MADRE DE DIOS/PERU
SIMONE MOLITOR

Vom Andenhochland in den tropischen Regenwald Perus

Hoch oben in den peruanischen Anden entspringen die Quellflüsse des legendären Amazonas. Über 6.000 Kilometer bahnt er sich seinen Weg durch das Amazonasbecken und schließlich quer durch Brasilien bis hin zur Atlantikküste. Der mächtige Fluss zieht sich durch das größte zusammenhängende Regenwaldgebiet der Erde. An seinen Ufern tiefster Urwald mit einer enormen Artenvielfalt. Ja, auch das ist Peru. Eine Dschungelexpedition steht deshalb natürlich auf der To-Do-Liste unserer Drei-Wochen-Tour.

Nur eine halbe Flugstunde von Cusco entfernt liegt Puerto Maldonado in der Provinz „Madre de Dios“. Das kleine, staubige Städtchen hat sich zum Ausgangspunkt für urwaldhungrige Touristen entwickelt, die von dort aus zu mehrtägigen Touren in den tropischen Regenwald aufbrechen. Die durchschnittliche Temperatur liegt in dieser Zone übrigens bei 26 Grad. Mütze und Schal, die noch im peruanischen Andenhochland zur Pflichtausstattung gehörten, tauschen wir hier gegen Shorts und T-Shirts aus. Tschüss kalte Füße, hallo stechwütige Moskitos!

Weltweit größter Urwaldnationalpark

Fast zwei Stunden schippern wir im motorisierten Boot über den schokoladenbraunen „Río Madre de Dios“, bis wir schließlich unsere Unterkunft im Manú-Nationalpark erreichen. 1987 von der UNESCO zum Weltnaturerbe erhoben, ist er mit knapp zwei Millionen Hektar der größte Urwaldschutzpark der Erde. In drei Zonen unterteilt, ist jedoch lediglich die „Zona Cultural“ für Touristen zugänglich. Hier finden sich einige Lodges verschiedener Preisklassen. Wir haben uns diesmal für die etwas gehobenere Kategorie entschieden. Erfahrung mit durchgelegenen Matratzen unter Moskitonetzen in schlichten Holzhütten haben wir bereits während vergangener Reisen gesammelt. Man wird ja auch nicht jünger. Die „Eco Amazonia Lodge“ bietet tatsächlich erstaunlich viel Komfort, obwohl eigentlich gefühlt fernab jeglicher Zivilisation.

Vor uns liegt die sattgrüne Urwaldpracht, ein einzigartiges Naturreservat, das nur mit Führer zu begehen ist. Es ist eines der wenigen ökologisch noch intakten Regenwaldgebiete überhaupt, ein in weiten Teilen unberührtes Paradies mit einzigartiger Flora und Fauna. Sogar Jaguare sind hier noch heimisch, genau wie Riesenotter, schwarze Mohrenkaimane, Tapire, zahllose Affenarten, Anakondas, Ameisenbären und Wasserschweine. Inständig hoffen wir, den meisten dieser Tiere während unseres dreitägigen Aufenthalts nicht zu begegnen, bilden uns aber gleich in der ersten Nacht ein, das ein oder andere zumindest gehört zu haben. Wenn die Nacht anbricht, erwacht der Dschungel nämlich erst recht zum Leben. Wenngleich auch tagsüber bereits die unterschiedlichsten pfeifenden, zirpenden und quakenden Tierstimmen zur ständigen Soundkulisse gehören, so wird doch bei Anbruch der Dunkelheit ein regelrechtes Urwaldkonzert angestimmt.

Faszinierende Artenvielfalt

Noch beeindruckender ist der Dschungel natürlich tagsüber, wenn man auch etwas davon sieht. Zahlreiche farbenprächtige Schmetterlinge flattern an unseren Nasen vorbei, als wir mit unserem Guide auf Erkundungstour gehen und über teils schlammige Pfade und wacklige Hängebrücken immer tiefer in den Dschungel vordringen. Hoch oben in einem Baumwipfel streitet ein Papageienpaar, etwas weiter hinten erspähen wir eine Gruppe herumtollender Affen in dem Geäst. Wir erfahren, welche Pflanzen und Baumrinden, zu welchen Zwecken genutzt werden und aus welchen Lianen Wasser getrunken werden kann, machen Halt an skurrilen Termitenhügeln, beobachten, wie unser Führer mit einem Stock in einem kleinen Erdloch stochert und kreischen, als eine haarige Tarantel hervorschnellt. „Just a baby tarantula“, lacht er, während uns der Schrecken tief in den Beinen sitzt.

Gewaltige Urwaldriesen und süße Äffchen

Besonders staunen lassen uns die gewaltigen Urwaldriesen mit ihren wuchtigen Brettwurzeln. Manche von ihnen sind viele hundert Jahre alt. Ein besonders prachtvolles Exemplar, bei dem wir eine Pause einlegen, soll laut unserem Guide sogar 1.000 Lenze zählen. Unfassbar eigentlich. Müssten wir wegen der vielen herumschwirrenden Stechmücken nicht besonders achtsam sein, würde uns sicherlich pausenlos vor Staunen der Mund offen stehen.

Ein weiterer Ausflug führt uns zur „Monkey Island“ auf der anderen Flussseite, wo zahlreiche Affenarten - etwa Kapuziner- oder Spinnenaffen - leben. Wie wir von unserem Führer erfahren, wurden viele von ihnen auf der Insel ausgewildert, nachdem sie zuvor in einer Auffangstation wegen einer Verletzung wieder aufgepäppelt wurden. Ihre Scheu vor Menschen haben die pelzigen Inselbewohner teilweise verloren, vor allem wenn eine Touristengruppe mit Bananen ankommt.

Unsere Expedition ins Tierreich dehnt sich auch aufs Wasser aus. Kaimane gleiten durch den See, den wir mit unserem Boot durchpaddeln, oder liegen einfach nur starr im Wasser, um uns Eindringlinge mit ihren gelben Augen zu beobachten. Schildkröten genießen die Sonnenstrahlen auf einem Baumstamm. Bunt gefiederte Vögel zwitschern in den Baumkronen. Dem Zauber des Dschungels sind wir längst erlegen, als wir die unzähligen Stufen eines Aussichtsturms besteigen und in schwindelerregender Höhe unseren Blick über die unendliche Weite dieses mystischen Naturwunderlands schweifen lassen.