wurde. Gefundene Schmauch-Spuren schließen das aus. Die Waffe hätte schussbereit gelegen und war - zumindest beim Mord der Rumänin - unter dem Steuerrad versteckt, wie weiter ausgeführt wurde. Die Beamten bestätigten, dass beide Ablageorte der Leichen nicht die Tatorte sein konnten.

Am 16. November 2016 wurde die Wohnung und der Mercedes von K. von der Polizei durchsucht. Nach den Ausführungen der Beamten wurden im Mercedes, an der Kleidung, in den Haaren und im Gesicht des mutmaßlichen Mörders K. enorm viele Schmauch- Spuren festgestellt. Den Beifahrersitz hatte jemand gereinigt. In einem Abfalleimer fanden die Beamten viele Indizien. Blutspuren im Wagen wurden durch eine Infrarot-Kamera visualisiert. In einer Kommode im Haus fanden die Beamten den Pass des Nigerianers.

Nach einem erkennbaren Motiv, einer rationalen Erklärung, hat man am Mittwoch nicht gesucht. Warum wurde der Angeklagte zu einem möglichen Mörder? Wie sollte der Sohn aus einer angesehenen Familie zwei Menschen umbringen können? Seine Mutter, die am Mittwoch vor Gericht aussagte, gab zu Protokoll, er hätte ja wirklich alles gehabt: Geld und Erfolg, komme aus einer guten Familie und hatte beste Zukunftsaussichten! Die Mutter hatte am 10. November 2016 die Polizei gerufen. Sie bestätigte, dass sie ihren Sohn wegen seiner Kokainmachenschaften lange beobachtet hatte.

„Schlimmer als die Polizei“

„Sie sind ja schlimmer als die Polizei“, sagte die Vorsitzende Richterin.

Die Mutter bestätigte, dass ihr Sohn immer Geld gehabt hätte und dass S. ihrem Sohn Kokain geliefert habe. Geldschwierigkeiten hätte er keine gehabt. „Mir hunn schon eng Kéier 85.000 Euro beglach. Mit hätten dat och dës Kéier gemach. Mee firwat soll ech Suen investéieren déi an de Kokain gin?“ Durch die Aussagen der Mutter tauchten in der Verhandlung plötzlich immer neue Details in der Affäre auf. Die Rumänin war zwischen 22.00 und 22.30 verschwunden. Trotz der Beweise wie Kamerabilder, die gegen ihren Sohn erdrückend wirken, verschaffte die Mutter ihrem Sohn ein Alibi. Ihr Sohn sei von 21.00 bis 22.30 in seinem Büro gewesen. Sein Wagen war aber zu dieser Zeit in einem Video in der Bahnhofsgegend aufgetaucht. K. streitet den Mord an der Rumänin ab. „Mein Sohn hatte mehrere Dealer. S. war einer von ihnen“, so die Mutter. Als sie S. zur Rede stellen wollte, soll S. zu ihr gesagt haben, dass es besser wäre, sich rauszuhalten, „soss géif ech d’Sonn net méi opgoe gesinn.“

Doch S. gab zu Protokoll: „Ich kenne die Frau gar nicht.“

„Et deet mir elo scho Leed, dat ech iwwerhapt d’Police geruff hun“, gibt die Mutter zu Protokoll. Außerdem sagte sie, sie würde es seltsam finden, dass ihr Sohn so lange schon im Gefängnis sitzt. S. sei nach sechs Monaten Untersuchungshaft auf freiem Fuß. Dann sagte sie, sie habe gehört, dass S. einen Anwalt bezahlt habe. Einmal 10.000 Euro, ein anderer hätte 50.000 Euro bekommen. „Dann bin ich draußen“, soll S. gesagt haben. Sein Vater würde ihm dann ein Alibi auf der Baustelle verschaffen.

Für den Verteidiger Pim Knaff lief das Fass über. „Wenn das so weiter geht, verlange ich, dass die Zeugin ihre Aussagen unterschreibt“, meinte der Verteidiger.

Staatsanwalt David Lentz redete der Mutter ins Gewissen. „Sie haben die Polizei gerufen, weil er gefährlich ist. Jetzt liefern sie ihrem Sohn ein Alibi. Warum? Jetzt schießen Sie mit Ihren Aussagen in alle Richtungen. Sie wollen uns überzeugen, ich kann die Aussagen nicht so im Raum stehen lassen.“

Der Prozess wird fortgesetzt.