LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Wenn Entscheidungsfreiheit zum Schreckgespenst wird

Ewige Studenten konnte ich lange Zeit überhaupt nicht verstehen. Denn fleißig sollten, nein, wollen wir doch sein und zielstrebig! Irgendwann wollen wir doch alle einmal „im Leben ankommen“!

Das Ziel ist das Ziel

Bis dato war dieses Ziel für mich immer ganz klar definiert, stand genau fest, was es bedeutete, „im Leben anzukommen“. Und zwar nicht durch mich selbst, sondern auch durch gesellschaftliche Erwartungen. Ich erinnere mich daran, dass mir schon im Kindergarten erklärt wurde, warum ich in die Schule gehen musste, nämlich, um mich für die Arbeitswelt zu rüsten und zu qualifizieren. Dieses Ziel stand immer im Raum und unsere Vorstellung von unserer Zukunft und vom Leben im Gesamten wurde immer enger und enger, als zwinge man uns, durch eine leere Klopapierrolle zu blicken.

Spiele wurden niemals um ihrer selbst willen gespielt. Wir spielten nicht spielend, wir lernten spielend. Es ist nicht so, als hätten wir den Unterschied damals gemerkt, geschweige denn, als hätte er uns gestört, denn wir wollten ja dazulernen. Wir wollten ja stolz auf uns sein können. Und wir wollten gewinnen. Wir wollten gewinnen, um uns in der Sicherheit wiegen zu können, dass wir, wenn wir schon als Vierjährige die Nase vorn hätten, mit größerer Wahrscheinlichkeit einmal einen besseren Job ergattern würden. Das war das universale Ziel, das für uns alle gesteckt wurde und hinter dem alle anderen und persönlichen Zukunftswünsche immer weiter verblassten.

In geordneten Bahnen

Heute wird mir bewusst, dass ich als Kind meine Entscheidungsfreiheit freiwillig aufgab. Wer vermisst schon Freiheit in einem gerechten System, das verspricht, aus Fleiß guten Noten und aus guten Noten finanzielle Absicherung und Freude bei der Arbeit werden zu lassen und alle anderen Aspekte des Lebens, die über Glück und Unglück entscheiden können, ausklammert? Wer vermisst schon Freiheit, wenn er glaubt, dass ihm der Weg bequem gebahnt wird, dass sich schon alles irgendwie ergibt, mit der Zeit. So heißt es doch immer. Nicht: Du wirst schon noch herausfinden, was du willst. Sondern: Es wird sich zeigen, was für dich am besten ist.

Für den Schritt nach dem Abitur hat sich das durchaus bestätigt. Zunächst einmal scheint es abwegig, eine andere Option als das Studium in Erwägung zu ziehen, wenn die Noten es zulassen. Wer studieren kann, von dem wird auch erwartet, dass er es tut. Natürlich muss er sich dann für eine Stadt und ein Fach entscheiden, aber: das Zeugnis, die ausgewählte Fachrichtung in der Schule und die Interessen geben bestimmte Richtungen vor, welche einzuschlagen eine logische Schlussfolgerung daraus ist.

Der Sprung ins Unbekannte

Zweifel darüber, ob die Studienwahl richtig gewesen ist, stellen sich, so konnte ich es beobachten, erst im Laufe des Studiums ein. Und es geht dabei selten um Zweifel am Studium an sich. Zum ersten Mal wagt man als Student den Blick nach vorne, ganz ans Ende der schulischen und beruflichen Ausbildung. Und was man dann sieht, ist Dunkelheit, sind Fragezeichen. Denn welcher Beruf genau gewählt wird, ergibt sich auf einmal nicht mehr so einfach und logisch wie der letzte Ausbildungsschritt. Die Wahl des Jobs verlangt, vielleicht zum ersten Mal, wirklich eine bewusste Entscheidung, sie verlangt jungen Menschen zum ersten Mal den Schritt in die Freiheit und Selbstbestimmung ab. Zumal, so erklärte man uns einmal, ein Studium berufsqualifizierend, aber nicht berufsorientierend ist. So kommt es, dass Schule und Uni paradoxerweise den Job immerzu als höchstes Ziel preisen, jedoch selten auf konkrete Aufgaben und Herausforderungen im Job und seiner Vereinbarung mit dem Privatleben vorbereiten.

Dieser Umstand führt zu Verunsicherungen. Ich bildete mir ein, schon von jeher gewusst zu haben, was aus mir werden sollte. Aber wenn man kurz davor steht, es tatsächlich zu werden, den Sprung zu machen in eine neue Lebensetappe hindurch durch das Ziel, auf dem „Job“ steht, dieser Job, der nach all dem, was man von ihm gehört hat, der nach der ganzen Zeit, während der man auf ihn hingearbeitet hat, zu einem Mythos geworden ist, wirkt der Schritt, auf den man sich so gefreut hat, auf einmal beängstigend.

Wertschätzung und Entmystifizierung

Als ich dem Abschluss meiner Arbeit näher kam, wurde die bevorstehende Freiheit und das Erreichen dessen, worauf ich mein bisheriges Leben hingearbeitet hatte, für mich immer mehr zu einem Schreckgespenst. Mir war, als hätte mich mein Leben lang jemand an der Hand geführt, und wäre drauf und dran, mich von einer Klippe ins eiskalte Wasser zu schmeißen. Ratschläge erhielt ich als baldige Absolventin viele, aber wissen, was ich wirklich will, kann nur ich allein. Umso mehr, da das Ausführen eines Jobs doch so oft als erfüllendes Mittel zur Selbstverwirklichung gepriesen wird und wir uns, gegenüber uns selbst, verpflichtet dazu fühlen, mit unserer Wahl diese Chance wahrzunehmen.

Ich bereue meinen Fleiß und Ehrgeiz nicht, den ich mir schon in Kindheitstagen antrainiert habe, und ich glaube wirklich, dass er mir Perspektiven verschafft hat, in der Arbeit die erhoffte Erfüllung zu finden. Die Angst ist, zugunsten der Vorfreude, gewichen. Dennoch sollten wir unsere Attitüden und womöglich das Schulsystem hinterfragen, damit die Arbeitswelt für junge Menschen ein Stück weit entmystifiziert und keine Lern- und Lebensetappe davor mehr als bloßes „Dazwischen“, als Mittel zur Berufsvorbereitung wahrgenommen wird. •