PATRICK WELTER

Nachdem des größten Premiers Ambitionen für Europa gescheitert sind (zugegeben, er hat den staubtrockenen Job des Eurogruppenchefs medial bis zur letzten Talkshow ausgepresst wie eine Zitrone) steht uns nun seine Rückkehr in die nationale Politik bevor.

Als wäre dies nicht schlimm genug, kolportieren diejenigen in Brüssel, die glauben alles zu wissen, dass hinter den Kulissen laut über einen Wechsel von „Mutti“ auf den Brüsseler Chefsessel nachgedacht wird. Nicht auf den formalen Thron von Herman-the-harmless, sondern auf den Sessel an den roten Knöpfen - den des Kommissionspräsidenten. Frau Dr. Merkel als Nachfolger von José
Manuel Barroso!

45 Jahre nach Walter Hallstein, dem ersten Präsidenten der Kommission und bisher einzigem Deutschen auf diesem Posten, ist der Berliner Anspruch auf dieses Amt keineswegs abwegig. Aber Frau Dr. Merkel auf diesem Posten? Kommissionspräsidenten sollten leidenschaftliche Europäer sein, was unser JCJ ja wirklich gewesen wäre. Barroso mag zwar gegenüber einem Politiker wie Jacques Delors nur eine Figur aus der Schattenwelt sein, aber den Europagedanken nimmt man ihm schon ab.

Aber wer soll der Königin aus der Uckermark glauben, dass sie sich wirklich für Europa begeistern kann? Nichts, aber gar nichts lässt den Verdacht verschwinden, dass Madame Merkel nicht begriffen hat, das hinter Europa eine Idee steckt. Sie ist die Herrscherin des Machbaren. Ideologie höchstens für die Galerie, damit der verschreckte Kirchgänger wenigstens zeitweise glaubt, in der richtigen Partei zu sein. Ansonsten ist sie eine Meisterin des Adenauerschen Credos „Wat interessiert misch mein Jeschwätz von jestern?“.

Hü und Hott bei der Schuldenkrise. Schlechte Griechen, gute Griechen. Raus und rein beim Atomausstieg. Jetzt kommt die ökologische Wende. Die zur Renaissance der Kohlekraftwerke führt, weil Merkel sich davor scheut, neue Stromtrassen bauen zu lassen, sie könnte es sich ja mit jemandem verderben.

Dass Politik nach Standpunkten verlangt, scheint für Merkel unbegreiflich zu sein. Politik bedeutet für sie einen Job mit Macht zu haben, und diese behalten zu wollen. Aber was macht sie mit ihrer Macht? Sie kontrolliert bis zum Exzess. Sie gestaltet nichts und sie setzt nichts durch. Sie käme niemals auf die Idee, wie Gerhard Schröder mit Neuwahlen einen „Ritt über den Bodensee“ zu wagen. Dass Schröder dabei kurz vor dem rettenden Ufer eingebrochen ist, wird sie mit einem „Ich hab’s ja gesagt“ kommentiert haben.

Dank ihrer eisernen Kontrolle wird ihre entideologisiert CDU (ähnlich einer Partei in Luxemburg) mächtig Mühe haben, einen geeigneten Nachfolger oder eine Nachfolgerin zu finden. Wer soll’s denn machen auf dem Berliner Chefsessel? Alle Konkurrenten erledigt, weggebissen, den „Andenpakt“ in die Emigration oder nach Großburgwedel getrieben. Wer bleibt dann? Volker Kauder, der Wunschkandidat der schwäbischen CDU-Ortsverbände? Ursula von der Leyen? Letztere wäre beim Wahlvolk mehrheitsfähig, aber nicht in der CDU.

Ihrer Partei und auch Europa täte Frau Merkel einen ganz großen Gefallen, wenn sie in Berlin bliebe.